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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-12-15 · 50 (15.12.1905) · p. Seite 706

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
50 (15.12.1905)
Date
1905-12-15
Page
Seite 706 (sequence 14)
Language
German
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Seite 706. Israelitische Wochenschrift. Nr. 60. wart, die jüdische Lösung der Judenfrage, behandelte und mit einem Jiskor für die Märtyrer sowie mit einem Gebete für Israels Zukunft schloß. Mit einem LI inols rachanim und Chorgesang endete die Feier, welcher das Maariw-Gebet folgte. Die Trauergesänge exekutierte Herr Kantor Goldenberg in entsprechender Weise. — Unsere Sammlung wird fortgesetzt; das erste Ergebnis im Betrage von 330 K. ist bereits an die Allianz abgesendet worden; weitere Beiträge, darunter auch solche der Stadtgemeinde und nichtjüdischer Mitbürger, dürften folgen. UaRanm Sem. und mos. gcb. Religionslehrer, Kantor und Schochet baldigst in Cochem a. d. Mosel. Festes Gehalt 9OO M, freie Wohnung und bedeutende Nebeneinnahmen. Offerten zu richten an Herrn D. Mayer, Vorsteher der Synagogen-Gemeinde. Kantor, geprüfter Lehrer und Schächter in S ch l o ch a u W -Pr. Gehalt 2000 M, freie Wohnung und außerdem Nebeneinkommen. Offerten an den Synagogen-Vorsteher, Herrn Isidor Weile. Religionslehrer, Borbeter und Schächter bis zum 1. Januar in Eubigheim. Gehalt 800 M., ca. 600 M. Nebeneinkommen und freie Wohnung. Meldungen an Herrn Dr. Löwenstein, Bezirkssynagoge in Mosbach. Religionslehrer, Borbeter undSchochet in Ober-Ramstadt. Einkommen ca. 1200 M. nebst freier Wohnung. Meldungen an den Vorsteher, Herrn Simon Bendorf. Kantor, Religionslehrer und Schächter per 1. 4. 06 in Wangerin. Gehalt 1200 M. Meldungen an Herrn Hermann Gottschalk. Feuilleton. Der Auswanderer. Von Simon Rosenberg. Die Bänke des in einer der stillen Seitengassen Krakaus gelegenen Bet-ha-Midrasch leeren sich allmählich. Das Gemurmel der eifrigen Talmudleser hatte mit zunehmender Abendstunde immer mehr abgenommen, die Leser hatten nach einander geräuschlos ihre Plätze verlassen, und nun war es ganz still geworden. Sonst war es nicht so. — Da hatte man sich nach beendetem Talmudlesen immer noch ein halbes oder ein ganzes Stündchen gegönnt und mit seinen Freunden noch allerlei besprochen. — Da wurde über den Geschäftsgang geklagt, der nie gut genug war; über die schlechte Jugend, den so wenig Hoffnung einslößenden Nachwuchs der Alten, die nie fromm genug war und sich immer mehr vom Talmud emanzipierte, häusig wurde auch über Politik gesprochen und so oder ähnlich das allabendliche Plauderstündchen im Lehrhaus ausgenutzt. Erst gegen Neun oder Zehn hatte man sich aufgemacht, um nach Hause zu gehen. Und dann war es im Bet-ha-Midrasch noch lange nicht totenstille geworden, wie heute. Da kamen erst die jungen Besucher. Die nahmen es mit dem Talmudlesen lange nicht so genau, wie die Alten. Sie gaben dem Bet-ha-Midrasch — wenigstens auf ihre Art — ein vrel freundlicheres Aussehen. Da pflanzte erst die alte Jüdin da draußen im Vorhof ihren halb zerfallenen Blechofen auf, da wurden fleißig Bratkartoffeln gegessen, Witze zum Besten gegeben, es wurde gesungen, geschrien und was sonst noch lebensfrohe Jungen zur Hebung der Stimmung tun können. Doch alles das war ehedem so. Noch in den