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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-12-22 · 51 (22.12.1905) · p. Seite 717

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
51 (22.12.1905)
Date
1905-12-22
Page
Seite 717 (sequence 14)
Language
German
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Nr. 51. Israelitische Wochenschrift. Seite 717. Die Politik. Die „Kreuzzeitung" schreit nach Weröoten gegen die Kinwanderung russischer Juden. Sie schreibt: „Als für Deutschland vielleicht unerfreulichste Folgeerscheinung der revolutionären Bewegung in Rußland muß die Auswanderung der russischen Juden betrachtet werden, die sich seit einigen Monaten in verstärktem Maße bemerkbar macht. In Berlin bildet die Zunahme des jüdischen Elements das allgemeine Tagesgespräch, und es wird vielfach das Bedauern laut, daß unsere Gesetze keine Handhabe bieten, um das Zuströmen dieser vom völkischen und kulturellen Standpunkt gleich wenig erstrebenswerten Fremdlinge zu verhindern Die Gasthöfe sind geradezu überfüllt mit russischen Juden, und besonders in der Stadtbahn treten die Eigenarten dieser Reisenden nicht gerade angenehm hervor. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß ein großer Teil dieser Abwanderung in deutschen Städten, vor allem in Berlin und Umgebung, ein ertragreiches Feld für seine Tätigkeit suchen und finden wird; wie viele Zehntausende dann später Nachfolgen werden, entzieht sich jeder Beurteilung. Wenn dieser heimatlose, politisch unzuverlässige Teil der russischen Bevölkerung sich hier eine neue Existenz gründet, so wird der monarchische und deutsche Gedanke davon nichts als Schaden haben. Revolutionäre sind sie in Rußland gewesen und sie werden auch in Deutschland nur die Reihen der Umsturzpartei verstärken. Dafür bürgt nicht nur ihre Vergangenheit, sondern auch die Erfahrung, die bisher schon mit einem großen Teil der europäischen Juden gemacht worden ist. Es wäre dem Staat daher gar nicht zu verdenken, wenn er gegen die unerwünschte Einwanderung gesetzgeberische Maßregeln ergriffe Denn eine juristische oder moralische Verpflichtung, volksfremde Elemente in den Staatsbürgerverband aufzunehmen, kann gegenüber den vielleicht im Durchschnitt etwas bemittelteren Juden mit nicht mehr Recht konstruiert werden, als gegenüber den litauischen, russisch polnischen oder galizischen Saisonarbeitern, die sich bei dem Arbeitermangel auf dem Lande wenigstens als werktätige, arbeitsame Hilfskräfte unentbehrlich gemacht haben." Daß diese armen verfolgten Juden lediglich vorübergehend Schutz suchen in dem gastfreien Deutschland vor dem russischen Mordpöbel, scheint die „Kreuzzeitg." nicht wahr haben zu wollen. * * 4- Die Gründung einer antisemitischen Zeitung in Oisenach wird auf Grund des Reichstags-Wahlerfolges vom Reichsverband der deutsch-sozialen Partei beabsichtigt. * * Zer Wapst gegen die Iudenmasiakers. Der vom „Offervatore Romano" veröffentlichte Brief des Papstes an die Bischöfe Russisch-Polens führt aus, die gegenwärtige Lage habe ihn sehr bewegt und er bitte die Bischöfe, daß sie ihre Vermittlung zur Herstellung des Friedens und der Eintracht geltend machen. Der Papst bedauere die Taten der Parteien, insbesondere die der Sozialisten, der Radikalen und der Nationalen, die Gewalttaten und solche Judenmetzeleien provozieren, wie sie das Evangelium selbst verdammt. Der Papst fordert alle Katholiken in Russisch-Polen auf, sich zu einigen zum Zwecke der Heilung der Schäden, die der Gesellschaft, der Religion und den Gesetzen zugefügt wurden. Der Papst lobt die Weisheit und die Milde des Zaren, der ihm Beweise seiner Freundschaft gegeben habe, und der seinen Untertanen durch den Ukas vom 30. April die Glaubensfreiheit gewährte, was