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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-12-29 · 52 (29.12.1905) · p. [Seite]

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
52 (29.12.1905)
Date
1905-12-29
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
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Zeitschrift für die Gchmtiiitmffeil des Judentums. Webst öem Weiblatt: Jüdisches Littevceturbtcrtt. Erscheint an jedem Freitag das jüdische Litteraturblatt monatlich zweimal. Alle Postanstalten nehmen Abonnements entgegen. Redaktion und Verlag: Bezugspreis vierteljährlich: Werkin 6., Woß-Ktraße 3 Deutschland u. Österreich-Ungarn 3.— Mk. Telephon: Amt I, 5729.! alle anderen Länder 3.50 Mk. Anzeigen für die Ispaltige Petitzeile 30 Pf. Alle Annoncen-Expeditionen nehmen Anzeigen entgegen. Kummer 52. Berlin, 29. Dezember 1905. 14. Jahrgang. wir bitten die geehrten Past - Abonnenten das Abonnement auf das I. Quartal bei ihrem Postamt gefl. sofort zu erneuern. Die Abonnenten, die die Zeitschrift direkt beziehen, erhalten sie fortlaufend zugesandt. Berlin, Ende Dezember *905. Uerlag der Israelitischen machen schritt. Alle, auch für die Redaktion bestimmte Mitteilungen erbitten mir an die Adresse Israelitische Wochenschrift Berlin C., Rotz-Straffe 3. Die heutige Nummer enthält das Jüdische LitteraturblattNr.34. Inhalt. Artikel: Das moralische Defizit. — Zur Judenfrage in Oesterreich. — Wie die Krawalle gemacht werden. — Eine Studienreise nach Rußland. — Die Sozialreform in Israel. — Politik: Vom neuen englischen Ministerium. — Generalversammlung des ^südischen Asyls in London. — Jüdische Kandidaten bei der nächsten Wahlkampagne in England. — Sitzung des russischen Staatsrat. — Oberst Henry spukt weiter. — Wochenchronik. — Inserate. vas moralische Defizit. In einer Stadt war einst eine Epidemie ausgebrochen, und der brave Bürgermeister, in der löblichen Absicht, die Bürgerschaft zu beruhigen, berichtete über den Stand der Dinge, „die Seuche träte gottlob milde auf — es stürben bloß arme Leute". Diese Anekdote, die ich irgendwo gelesen habe, mag nichts weiter als ein boshafter Witz sein, von einem Wortführer des Proletariats gegen die Vertreter der wohlhabenden Klassen gemünzt. Aber wir erleben zurzeit etwas Aehnliches, und diesmal ist es leider kein Witz, sondern eine traurige Wahrheit. Vor etwa zwei Monaten sind in Rußland gegen die Juden schreckliche Greuel verübt worden. Die Nachrichten von diesen Vorgängen gingen durch die Presse der ganzen zivilisierten Welt und erregten überall Abscheu und Entrüstung. Auch regte sich das Mitleid für die Opfer der schrecklichen Metzeleien, und der Klingelbeutel ging herum, um von allem und jedem milde Gaben einzusammeln. Seitdem ist es aber stiller, ja, ganz still geworden, und mit Ausnahme der jüdischen Blätter sprachen die Organe der öffentlichen Meinung kein Wort mehr von jenen Vorgängen. Man hat sich unterdessen die Sache ruhiger überlegt. Es sind in der Tat „nur" Tausende von Juden hingemordet worden, „nur" Hunderttausende von Juden verstümmelt, verkrüppelt, beraubt und zu Bettlern gemacht worden. Gewiß, es ist dies sehr traurig, und daher wurden ja allerorts Spenden eingesammelt. Aber man kann doch der Juden wegen keine politischen Fragen aufrollen, zumal jetzt, wo die europäische Diplomatie auch ohnedies alle Hände voll zu tun hat mit verschiedenen politischen Fragen und Differenzen, die viel wichtiger sind. Die Regierung der großen Republik jenseits der Großen Ozeans hatte einst andere Grundsätze bezüglich der Behandlung der Judenfragen in Rußland und in Rumänien. Wir erinnern uns, daß vom Staatssekretär des Auswärtigen Amts in der Union einst eine Note an die europäischen Großmächte erging, in der sie an ihre Pflichten gegen die Juden in Rumänien erinnert wurden. Nach den schrecklichen Ereignissen in Kischinew wurde von Washington aus ein ähnliches Schriftstück nach Petersburg geschickt, das freilich von der unverschämten bureaukraten Negierung in Rußland nicht angenommen wurde. Jetzt aber verhält sich auch die amerikanische Diplomatie kalt und teilnahmlos angesichts von Geschehnissen, wie sie in Europa seit Jahrhunderten nicht mehr vorgekommen sind. Den Grund für diesen Gesinnungswechsel in Washington können wir unschwer erraten. In Amerika hält man es jetzt für geratener, mit Rußland in gutem Einvernehmen zu leben. Da Japan aus dem Krieg gestärkt hervorgegangen ist und noch dazu mit Großbritannien ein Schutz- und Trutzbündnis abgeschlossen hat, muß die amerikanische Regierung dafür sorgen, daß die Bäume Japans nicht allzusehr m den Himmel wachsen. Zu diesem Zweck sieht es sich nach Bundesgenossen um. Und da kann auch Rußland herhalten, dasselbe Rußland, das die öffentliche Meinung in Amerika noch vor zwei Jahren für einen barbarischen, abscheulich regierten Staat erklärt hat. Rußland

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