Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 51 (22.12.1905)
- Date
- 1905-12-22
- Page
- Seite 714 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 714. Israelitische Wochenschrift. Nr. 51. mit ihnen. Er goß in die Glut patriotischen Zornes gegen die Sozialdemokiaten das Oel des Judenhasses, und bald sprühten Flammen empor, die dem neuen Reich nichts gutes verkündeten. Der Wunsch Viktor Josef von Scheffels für das neugceinte Vaterland: „ . . . Gott bewahrs vor Klaffen-! haß und Rassenhaß und Maffenhaß!" hat sich nicht erfüllt.! Mit bodenloser Dreistigkeit betrieb man im Namen des Anti- 1 semitismus eine Falschmünzerei, die edlere Geister empörte. Bald griff der von Herrn Stöcker entfachte Brand auf größere Schichten der Gebildeten über. Heer war ihm Heinrich von Treitschke ein allzu wirksamer Helfer. Seine Aufsätze trugen im wesentlichen dazu bei, daß der Antisemitismus sich zu einer Art vaterländischen Sports entwickelte. Es setzte ein Petitionssturm scharf antisemitischer Richtung ein; es wurde durch den Verein Deutscher Studenten und durch die Nebertragung seiner Gesinnungen auf Korps und Burschenschaften die akademische Jugend planvoll mit dem Gift des Antisemitismus durchsetzt und durchseucht; es ging „vorwärts" mit der von Herrn Stöcker angezettelten Bewegung. Der aber wurde der Dinge nicht recht froh. Zwar hatte Bismarck keinen Erfolg mit seiner Anregung, den Hofprediger auf Grund des Sozialistengesetzes aus Berlin ausweisen zu lassen; und als die Antisemiten mancherlei Erfolge aufzuweisen hatten, hat der damalige Kanzler sie eine Zeitlang deutlich begünstigt; besonders waren sie ihm willkommen als Sturmkolonne gegen die Herrschaft der Liberalen im Berliner Gemeinwesen. Dann aber änderte sich doch manches. Die Persönlichkeit des Herrn Stöcker wurde in dem Prozesse, den der Hofprediger, dem es auf die bittersten Kränkungen feiner jüdischen Mitbürger nicht ankam, wegen Kränkung seiner eigenen allerwertesten Persönlichkeit gegen die „Freie Zeitung" angestrengt hatte — seine Persönlichkeit wurde in diesem Prozesse von einem ihm grundsätzlich keineswegs unfreundlichen Gerichtshof derart gekennzeichnet, daß eigentlich kein Hund ein Stück Brot von ihm nehmen durfte; insbesondere war der „Wahrheitsliebe" des Herrn Hof- und Dompredigers ein Zeugnis ausgestellt worden, das geradezu sprichwörtlich geworden ist. Kaiser Friedrich konnte die Absetzung des ihm in tiefster Seele widerwärtigen Mannes nicht erreichen — natürlich, es war ein Herzenswunsch von ihm, und dem mußte Bismarck entgegenwuken. Im Jahre 1889 wurde Stöcker aufgegeben, entweder auf sein Hofamt oder auf seine Agitation zu verzichten. Er behielt charaktervoll das Hofamt. Die Zumutung des Verzichts war für ihn, der geglaubt hatte, Kaiser- Wilhelm II. stark beeinflussen zu können, ein schwerer Schlag gewesen. Allein es kam noch besser. Die Andringlichkeit des Herrn Stöcker der Kaiserin gegenüber, die er öffentlich als seine liebe Freundin hinstellte, verdarb ihm vollends seine Stellung bei Hofe; Ende 1890 wurde er so deutlich bei der Beförderung übergangen, daß ihm nichts anderes übrig blieb, als den Wink mit dem Zaunpfahl zu beherzigen und den Abschied zu nehmen. Durch seine Entlassung kam ein Brief Stöckers aus dem Jahre 1888 ans Tageslicht an seinen Busenfreund, den Kreuzzeitungs.