Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 51 (22.12.1905)
- Date
- 1905-12-22
- Page
- Seite 719 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9606364-9607122--9775-9607137- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 51. Israelitische Wochenschrift. Seite 719. vorgelegt werden wird Die Kantorenschulen-Kommission ist eifrig bestrebt, für eine bessere Fachbildung geeignete Wege zu eröffnen. Die äußere Besserstellung der Kantoren (Anstellungsverhältniffe, Relikten' und Altersversorgung) ist ebenfalls in den Bereich der Beratungen gezogen, so daß Vorschläge dazu der nächsten Generalversammlung unterbreitet werden können Auf Grund dieser Vorarbeiten wird der Vorstand des Verbandes in einer Sitzung am 27. Dezember in Berlin für die weitere Ausgestaltung des Verbandes zu einer Beratung zusammentreten und gleichzeitig nähere Bestimmungen üoer die nächste Generalversammlung treffen. Eine solche Tätigkeit in dem Verbände wird nicht nur dazu beitragen, daß der ganze Stand in sich gehoben wird, sie wird es auch ermöglichen, daß der Verband jedem Einzelnen der Kantorenschaft bei der Beffergestaltung seiner äußeren Stellung dienlich sein kann. Es liegt daher im Interesse jedes Kantors — Alle für Einen und Jeder für das Gemeinwohl — dem Verbände als Mitglied beizutreten. Zur Bewerkstelligung eines möglichst vollzählrgen Zusammenschlusses aller deutschen Kantoren sind für die einzelnen Bezirke des Reiches Vertrauensmänner eingesetzt, die bereit sind, Beitrittserklärungen zu dem Allgemeinen Deutschen Kantorenverband entgegenzunehmen. — Auf Anregung des „HilfsvereinS der Deutschen Juden" in Berlin und maßgebender Persönlichkeiten in Newyork fand am 14. November unter dem Vorsitz von Lord Rothschild in London eine Konferenz der jüdischen Organisationen statt, die dem Httfswerk für die unglücklichen Opfer der Judenmetzeleien in Rußland eine einheitliche Durchführung sichern sollte. Um die Unterlagen für das allseits als notwendig anerkannte gemeinsame Vorgehen zu gewinnen, wurde beschlossen, eine Kommission, bestehend aus den Herren Dr. Paul Nathan, Vorstandsmitglied des Hilssvereins der Deutschen Juden, Berlin, Carl Ctettauer-London und Feinberg-Petersburg nach Rußland zu entsenden, mit der doppelten Ausgabe: durch Augenschein und persönliche Nachforschung an Ort und Stelle den Umfang des Unglücks und den Umfang der notwendig werdenden Hilfe festzustellen und eine zweckmäßige und planvolle Organisation oes Hltfswerks in Rußland selbst in die Wege zu leiten. Ferner wurde festgesetzt, daß in Berlin etit Zentralbureau errichtet werden soll, das alles Material zu sammeln und zu sichten habe. Mit der Errichtung dieses Bureaus wurde der Hilssverein der Deutschen Juden betraut. Auf Grund dieser Beschlüsse trat die Kommiision am 22. November ihre Reise nach Rußland an. Trotz der Schwierigkeiten, die sich infolge der unruhigen Zeit, infolge der Revolten, des Bahn-, Post- und Telegraphenstreiks der Ausführung entgegensetzten, gelang es der Kommission, Rußland von Petersburg bls nach Odessa zu durchreisen und die ihr von der Konferenz gestellten Ausgabe zu erfüllen. Die von den Metzeleien heimgesuchten Gegenden wurden in elf Bezirke eiugeleilt, dte von je einem zentralen Mittelpunkt aus versorgt werden. Die Zentralen eines jeden Bezirks stehen mit Petersburg und mit dem Zentralbureau in Berlin in Verbindung. Von Berlin aus, wo alle Vorschläge geprüft werden, wird durch Vermittlung von M. N Rothschild Söhlle in London das Hilsswerk geleitet. Die Feststellung des Schadens in den einzelnen betroffenen Ortschaften, von denen bis jetzt über 300 gezählt worden, geschieht nach sorgsältlg ausgearbeiteten Formularen, die es ermöglichen, eine gerechte Verteilung vorzunehmen. Um auch die verschiedenartigen Verhältnisse der Geschädigten berücksichtigen zu können, wurden alle Betroffenen in folgende vier Klassen emgeteilt: 1. Großkaufleute, 2. Mittlere Kaufleute, 3. Kleinkaufleute und Handwerker, 4. Arbeiter Jede dieser Klassen erfordert naturgemäß bei der Bemessung der Entschädigung eine andere Behandlung. Die Kommission hat es als selbstverständlich angesehen, daß bei der Hilfsaktton auch alle jene Christen bedacht werden, die bei der Verteidigung der angegriffenen Juden Schaden erlitten haben. Als Richtschnur für die ganze Tätigkeit der Kommission diente der Grundsatz, daß die Hilfe nicht in Almosen bestehe, sondern in der Weise gewährt werden soll, daß die vernichteten Existenzen wieder aufgerichtet werden und den Geschädigten die Möglichkeit erneuter Gewerbetätigkeit gesichert wird. Zum größten Teil ist die Aufgabe von der Kommission in Rußland selbst erledigt worden. Es sind 1 629 000 Rubel zur Verteilung bestimmt worden, jedoch wird noch eine weitere Million Rubel für den gleichen Zweck notwendig sein. Eine andere große Ausgabe, für die sehr große Summen