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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-12-22 · 51 (22.12.1905) · p. Seite 713

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
51 (22.12.1905)
Date
1905-12-22
Page
Seite 713 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 61. Israelitische Wochenschrift. Seite 713. bereits. Als 18jähriger folgte er seinem Lehrer im Amte nach. Seine Gattin war eine Enkelin Isaak Abrabanels, so daß er durch sie mit dem davidischen Königshause sich als verwandt ansehen konnte. Er richtete nach Art der portugiesischen Chachamim in seinem Hause eine Buchdruckerei ein. Diente eine solche sonst nur den gottesdienstlichen Bedürfnissen der Gemeinde, so war die Manasse'sche Verlagsanstalt dazu bestimmt, seine eigenen Werke heraustreten zu lassen. Hier erschien 1632 sein El Conciliador, in dem messianische Bibelstellen, der Zankapfel der Theologen, in einem dem Judentum günstigen Sinn erklärt werden. Das Buch hatte einen erstaunlichen Erfolg und hat ihm, wie seine sonstigen Arbeiten, viele Freunde unter Juden und Christen verschafft. Die drei Vossius, deren einer das Buch ins Lateinische übersetzte, Hugo Grotius, Abraham de Herrera, um nur einige zu nennen, gehörten zu seinen Freunden. Seine weiteren Schriften dienten, soweit sie veröffentlicht sind, ebenso der Verbreitung seines Ruhms. Dies war der Mann, der so der Sache seiner Glaubensgenossen zu dienen sich bemühte. Der Inhalt seiner Bittschrift war im Wesentlichen: Abschaffung beschränkender Judengesetze, Freiheit des Gottesdienstes im weitesten Sinne, persönliche Sicherheit und Freiheit des Handels. Die Sache wurde von der Kommission an das Parlament verwiesen. Trotzdem sich Cromwell dem Gesuch günstig zeigte (er rechnete mit den Vorteilen, die die großen portugiesischen Handelsherren dem Jnselreich bieten würden), war er doch nicht imstande, die Glaubensvorurteile so mancher englischen Geistlichen und Rechtslehrer zu überwinden. Man muß aber gerecht sein und zugeben, daß eine Anzahl englischer Geistlicher dem Gesuch geneigt war. Trotz mancher persönlichen Gunstbezeugungen von seiten Cromwells war Manasse ben Israel mit dem Ergebnis seiner Tätigkeit nicht zufrieden. Es kam nicht zu einer Zurücknahme der 1290 gegen die Juden erlassenen Verbannungsvill. Aber man setzte der Einwanderung der Juden keinen Widerstand entgegen. Besser, Gesetze stehen nicht auf dem Papier und werden ausgeführt, als umgekehrt. Die Marranen durften sich offen zum Judentum bekennen, und es sammelte sich nach und nach eine Gemeinde in London. Ungehindert strebt der englische Jude für Vaterland und Glauben, und neidlos läßt man ihn teilnehmen an Handel und Gewerbe; gern erkennt man seine Leistungen auf den Gebieten der Kunst und Wissenschaft an und verkümmert ihm durch Zurücksetzung nicht sein Recht. Mit Stolz dürfen die englischen Juden auf die 250 Jahre nach ihrer Wiederaufnahme in England zurückblicken und mit Dankbarkeit sich der Grabstätte in Oudekerk bei Amsterdam erinnern, wo der unerschrockene Vertreter ihrer Rechte, Manasse ben Israel, seine letzte Ruhestätte gefunden. Schreibt man eine Geschichte des Antisemitismus im neuen deutschen Reich, so stellt man billigerweise Stöcker an die erste Stelle, Herrn Adolf Stöcker, Hofprediger weiland Wilhelms I., „Hofprediger aller Deutschen" seit 1890. Rur muß von vornherein gesagt werden, daß „alle Deutschen" von den Stöckerschen Predigten im allgemeinen keinen Gebrauch gemacht haben, und diejenigen Deutschen, die einer Unterweisung in christlicher Nächstenliebe in Stöckerscher Auffassung zugänglich waren und sind, zumeist Wege gegangen sind und gehen, auf denen nicht nur das blüht, was einst die Berliner