Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 51 (22.12.1905)
- Date
- 1905-12-22
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Language
- German
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“3.für die Gchiiltiiltkreffen des Iiideiltums. Webst dem WeibLatt: Jüdisches Littevcrtur bl'crtt. Erscheint an jedem Freitag! Redaktion und Verlag: . Bezugspreis vierteljährlich: das jüdische Litteraturblait monatlich zweimal, i Berlin 0., Aoji-StraKe 3 j Deutschland u. Österreich-Nligam 3 -Mk. Alle Postonstalten nehmen Abonnements entgegen. 2ielepll0Nt ÄMt I, 5729. 1 alle QllbCtCtt 8ändee 3.oO iOif. Anzeigen für die Ispaltige Petitzeile 30 Pf. Alle Annoncen-Expeditionen nehmen Anzeigen entgegen. Kummer 51. Kerlin. 22. Dezember 1905. 14. Jahrgang. Alle, auch für die Redaktion bestimmte Mitteilungen erbitten f A mir an die Adresse I s r a e l i t i s ch e W o ch e n s ch r i s t Berlin C.f Rosz-Ltras;e 3. 3 n h a! t. Artikel: Zum Chanukasest. Von Dr. B. Seligkowitz- Coethen — Manasse den Israel und die Wiederaufnahme der Juden in England — Stöckerfeier. — Die Judenmetzeleien in Rußland. — Englische Briefe. — Gedanken und Aussprüche berühmter Männer über Juden und Judentum. — Politik: Verbot gegen die Einwanderung russischer Juden — Gründung einer antisemitischen Zeitung in Eisenach. — Der Papst gegen die Judenmassakers. — Vom deutschen Konsul in Kiew. — Baron Günzburg. — Washington. — Eine Deputation der israelitischen Kultusgemeinde beim Ministerpräsidenten — Eine Odessaer Deputation bei Witte. — Wochenchronik. — Vakanzen. — Das Chanukalicht. Von P K. — Feuilleton: Der Auswanderer. Von Simon Rosenberg (Schluß.) — Inserate. Zum ßbanukafest. >" H Von Tr. B. Seligkolvitz - Coeth u. Die schönsten und erhebendsten Erscheinungen im Leben der Menschheit und der Völker sind ihre geistigen Heroen, die großen Männer, die gerade zur rechten Zeit in den Entwickelungs-Perioden des Völkerlebens, da wo das Ende der allen und der Anfang einer neuen Zeit, wo Erlöschen und Neusichzünden Zusammentreffen, sich zeigen und als Trägerneuer, das Leben umgestaltender Ideen, als Gründer und Wiederhersteller der Religion und der Staaten auftreten, jene Männer, die, wie Sprossen aus dem ursprünglichen Lebenskeime ihres Volkes geboren und eben darum mit elementarischen, ursprünglichen Kräften ausgerüstet, nicht bloß für ihre Zeit, sondern auf lange Jahrhunderte hinaus, tatkräftig wirken. Wie man es zuweilen in edlen Familien beobachtet hat, daß nach vielen Generationen in einem späten Enkel der ursprüngliche Typus der Ahnen wiederkehrt, so ist es im Leben der Völker, wenn in Zeiten der sinkenden Kraft, da die Not am höchsten und die Hilfe am nächsten, der alternde Stamm des Volkslebens einen frischen Schößling treibt und ein Rettergeboren wird. Griechische und römische Schriftsteller erzählen von Bäumen, die, wenn sie alt geworden, sich wieder verjüngen, indem sie einen frischen Sproß aus der Wurzel hervortreiben, ja, von Bäumen, die, bereits halb verdorrt, wieder frisch zu grünen beginnen. Als während der Perserkriege Mrxes Athen eroberte und mit den übrigen Tempeln auf der Burg auch das Haus des Erechtheus und in diesem den heiligen Oelbaum zerstört und verbrannt hatte, da fanden athenische Männer aus dem halboerbrannten untersten Stamme einen neuen Sproß aufgekeimt, zum Zeichen, daß auch d.e Stadt sich schnell wieder heben und neue Sprosse treiben werde. Auch in dem Heros des Chanukafestes hat die göttliche Vorsehung nach vielen Generationen den ursprünglichen Typus der Ahnen wiederkehren lassen. Der greise Priester Matathias war ein später Enkel des Helden Pinchas, der einst mit fernem persönlichen Mute und seiner persönlichen Begeisterung als göttlicher Eiferer der Indolenz und der Schlaffheit des Volkes entgegengetreten war, und dem Gott seinen Friedensbund und den Bund des ewigen Priestertums verheißen hatte. Sage und Dichtung haben sich der glorreichen Matkabäerfamilie bemächtigt. Die Sage spricht von einem Oelkrüglein, das allein rein und lauter geblieben war, als die Herden alle anderen durch götzendienerische Greuel verunreinigt und zum Tempel-, dienst unbrauchbar gemacht hatten. Wahrlich, dieses Oelkrüglein, das sind die Makkabäer selbst. Sie allein nährten die lautere Gottesflamme zu der Zeit, da fremdes, unheiliges Feuer in den Herzen vieler arge Verwüstung anrichtete. Unser Fest hätte ja heißen können „Makkabäerfest" „Siegesfest", aber es hat den Namen „Chanuka", Einweihungsfest. Das deutet darauf hin, daß selbst die Verjagung des mächtigen Feindes, selbst die erlangte nationale Selbstständigkeit, selbst der fürstliche Purpur, der nun der Makkabäerfamilie zufiel, nicht für die jüdischen Herzen in jener Zeit die Bedeutung hatte wie der Umstand, daß der Tempel in seiner Reinheit wieder dastand. Das heißt ein Kampf um eine Idee! Die Makkabäer führen das Schwert nur, so lange die Religion gefährdet, und legen es nieder, sobald sie gesichert ist. Die Priester, die in die Schlacht ziehen — „das Lob des Herrn im Munde und das schneidige Schwert in der Hand" — sie geizen nicht nach Schlachtenruhm; den Tempel des Friedens zu weihen, danach steht ihr Sinn; sie kämpfen um den Frieden, nicht um den Ruhm. Sie haben für ihren Gott geduldet, sie haben für ihn gekämpft; ihr Dulden war frei von Schwäche, ihr Kampf frei von Leidenschaft; in die reine gottentslammte Glut ihres priesterlichen Eifers mischt sich nicht das Feuer irdischer Leidenschaft. 7077