Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 51 (22.12.1905)
- Date
- 1905-12-22
- Page
- Seite 715 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 51 Israelitische Wochenschrift. Gerte 716. uns mit den Hütern des Gesetzes, die das Leben eurer Familien schützen sollen!" Ich war Zeuge der Volksbewegung in Italien und in Spanien. In Barcelona spielten sich Szenen ab, die als wild bezeichnet wurden. Aber was war denn das, was waren selbst die Torturen der Inquisition gegen kanibalischen Ungeheuerlichkeiten der „Schwarzen". In Kr Mandschurei sprach man von den Grausamkeiten des chinesischen Aufstandes, aber — keinem Boxer ist es je eingefallen, sich mit solch teuflischen Schändlichkeiten zu besudeln, die in Odessa an der Tagesordnung waren. Das Tier zerreißt sein Opfer, ohne es zu martern und zu höhnen. In dem ganzen höllischen Drama war kein Aufschwung edler Hilfsbereitschaft, kein Wagemut der empörten Menschenwürde zutage getreten. Die feigen Wölfe verkrochen sich in ihre Höhlen aus Furcht vor dem Vernichtungswerk der Kosaken und unserer hochlöblichen Polizei. Wenige Monde sind es, seit ich von dem mandschurischen Kriegsschauplatz zurückgekehrt bin. Ich muß an die jüdischen Soldaten denken, die neben ihren russischen Brüdern auf dem Feld der Ehre hingestreckt wurden und über die in offiziellen und nichtoffiziellen Berichten viel Heldenmütiges gesagt wurde. Diese selben Juden, die jetzt geschlagen werden müssen nach dem Losungswort der „Huligany", lagen in den Lazaretten mit tötlichen Wunden neben den russischen Kampfgenossen. Ich entsinne mich, wie nach einer verzweifelten Schlacht eine Rotte in Nacht und Nebel auszog, um einen jüdischen Helden zu suchen, der im schwersten Artilleriefeuer die russische Fahne verteidigt hatte. Unvergeßlich wird mir auch ein anderer Jude bleiben, der unter dem feindlichen Geschoß den Schaho durchschwamm, um verwundete Soldaten zu retten, die im Gefecht vergessen wurden. Auf keinem Gebiete stand das jüdische Militär hinter dem russischen zurück, aber unter den bettelnden und besoffenen Soldaten in Charbin sind mir keine Juden begegnet. Sie haben hingegen alle Unbill des Krieges, wie tropische Hitze, die sintflutlichen Regengüsse, Hunger, Kälte und Anstrengung mit der größten Selbstbeherrschung tapfer ertragen, ebenso wie die Polen, Russen und Tataren. Nach einer Nacht der schrecklichsten Qualen sagte mir ein russischer Jäger lächelnd: „Jetzt wird man uns daheim nicht mehr „Jid" schimpfen." Auch unter den Schwestern, die heilige Samariterdienste leisteten, befanden sich Jüdinnen, Deutsche, Polinnen, ebenso wie Russinnen. Mit gleicher Selbstvergeffenheit und Energie erfüllten alle ihre Pflicht. Eine jüdische Schwester, Studentin und Tochter wohlhabender Eltern, wurde von den Verwundeten die „Liebe" genannt, weil sie mit besonderer Hingebung und Herzlichkeit die Kranken pflegte und zu beruhigen suchte. Sind in Odessa nicht etwa auch solche Schwestern der blutrünstigen Bande zum Opfer gefallen? Es ist bekannt, daß im Kriege 60 Prozent aller Aerzte Juden waren. Wie sie arbeiteten und keine Gefahren scheuten, wie sie die Verwundeten unter dem Kugelregen und in der heftigsten Attacke des Feindes aufnahmen und verbanden, das weiß alle Welt. Sie haben sich als die treuesten und opferfreudigsten Söhne des Vaterlandes erwiesen. Dabei drängte sich keiner von ihnen beim Kommandierenden vor, und keiner war bemüht, seinen Namen in die offiziellen Berichte zu bringen. In einer Nacht, nach einem heißen, unendlich schweren Kampftag, trat ich mit einem jüdischen Arzt aus dem Zelt hinaus, um Luft zu schöpfen. Wir setzten uns auf^einen Baumstumpf, und ermattet