Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 51 (22.12.1905)
- Date
- 1905-12-22
- Page
- Seite 712 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 712. Israelitische Wochenschrift. Nr. 51. Zum ersten Male hat Israel der Welt das Beispiel gegeben, daß man Religion und Wahrheit, Gottestreue und heilige Gesinnung nicht mit Waffenmacht bekämpfen, daß man Ueberzeugungen, die in Seele und Gewissen liegen, nicht mit eherner Gewalt unterdrücken und vernichten kann. Jede Ueberzeugung ist etwas Heiliges, aber die religiöse Ueberzeugung ist das Allerheiligste; jede Ueberzeugung ist ein Glied des Geistes, die religiöse Ueberzeugung ist wie das Herz, dessen w/rrme Ströme alle andern Glieder lebendig erhalten; und wir verpflichtet sind, unser Leben zu verteidigen, und wenn es sein muß, mit dem Leben! Wo wir daher in der Geschichte an einen Religionskampf kommen, der zur Verteidigung des Glaubens ausgenommen wurde, da preisen wir das menschliche Herz, das fähig ist, für ein übersinnliches Gut alles einzusetzen. Und niemals geschah dies ohne Erfolg. Es liegt eine wunderbare Spannkraft in lebendigen Ueberzeugungen; sie können niemals durch Gewalt ausgerottet werden. Ueberblicken wir die Geschichte und sehen wir uns den wunderbaren Gang aller höheren Wahrheiten an; für jede Wahrheit, für die Einer sich opferte, sind zehn andere Zeugen aufgestanden; hier wurde sie geknechtet und an hundert anderen Orten tauchte sie wieder auf und stachelte um so herrlicher, je mehr sie niedergehalten war, und gewann umsomehr Anhänger, je mehr man ihr entreißen wollte. So ging es mit allen Wahrheiten und Ueberzeugungen, und so vor allem mit den warmen Ueberzeugmigen der Religion. Um dies aus Israels Geschichte zu erkennen, sind wir nicht allein auf die unverwelklichen Lorbeeren der Makkabäer angewiesen, das bezeugt auch die ganze spätere Geschichte Israels. Die arg verdüsterte, grau in grau gemalte Geschichte des Mittelalters ist eine glänze de Bestätigung für diese Behauptung. Denn, wie vieles auch unter den mittelalterlichen Verhältnissen dem jüdischen Stamm von der Ursprünglichkeit seines Charakters abgestreift ward, ein charakteristisches Merkmal ist ihm auch da geblieben: jenes fast in der ganzen Geschichte beispiellose, unerschütterlich treue Festhalten an einer Idee. Chanuka bezeichnet nicht die Vollendung eines Erlösungswerkes der Vergangenheit, sondern fordert uns auf zur Ausschau in das Leben mit seinen ernsten Pflichten und erhabenen Zielen. Dieser Heldenmut des Geistes, dessen Erinnerung das Chanukafest geweiht ist, soll uns ein leuchtendes Vorbild sein, auch wir dürfen in den Stunden der Versuchung nicht anstehen, der Wahrheit die Eh'.e zu geben und unserer heiligen Ueberzeugung auch in Taten der Hingebung und der Opferfreudigkeit die volle Wirksamkeit zu verleihen. Die Taten der Gerechtigkeit und des Edelsinns, die wir üben, sind die mächtigsten Waffen, die den Feind besiegen und den Ankläger aus dem Wege schlagen. Manasse den Israel und die Wiederaufnahme der Inden in England. Zum 350jährigen Gedenkfest. In einem großen Prunksaal sitzt auf erhöhtem Sessel ein einfach gekleideter Mann; der weite Raum ist von schweigsamen Männern erfüllt, die an langen Tischen sitzen, Hellebardiere stehen umher — und alles lauscht einem Mann, deffen Worte diese sonst so bewegliche Masse zu atemloser Spannung bringen. Wir befinden uns im Ratszimmer zu Whitehall, inmitten der Vertreter des Heeres, der Gesetze, der Geistlichkeit