erforderlich sind, ist die dauernde Versorgung von Witwen und Waisen und von Krüppeln, die meist bestialisch bei den Verfolgungen verstümmelt wurden und absolut erwerbsunfähig sind. Die Eindrücke der Kommission, die sie durch unmittelbare Beobachtung und durch die Vernehmung absolut zuverlässiger Zeugen fvwonnen hat, sind die furchtbarsten. Die Wirkungen der Verfolgungen sind entsetzlicher, als das auf Grund der bisherigen schriftlichen Berichte hat angenommen werden können und leider muß es ausgesprochen werden, es besteht nicht die geringste Garantie dafür, daß gleiche Ausschreitungen für die Zukunft unmöglich sein werden. Der Bericht der Kommission sagt darüber: „Die Befürchtung ist vielmehr gerechtfertigt, daß bei der systematischen Hetze, die auch jetzt noch in zahlreichen Ortschaften gegen unsere Glaubensgenossen betrieben wird, und bei der Straflosigkeit, deren sich zahlreiche, bei der Verfolgung beteiligte russische Staatsbeamte erfreuen, neue, schwere Ausschreitungen gegen die russischen Juden in jedem Augenblick erwartet werden können Es bleibt daher die Pflicht der nichtrussischen Juden, auf das Ernsteste mit diesen Möglichkeiten zu rechnen und auf eine erneute Intervention gefaßt zu sein". Unter diesen Umständen ist die Ergänzung der Fonds, die für die furchtbarHeimgesuchten bestimmt sind, einGeb ot derMeuschlichkei t. — Am 10 Dezember hielt der Vorstand des Vereins „Jüdische Arbeiter-Kolonie" im Bureau des D -I. G -B. gemeinsam mit den Damen und Herren des Wohlfahrtausschusses eine sehr zahlreich besuchte Sitzuug ab Anstelle der im Laufe des Jahres durch den Tod ausgeschiedenen Vorstandsmitglieder, Justizrat Herm. Stern I und Martin Simon, sind die Herren Emil Cohn in Charlottenburg und Dr. Ginsberg getreten. Ueber die Weiterentwicklung der Anstalt lagen günstige Berichte vor. Zurzeit sind 86 Insassen vorhanden, von denen 26 mit Stocksabrikation, 2'» mit Rohrflechterei, 83 mit Herstellung von Bürsten, einer als Kolonieschneider, einer mit Hausreinigung beschäftigt sind In den II verflossenen Monaten hat die Kolonie 411 Mann, seit ihrem Bestehen 1344 Mann aus allen Ländern Europas aufgenommeu. — Am Sonnabend, den 23. ds. Mts., abends 6 Uhr findet in der Anstalt eine Chanuka-Feier statt, an der sich die Herren und Damen des Vorstandes und Wohlfahrtsausschusses beteiligen werden. Auch Gönner der Anstalt sind als Gäste willkommen. Tie Festrede hat Herr Tr Eschelbacher jr. übernommen. — Bei dem großen Zugang neuer Kolonisten ist das Bedürfnis nach gebrauchten Kleidungsstücken jederzeit sehr groß. Besonders aber jetzt im Winter. Alle Menschenfreunde werden daher gebeten, solche zur Verfügung zu stellen Tie Abholung erfolgt auf telephonische oder schriftliche Benachrichtigung des Inspektors, Herrn Behrendt, Weißensee, Wörthstr. 20, Telephon: Amt Weißensee, Rr. 192. — Sonntag, den 17. Dezember, fand in der Synagoge Beth Zion, Brunnenstraße 10, ein Trauergottesdienst für die Opfer der russischen Greuel statt. Nach der Rezitation mehrerer Psalmen folgte ein Vortrag des Kantors Micklom ledowid. Hierauf hielt Herr Rabbiner Höxter eine tief zu Herzen gehende Predigt. Bei geöffneter heiliger Lade sprach er am Schlüsse ein hebräisches Gebet. Dann folgte Gesang des Kantors, ein deutsches Gebet des Rabbiners für das Seelenheil der Hingeschlachteten, ei wols rachamim und olenu. Die aufgestellten Sammelbüchsen ergaben einen reichen Betrag. — Der Verband der Sabbathfreunde (Ortsgruppe Berlin.) hält am 26. Dezember d. I eine öffentliche Versammlung, abends 9 Uhr in der Aula der Mädchenschule der hiesigen jüdischen Gemeinde, Kaiserstraße 29/30, ab. Tagesordnung: 1. Vortrag des Herrn Dr. Hirsch-Hildesheimer. Was soll und will der Verband der Sabbathfreunde? 2. Referat des Herrn Eli Lazarus. Was hat der Verband bisher erreicht, was kann er erreichen? — Die Errichtung eines jüdischen Friedhofes für den Berliner Westen und Süden beschäftigte die Laukwitzer Gemeindevertretung in ihrer letzten Sitzung. Für ein Gelände zwischen der Marienfelder Straße und dem Grünen Wege waren der Gemeinde schon vor einiger Zeit 100000 Mk. geboten worden. Der Antrag-wurde damals abgelehnt. Jetzt haben die Antragsteller ihr Angebot auf 300 OuO Mk. erhöht und sich außerdem zur unentgeltlichen Abtretung von Straßenland unb zur ordnungsmäßigen Pflasterung der Zufahrtstraßen verpflichtet. Von verschiedenen Gemeindevertrelern wurde darauf hingewiesen, daß die Anlage eines Friedhofes mitten im Orte die gesunde Weiterentwickelung von Lankwitz behindern würde; aus dem gleichen Grunde seien auch Anträge von christlichen Gemeinden auf Hergabe von KirchhofSland stets abschlägig beschieden worden. Man möge sich durch die Höhe der Abfindungssumme nicht beeinflussen lassen. Das Gelände könnte als Bauland weit günstiger verwertet werden. Schließlich wurde der Antrag mit allen gegen drei Stimmen abgelehnt.