durch den Ukas vom 30. Oktober bestätigt wurde. Der Papst schließt mit der Aufforderung an die Katholiken, von den neuen bürgerlichen Rechten in dem Sinne Gebrauch zu machen, daß dadurch die Zustände in dem dem russischen Reiche gehorsamen Polen sich bessern. Morn deutschen Konsul in Kiew. Ueber das Verhalten des deutschen Konsuls in Kiew während des großen Judenmordens daselbst geben wir eine in der Petersburger Zeitung „Nascha Shisn" veröffentlichte Zuschrift der Frau Dr. jur. Obbermann wieder, in der Hoffnung, daß diese Mitteilung das Auswärtige Amt veranlassen wird, der Sache auf den Grunv zu gehen. Das Konsulat befindet sich in der Jachowerstraße im Hause des jüdischen Millionärs Ebstein. Als der Krawall ausbrach, bat Ebsteins Sohn, ein Student, den Konsul um die Erlaubnis für sich und seine Familie, in der Kanzlei sich verstecken zu dürfen. Der Konsul befahl ihm, sich zu entfernen. Darauf kam das Familienoberhaupt, Herr Ebstein, selber und bat den Konsul flehentlich, doch Militär zum Schutze des Konsulatsgebäudes zu fordern, etwas, was der französische Konsul in Kiew ohne Aufforderung bereits von selber getan hatte. Allein der Konsul erwiderte ihm: „Mir selbst wird nichts passieren, und um Sie, Herr, kümmere ich mich nicht." Bemerkt muß werden, daß zu dieser Stunde im Hause des Herrn Ebstein nicht weniger als 53 Juden Schutz gesucht hatten, da das im Hause sich befindende deutsche Konsulat ihnen eine gewisse Sicherheit zu bieten schien. Das Haus ist vollständig demoliert worden und von den 53 Personen wäre kein einziger am Leben geblieben, wenn sich nicht ihrer ein anderer christlicher M.eter im Hause Ebsteins erbarmt j hätte. Waron Hünzöurg berichtet aus Kiew folgendes: „Mittwoch früh verließ Wolodja das Haus, um mit dem Gehilfen des Generalgouverneurs zu sprechen. Gegen 11 Uhr meldete man uns, daß Häuser in unserer Nähe geplündert wurden. Die Frauen schickte ich auf den Boden. Ich selbst eilte, das vordere Tor zu schließen, aber ich fand den Schlüssel nicht; ich rief nach den Dienern, aber die waren verschwnnden. Wie ich gerade die Haustür schließen wollte, wurden bereits Fenster eingeschlagen. Ich wollte die Angreifer in den Hof zurückdrängen, da erhielt ich schon Stockschläge auf den Kopf. Unser Jugendfreund und Nachbar Gregor Br. kam mit einem Gewehr, um mir beizustehen; er tötete ein oder zwei Kerls, da ergriffen die anderen 15 bis 20 die Flucht. Als wir auf die Straße traten, um die Bande vollends zu verjagen, erhielt ich mit einem Stuhl einen Schlag auf den Kopf, der mich zu Boden streckte. Einige Minuten lag ich kraftlos da, und wie ich erwachte, sah ich gerade, daß Gregor Br. sein Gewehr und seine Munition dem Polizeikommissar abliefern mußte. Kaum war er entwaffnet, als zwei Kerls mit Knütteln über ihn herfielen und ihn zu Boden schlugen. Jetzt sammelte ich meine letzten Kräfte, stand auf, überschritt die Straße und stürzte auf die Menschen los, aber ein neuer Hieb auf den Kopf warf mich zu Boden. Gregor Br. lag ohne Besinnung. Da sah ich Soldaten mit einem Offizier an der Spitze herankommen und ich wollte ruhiger werden. Aber der Offizier zielte auf mich." Inzwischen war es den Familienmitgliedern des Barons geglückt, in das Haus des englischen Konsuls zu flüchten, und als nach kurzer Zeit, obgleich die Straße jetzt militärisch besetzt war, die Plünderer dennoch wiederkehrten, begab sich auch der verwundete Baron selbst dorthin. Diesmal wurde das Haus von oben bis unten ausgeplündert und nur die Zimmer der Diener wurden verschont als diese ausriefen, sie seien Christen. * * * Washington. Der Abgeordnete Goldfogle, Vertreter New-Porks, brachte im Kongreß einen Antrag ein, wonach das

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