letzten Wochen hatte das allabendliche Bild im Bet-ha-Midrasch das nämliche Aussehen. Noch hatten sich die Alten nach beendetem Talmudlesen ruhig über das Geschäft unterhalten und politisiert, noch aßen, lachten, sangen und schrieen die Jungen. Da waren eines Tages die Zeitungen wieder gekommen. Sie hatten Neuigkeiten aus Rußland gebracht. Neuigkeiten, die unglaublich schienen, die das Blut in den Adern erstarren ließen. Und als man sich in den nächsten Tagen überzeugt hatte, daß man keine Zeitungsüberlreibungen vor sich hatte, daß alles dies Wahrheit, traurige Wahrheit sei, da war der Eindruck groß, den diese Ueberzeugung auf die Bet-ha-Midrasch-Besucher machte. — Das anfängliche laute Weinen und Klagen hatte sich allmählich in stille ohnmächtige Resignation, in stumme Trauer umgewandelt. — Die Alten gingen nach beendetem Talmudlesen gedrückten Gemütes, die Jungen ließen sich überhaupt nicht mehr sehen. So war es denn auch heute. Und als jetzt die Uhr des alten Schlosses draußen langsam, dumpf und dröhnend die zehnte Stunde in die noch hellerleuchteten Straßen der alten d polnischen Hauptstadt verkündete, da waren sie schon lange gegangen, alle die traurigen Bet-ha-Midrasch-Besucher. Nur einer war geblieben. — Einer, der dort in einer Ecke kauernd und still für sich hinbrütend unbemerkt geblieben war, den das monotone Gemurmel der Talmudleser von vorhin sichtlich in Träumerei gewiegt hatte und den die jetzt eingetretene völlige Ruhe aus seiner Träumerei weckte. Der alte gebückte Mann dort, dem der graue wallende Bart das Aussehen eines Weihnachtsmannes gibt und der gutmütige Gesichtsausdruck den Stempel jener ehrwürdigen Alten, mit denen die Kinder so gerne spielen, — hat an dem Talmudlesen vorhin nicht teilgenommen. Das scheue Benehmen, das tellerartig geformte schwarze Käppchen, unter welchem die kleinen verweinten Augen traurig in die Welt blicken, lassen erkennen, daß er nicht zu den ständigen Besuchern des Hauses gehört. Er ist vielmehr ein Fremder — ein russischer Auswanderer. Müde und zerschlagen war er heute hier angelangt. In ein und derselben Ecke des Bet-ha Midrasch hatte er fast den ganzen Tag hingebrütet, von niemandem beachtet, von niemandem befragt. Bis jetzt waren wenigstens noch Menschen um ihn herum gewesen. Nun waren auch sie gegangen . . . .dfc Ganz allein war er geblieben, sich selbst und seinem Schmerz überlassen. Die alte polnische Hauptstadt, die alte Zuflucht gepeinigter und heimatloser Juden, sie war auch sein vorläufiges Ziel, als er den Entschluß gefaßt hatte auszuwandern. Nun war er hier.... Wie schwer ihm das fiel. Der siebzigjährige Greis, der fast ein halbes Jahrhundert in derselben Stadt gelebt, in einer Schul gebetet, der fünfzig Jahre hindurch dasselbe Geschäft geführt hatte, der grau geworden war, ohne auch nur vier Meilen aus seiner Stadt gekommen zu sein, — er sollte jetzt in eine fremde unbekannte Welt gehen, eine neue Heimat suchen. Und was hat er alles in den letzten Wochen durchgemacht, was ist aus ihm geworden in dieser kurzen Zeit, was aus seinem Erwerb und seinen kargen Ersparnissen — was aus den Seinen. Bei dieser Erinnerung krampst sich sein Herz, daß er aufschreien möchte, ein unbeschreiblich wehmütiges Gefühl befällt den Alten, die Füße zittern unter dem müden Körper — die

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