von des Tages Arbeit schloß mein Gefährte die Augen. Plötzlich faßte er sich mit beiden Händen an den Kopf und sagte: „Ich muß, ich muß noch zu einem Patienten, der schlecht versorgt wird!" — „Aber Sie sind ja selbst schon fast krank und müssen sich schonen, lassen Sie doch auch andere arbeiten!" bemerkte ich. — „Ja, in den Schläfen hämmert es törlich, aber — ich muß, ich — bin ein Jude, und das ist meine Rache für Kischinew. Wir, fuhr er mit heiserer Stimme fort, kämpfen hier nicht nur für die Ehre des Vaterlandes, sondern auch für die unseres Stammes. Der „Jude", der verfolgt und geschmäht wird, soll in die Nacht der Vergessenheit gelangen Wie Brüder bluten und kämpfen wir hier Schulter an Schulter, und so wollen wir gemeinsam heimkehren, um Glück und Freiheit zu teilen". Aber die „Huligany", die Geheimpolizisten, die besoldeten Bluthunde sind unbesiegbar! Sie kennen keine Dankbarkeit, keine Menschenwürde, sie begreifen weder die Regungen der menschlichen Seele noch den erhabenen Gedanken der Vergebung. Darin liegt die Tragik der russischen Schande, die ein Meer von Tränen heraufbeschworen und den Fluch der gebildeten Menschheit auf sich geladen hat. Englische Briefe. Alles Rußland! So weit ich um mich schaue, lese, gehe und stehe. In Manchester wird eine Riesenkundgebung geplant, an der 8 Parlamentsmitglieder teilnehmen wollen. Denken Sie sich nur die meisten Städte Englands in gleicher Weise bewegt, und Sie können sich ein ganz winziges Bild der immer mehr anwachsenden Erregung machen, die England um der Rus3ian Atrocities willen erfüllt. In Verbindung mit diesen entsetzenerregenden Ereignissen steht ein Anwachsen der zionistischen Bewegung. Ob heute noch in irgend einem Lande ein Widerspruch dagegen sich geltend machen würde? London ist der geeignetste Mittelpunkt dieser Bestrebungen, von hier aus werden mit wachsamen Blicken alle Fortschritte der Sache betrachtet, und selbst ein so ruhig beiseite stehender Staatsbürger, wie ich, wird unwillkürlich mit hineingezogen; Sie sollten mich einmal sehen, wie ich jetzt meinen Hut und meinen Mantel trage und mit welchen Heldenschritten ich die Straßen dmchwandle. Ich wußte es selbst nicht; ein Bekannter hat mich auf diese mit mir vorgegangene Veränderung aufmerksam gemacht. Die Jewish Territorial-Organisation gewinnt täglich an Boden. Der Ministerwechsel selbst bringt diese Kreise in neue Bewegung. Zangwill hatte Unterredungen mit höheren Beamten, die ihn sehr befriedigten. Der Gedanke, ein Gebiet der Verbindung als Zufluchtsstätte der russischen Juden zu überlassen, gewinnt in beiden Häusern des Parlaments an Boden. Nicht nur zionistische, sondern auch wissenschaftliche Vereinigungen senden dem Verbände ihre Wünsche und treten ihm bei. In Amsterdam hatte die Organisation bisher keinen Boden. Nach nun eingegangenen Nachrichten hat sie weit um sich gegriffen. Die Genfer Zionisten sind zu ihr übergegangen. Telegramme russischer Gemeinden und Vereinigungen besagen, selbst die Erlangung der gleichen Rechte von seilen der russischen Juden würde die allgemeine Frage durchaus nicht verschwinden lassen und man müßte nach wie vor für die Ansiedlung der Juden in neuen Gebieten sorgen. Inzwischen hat die christliche Bevölkerung in England zu den russischen Verhältnissen stark Stellung genommen. Der Bischof von Gloucester sandte der jüdischen Gemeinde im Namen aller ihm untergebenen Geistlichen ein entsprechendes Schriftstück. An den Chief Rabbi kamen Kundgebungen der vereinigten freien schottischen Krche, vom Kirchenrat von St. Johann, East Dulwich, von der Bürgerschaft in Liverpool, durch den Lord Mayor zugesandt; u. a. hat auch der Bischof