und dcr Kaufmannschaft — der ernst lauschende Mann auf dem thronartigen Sessel ist kein geringerer als der allgewaltige Oliver Cromwell, und der augenblicklich redende Fremde ist Rabbi Manasse ben Israel aus Amsterdam. Ec hat die „Humble Adress to the Lord Protector“ eingereicht und ist selbst hierhergekommen, um sie zu verteidigen. Die Verhandlung dreht sich um die Wiederaufnahme der Juden in den staatlichen Verband Englands. Jahrhundertelang waren sie aus diesem Lande verbannt gewesen. Der Katholizismus, die unbedingt anerkannte Staatsreligion, hatte für die Bekenner eines anderen Glaubens keinen Raum gehabt, auch mußte die Lebensverfassung in ihrer folgerichtigen Ausbildung das Bestehen einer Mittelklasse, wie die Juden waren, unmöglich machen; höchstens konnten sie im Widerspruch zu dieser geduldet werden. Noch weniger ließ ihnen die wachsende Macht des Königtums einen Wohnsitz in England offen. Aber die Reformation schaffte hier, wie anderswo, Wandel; außerdem erweiterten die Entdeckungen den Gesichtskreis der Menschen. Nicht mehr blieb Ackerbga und Viehzucht herrschend im Lande, man legte sich auf Handel und Verkehr, und besonders das Zeitalter Elisabeths hat otc Vorbedingungen der späteren Vorherrschaft Englands im Welthandel geschaffen. Die Puritaner mit ihrer Verehrung für das alte Testament konnten ohnedies nicht eine dauernde Abneigung gegen die Juden bewahren; bei jedem Blick in die Bibel wurden sie aus die Bekenner des Judentums geführt. In ihren Kämpfen gegen die Anhänger der alten Verfassung kamen sie sich wie die israelitischen Heere der Richterzeit vor, und ihre Gideon und Simson eilten psalmensingend gegen die Philister und Amalekiter in den Kampf. Die in jenen staatlichen Kämpfen sich erhebenden Sekten schwärmten besonders viel vom jüngsten Tag und von der Weltgestaltung am Ende der Zeiten. Die Zukunft Israels war aber nach den Worten der Propheten damit verbunden — und so regten sich Stimmen zugunsten Israels, das unmöglich das von Gott verworfene Volk sein könne. Die Einen erhofften vom Bestehen, die Anderen von der Bekehrung Israels das Heil der Welt — beide Teile sprechen sich aber gegen die feindselige Behandlung des Judentums aus. Günstiger wurden die Aussichten, nachdem im Dezember 1648 die Jndependents zur Herrschaft gekommen waren. Ihre freiheitlichen Ansichten verlangten eine Duldung aller, „selbst Türken, Papisten und Juden nicht ausgenommen". Johanna Cartwright und ihr Sohn Ebeneser überreichten Lord Fairfax und dem General Council of War eine Bittschrift bezüglich der Wiederzulassung der Juden in England (Januar 1649). Aber der gleichzeitige Kampf gegen das Königtum ließ eine ruhige Beurteilung dieser Frage nicht zu. Doch gab es damals schon vereinzelte Juden in England. Antonio de Sonza, der portugiesische Gesandte, war selbst ein Marrane, wie es scheint. Eine Anzahl holländischer Kaufleute hörte die Messe in ihrer Gesandtschaftskapelle mit an, übte in Wirklichkeit wahrscheinlich die jüdischen Gebräuche in der Heimlichkeit. So war der Boden günstig vorbereitet, auf dem für die WiederaufnahmederJudengewirkt werden konnte. Manasse stammt nicht aus Lissabon, nicht von Marranen ab, sondern aus La Röchelte, wo er kurz nach der Auswanderung seiner Eltern aus Portugal geboren ist. Vor der Inquisition fliehend, gelangte die Familie nach Amsterdam, wo er in der Gemeindeschule Neve Schalom von dem allseitig gebildeten Isaak Usiel unterrichtet wurde. Im Alter von 15 Jahren predigte er