Zeitung „Die Post" als Stöckerei und Muckerei bezeichnet hat. Herr Stöcker ist der Vater des politischen Antisemitismus in Deutschland; aber weder die glatten Salonantisemiten, noch die rauhbeinigen Fanatiker, noch die Geschäftsleute des Antisemitismus greifen bei ihrem Betriebe noch wesentlich auf Stöcker zurück, der sich geruhig auf das Altenteil seiner christlich-sozialen Sektenmission zurückgezogen hat. Am 11. Dezember hat er sein siebzigstes Lebensjahr vollendet und die sogenannte „Berliner Bewegung" hat das Menschenmöglichste versucht, ihrem Vater zu Huldigungen zu verhelfen, die in früherer Zeit überreichlich für ihn zu haben waren. Nun, man hat ihn gefeiert, fast wie man Jemanden feiert, den man umständehalber feiern muß. Es haben sich zahlreiche „Getreue" um ihn geschart; man hat geredet, geblasen, gesungen; es ist ihm auch mancher Glückwunsch zugeflattert, darunter auch einer vom Reichskanzler und als man es den Anderen erzählte, da fragte wohl manch einer: Sprecht ihr von einem, der da lebet? . . . Herr Adolf Stöcker hat seinen Ruhm überlebt; und das ist immer mißlich. In seinem kalten Herzen war einst ein heißes Streben; hoch und immer höher richtete sich der Flug seiner Wünsche; und als der glatte Hofgeistliche es soweit gebracht hatte, daß in der Oeffentlichkeit der demnächstige Thronfolger, damals noch der Prinz Wilhelm, als Gefolgsmann des Stöckerschen Geistes und Willens zu gelten schien — da konnte er wohl glauben, daß die Zeichen günstig über ihm ständen und er zu Großem ausersehen sei. Aber es kommt manchmal anders; und statt ins Kultusministerium einzuziehen, zog Herr Stöcker vom Hofe fort und in die Stille des Austragstübchens. Persönlich nicht nur, auch in Hinsicht dessen, was er in sachlicher Beziehung zu wirken gesucht, kann er seines Lebens Ernte wahrlich nicht köstlich nennen. „In den Ozean schifft mit tausend Masten der Jüngling; still auf gerettetem Boot treibt in den Hafen der Greis." Allerdings, als Herr Stöcker sein unheilvolles öffentliches Wirken begann, da war er ja kein Jüngling mehr; aber der Körpervollkraft des Mannes gesellte sich ein gewisses starkes Geisteskönnen hinzu; seine große, irrende und wirrende, aber doch gewaltig dringende und zwingende Beredsamkeit riß die Massen mit sich fort, und die Unermüdlichkeit seiner Arbeit trug seinem Wollen reichlich Früchte. Vorbei! Das was am Antisemitismus den Kern und das Kennzeichnende bildet, das ist in deutschen Landen leider noch ungemindert da; der gesellschaftliche Antisemitismus hat eine gewisse Vertiefung erfahren; und in der Verwaltung konnte der Geist Schönstedts und ähnlicher Rückwärtser sich mehr tummeln, als es irgend dem Sinne der Verfassung entspricht. Aber darüber hinaus konnte die Hetzergenoffenschaft mit beschränkter Hirnleistung doch aber mancherlei nicht erreichen, wirds nicht erreichen können — und zur Fristung ihrer politischen und geschäftlichen Erfftenz suchen ihre Glieder Unterschlupf teils bei der sogenannten Mcktelstandsbewegung, teils bei dem Bunde der Landwirte und ähnlichen Vereinigungen und teils bei dem unverhüllten Skandalgeschäftsbetriebe. Die Wogen der Empörung über die Mordanschläge gegen den greisen Kaiser Wilhelm hoben den Hof- und Domprediger Stöcker empor. Er zog aus, um den Sozialdemokraten entgegenzuwirken mittels eines von ihm begründeten christlichsozialen Vereins; das pikante Schauspiel öffentlicher Kapuzinaden eines Mitgliedes der Hofgeistlichkeit zog die Menge an, und Herr Stöcker, in dem starke Demagogenkräfte sich mit einem gewissen Mimenselbstgefühl einten, fand Gefallen an dem Aufsehen, das er erregte, stellte sich größere Zwecke und wuchs

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