Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-12-22 · 51 (22.12.1905) · p. Seite 716

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
51 (22.12.1905)
Date
1905-12-22
Page
Seite 716 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9606364-9607122--9772-9607130
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 716 Israelitische Wochenschrift. Nr. 51. von Oxford sich mit einer entsprechenden Gabe an ihn gewandt. In Dublin hat die evangelische Gemeinde der dortigen Gemeinde ihr Mitleid mit den russischen Opfern und ihren Abscheu gegen die Mörder kundgetan. In Gegenwart der höchsten Geistlichkeit wurde in St. Paul ein Gottesdienst für alle Bedrüaten auf Erden und besonders für die russischen Juden abgehalten. Der Bischof von London hielt die Ansprache. Eine Ansprache hat aber einen Anfang und einen Schluß. Sie fürchten wohl, daß meinem Brief letzterer mangelt? Hier haben Sie ihn. Ihr gehorsamer German. Helmke» und Aussprüche berühmter Mäuner über Jude« mtb Judentum. Also nicht der Glaube, die Rasse macht es! So wird es wenigstens allen Ernstes versichert, als ob dadurch die Sache besser würde. Haß und Verfolgung soll dadurch erklärt und gerechtfertigt werden. Man scheint also einzusehen, daß es in unserer Zeit doch zu dumm wäre, einen Menschen seines ehrlichen Glaubens wegen zu schmähen und zu bedrohen; man gibt sich also für aufgeklärt und versichert, daß es nicht des Glaubens wegen geschehe. Nun kann aber ein Mensch für seinen Glauben doch halbwegs verantwortlich gemacht werden, während einer für eine Abstammung doch wirklich nichts kann. Viel scharfsinniger ist also das Rassenmotiv auch nicht. Während aber der moderne Glaubensfanatiker mit der Dummheit allein ganz gut auskommen kann, braucht der Antisemitismus, der sich an die Rasse hält, auch noch eine Dosis Roheit und Schlechtigkeit dazu. Zuweilen überschlägt sich dann aber die Theorie ins Groteske und es steckt ein grimmiger Humor darin, daß dem unbarmherzigsten Vertreter der Rassentheorie in Oesterreich dokumentarisch nachgewiesen werden konnte, daß der Urahn seiner Kinder — Schmul Loeb Kohn geheißen hat. Eine hübschere Illustration zu der schönen Theorie kann man sich gar nicht denken. Balduin Groller. „— Niemand versteht es bester als gerade dein Volk, sich der Zeit zu fügen und günstigen Wind abzuwarten, um die Barke sicher zu steuern." ,,„O Jammer über die Stunde, welche das Haus Israel solche Kunst gelehrt hat! Aber das Unglück beugt das Herz, wie Feuer das starre Eisen beugt, und diejenigen, welche weder Land noch Fürsten mehr besitzen, müssen vor Fremden kriechen. Das stt unser Fluch — —; ihr aber, die ihr eure Freiheit als Geburtsrecht beansprucht, um wie viel tiefer ist eure Schmach, wenn ihr euch beugt, um den Vorurteilen anderer zu schmeicheln und zwar gegen eure Ueberzeugung!-"" Walter 3cott: Jvanhoe, 39. Kap. (1820.) * * * Es ist wohl der reinen, lauteren Liebe eigen, sich für andere kreuzigen zu lasten, aber nicht andere ans Kreuz zu schlagen. Wenn der angeblich für die Wahrheit in seinen Dogmen Streitende den Gegner zu kreuzigen oder zu Folter und Scheiterhaufen zu zerren sucht, dann irre ich wohl schwerlich in der Auffassung der Liebe, wenn ich behaupte, jener habe sie nicht. — Der Intolerante gegen einen ganzen Stand oder gegen eine durch Religion und Sitte ihm fremde Nation haßt jeden einzelnen jenem oder diesen Angehörigen als Glied des Ganzen; der Tolerante liebt das Ganze, weil er im einzelnen Liebenswürdigkeit gefunden, das doch im allgemeinen wenigstens den Grund der Möglichkeit haben muß. — — — Gerade in dem Reichtum und in der Mannigfaltigkeit der möglichen religiösen Erkenntnisse und zugleich der Gefühlsweisen liegt ein Beweggrund für jeden einzelnen, sich zu bescheiden, dem Nächsten eine andere, vielleicht höhere, jedenfalls eine nicht minder wahre Erfahrung und Auffassung des Wesens der Religion zuzutrauen, also tolerant zu sein. — — — Die wahre Gottesliebe wird an der aufrichtigen Nächstenliebe erkannt; darum steht diese voran. — — Tr. Jos. Hub. Reinkens, katholischer Bischof. (Aus: „Lessing über Toleranz". Leipzig 1883.) -i- * * Der Antisemitismus ist ein Armutszeugnis des christlichen Geistes unserer Zeit, zugleich ein Mangel an christlicher Nächstenliebe und an Bewußtsein christlicher Kraft. Bonn a. Rh., 26. Aug. 1891. Geheimrat Prof. Tr. I. Bona Meyer. * * * Der heutige Antisemitismus ist nichts anderes als ein Ergebnis einerseits der allgemeinen Nationalitäten-, Klassen- und Rassenverfeindung, welche einen häßlichen Fleck der letzten beiden Jahr ehnte bildet, und andererseits ein Ergebnis weitverbreiteter Unzufriedenheit, welche kritiklos nach einer greifbaren Ursache vorhandener Mißstände sucht. Die besonderen Charakterfehler, welche man einzelnen Israeliten hier und da mit Grund vorgeworfen hat, sind bei der Behandlung, welche die Israeliten lange Jahrhunderte hindurch erfahren haben, nur allzu erklärlich. Diese Fehler verschwinden, wenn und wo die Gleichberechtigung der Israeliten auch tatsächlich durchgeführt ist. Göttingen, 30. Sept 1891. Geheimrat Professor L. von Bar, früher Mitglied des Reichstags. Der Rassenkampf ist wahrlich nichts anderes als der Kampf ums Dasein im allergrößten Stile. Man verurteilt den Gegner und schreibt sich die Berechtigung zu, ihn zu verfolgen, weil er vorgeblich im Handel und Wandel ausschließlich von diesem unmoralischen Gesetz sich leiten lasse, und dennoch verfährt man selbst nach diesem Gesetz und deckt und verteidigt mit eben demselben Prinzip, um dessentwillen man den Gegner verfolgt, das eigne Tun. Das ist sittliche Konsequenz. Doch befindet man sich nicht im Stande der Notwehr? — Ja, gegen die korrumpierenden Tendenzen soll man kämpfen, welche unsere Not verschulden; aber man soll die Korruption nicht auf Grund und nicht vermittelst solcher Grundsätze bekämpfen, welche man der Korruption entnimmt. Nicht vergifteter Waffen soll man sich bedienen, getaucht in das Gift der Ungerechtigkeit, des Rassenhasses, des „gesunden Egoismus", wenn man vorgibt, im Prinzip für das Edle, das Lautere, das Sittliche zu streiten. Man soll der Humanität nicht ins Gesicht schlagen und nicht dem vornehmsten grundstützenden Prinzip des Evangeliums, das alle nationale Engherzigkeit verurteilt und allen Rassenunterschied annulliert, wenn man, wie behauptet, sich schlägt für Menschlichkeit und Christentum und Nächstenliebe. Billa Rosenberg, Meran, 27. August 1891. Alexandra von Schleinitz. (Aus: An die Judenverfolger. Berlin 1881.)

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.