-Hammerstein, der bekanntlich zu Zuchthausstrafe verurteilt werden mußte — ein Brief, in welchem der schlangenkluge Geistliche Ratschläge darüber erteilt, wie man den Kaiser, ohne daß dieser es merke, gegen den Fürsten Bismarck aufbringen könne.... Nun, zum Ränkeschmieden in der höheren Politik hat Herr Stöcker längst keine Gelegenheit mehr. Im Reichstage ist er trotz vereinzelter rednerischer Erfolge ein einsamer Mann geworden, ein armer Teufel, der nichts zu bieten hat. Aus dem Abgeordnetenhause ist er durch die Konservativen beseitigt worden; er wurde ihnen mit der Zeit unbequem, obwohl er der beste Redner der Rechten gewesen ist. Im Volksleben spielt er keine Rolle mehr. Seine „Berliner Bewegung" ist tot und nicht zu galvanisieren. Die Geister, die er gerufen, sind über ihn hinweggeschritten. Es ist nicht angängig, erst eine solche Armee des rasenden Hasses auf die Beine zu bringen und dann ihr vorschreiben zu wollen, wie sie ihr Temperament einrichten soll. Vernunft und Menschlichkeit einerseits, die innere Natur, die Fehler vieler Vorkämpser des Antisemitismus andererseits tragen gemeinsam dazu bei, die antisemitische Bewegung und die anständige Gesellschaft in immer stärkeren Widerspruch zu einander zu setzen. Allein es ist vieles, allzu vieles zu tun, das Unheil, das der Antisemitisnius hervorgerufen und das sich in Rußland in entsetzlichen Grueltaten auslädt, wieder zurückzudämmen und die Bahn wieder zu ebnen, auf der Fortschritte zu Kultur, Licht, Gerechtigkeit möglich sind. vie fnulenmctzcleicn in Russland. Der bekannte russische Schriftsteller und berühmte Kriegsberichterstatter Wemirorvitfch-Dantschenko läßt sich über die russischen Judenmetzeleien in einem offenen Schreiben wie folgt vernehmen: Die Greueltaten der Baschi-Bozuks, die ganz Europa er, zittern machten, gaben im Jahre 1877/1878 den Anlaß zum Türkischen Kriege. Aber was für Stümper waren schließlich die muselmanischen Fanatiker gegen unsere „Schwarze Bande!" Diese hat sich sogar den Ruhm erobert, kleinen Kindern den Kopf abzuschlagen, Frauen den Leib aufzuschlitzen und ihn mit Federn vollzupacken! Und wir erkühnten uns noch vor kurzem, einen Vergleich zu ziehen zwischen der russischen und japanischen Ethik und — die christliche Toleranz hervorzuheben! Unermeßlich weit sind wir in den letzten 25 Jahren zurückgegangen, und jetzt schwingt allein die niedrigste Gemeinheit das Zepter in Rußland, und — gegen wen richtet sich die Blutwelle? Gegen die Armen, die Handwerker und Tagelöhner, die sich Juden nennen. Die schwarze Masse der Raubmörder wird von reichen, hochgestellten Kreisen bezahlt, die nach einem fest umriffenen Plan die „Pogromy" vorbereitet haben. Sie entbrannten daher wie auf ein Signal gleichzeitig an verschiedenen Orten. Wäre der Generalstreik nicht ausgebrochen, der den Verkehr der „Schwarzen" gehemmt hat, so hätten sich die Greueltaten, gegen die die Fackeln des Nero verblassen, noch verzehnfacht. Die Geschichte wird bald die schmachbedeckten Namen enthüllen, die Rußland in den Kot geworfen und über den anbrechenden Festtag der Freiheit einen Trauerflor gebreitet haben. Es kann heute kein Zweifel mehr walten, wer die Missetäter waren, nachdem unter den Mänteln der Mörder die Polizeiuniform entdeckt wurde. Der Gradonatscholnik von Odessa glaubte in seiner Einfalt die vertierte Masse zu beruhigen, wenn er die Soldaten zwang, auf ihre jüdischen Leidensbrüder zu schießen. In dieser Walpurgisnacht, wo alle Schrecken Orgien feierten, richtete sich wie ein Fels im Meer die russische Arbeiterschaft auf. Sie befleckte sich weder durch Raub noch durch Mord, in majestätischer Ruhe und Ordnung leitete sie ihre Bewegung ein und griff zielbewußt dem brudermordenden Kosaken und Gendarmen in den Arm, wo sie es vermochte. Die schnellorganisierte Arbeitermiliz trat wie eine Macht in die historische Arena mit dem Bewußtsein ihres Rechts, für die Ideale der Freiheit kämpfen zu dürfen. „Fürchtet uns nicht!" sagte sie zu der Gesellschaft, „vergleicht