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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-12-15 · 50 (15.12.1905) · p. Seite 703

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
50 (15.12.1905)
Date
1905-12-15
Page
Seite 703 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 50. Israelitische Wochenschrift. Seite 703. über 500 Doll, aufgeführt wurden. Wie groß die jüdische Wohltätigkeit in den Vereinigten Staaten außerdem noch ist, läßt sich kaum übersehen. Man weiß nur, daß in den 7 Gemeinden Cincinnati, Cleveland, Detroix, Kansas City, Milwaukee, Philadelphia und St. Louis allein die in Vereinen organisierte jüdische Wohltätigkeit 310 219,60 Doll, und daß 12 Wohltätigkeitsvereine in Newyork 1 494 745 Doll, eingenommen hatten. Für das Michael Reese Hospital in Chicago sind 400 000 Doll, und für die National Farm School in Doyleston, Pennsylvanien, 36 584 Doll, gezeichnet worden. Für den Jsaac M. Wise Fond der Hebrew Union College in Cincinnati wurden bis zum 21. Juli 1905 nicht weniger als 450 000 Doll, gezeichnet, von denen bis zum 31. Oktober 239 034 Doll, eingezahlt wurden. Die Politik. Die Grenzsperre gegen russische Inden fordert das Junkerorgan, die „Kreuz-Ztg.". Allerdings nicht mit klaren, offenen Worten; so etwas läßt man die Ahlwardt-Genossen sagen, von denen man zu gegebener Zeit abrücken kann. Aber man klagt über die „Gefahr", die dem Reich von den russischen Flüchtlingen drohe, und spricht von der Notwendigkeit der „Erörterung über die Zweckmäßigkeit der Zulassung jüdischer Einwanderer". So heißt es denn: „Wenn dieser heimatlose, politisch unzuverlässigste Teil der russischen Bevölkerung sich hier eine neue Existenz gründet, so wird der monarchische und deutsche Gedanke davon nichts als Schaden haben. Revolutionäre sind sie in Rußland gewesen und sie werdew auch in Deutschland nur die Reihen der Umsturzpartei verstärken. Dafür bürgt nicht nur ihre Vergangenheit, sondern auch die Erfahrung, die bisher schon mit einem großen Teile der europäischen Juden gemacht worden ist. Es wäre dem Staat garnicht zu verdenken, wenn er gegen diese unerwünschte Einwanderung gesetzgeberische Maßregeln ergriffe. Denn eine juristische oder morale Verpflichtung, volksfremde Elemente in den Staatsbürgerverband aufzunehmen, kann gegenüber den vielleicht im Durchschnitt etwas bemittelteren Juden mit nicht mehr Recht konstruiert werden, als gegenüber den litauischen, russisch-polnischen oder galizischen Saisonarbeitern, die sich bei dem Arbeitermangel auf dem Lande wenigstens als werktätige, arbeitsame Hilfskräfte unentbehrlich gemacht haben." Zunächst ist der Artikel jedenfalls als eine Mahnung an die preußische Regierung gedacht, die Grenzbehörden so zu instruieren, daß den Flüchtlingen das Ueberschreiten der Grenze möglichst erschwert wird. Ob der Wink befolgt wird? Es wäre ja nicht das erste Mal, daß Preußen dem russischen Despotismus die entfliehenden Opfer wieder zutriebe. Man denke nur an die sechziger Jahre und an die Treibjagd auf polnische Insurgenten und Verdächtige. * -i- * Der Semstrvo-Korigreß hat eine Resolution einstimmig angenommen, in welcher die nachdrückliche Verurteilung der an unseren Glaubensgenossen verübten Greuel ausgesprochen, die volle Gleichberechtigung der Juden und ihre sofortige Durchführung gefordert wird. Man hatte erwartet, daß die Einmütigkeit der Körperschaft in einer debattelosen Annahme der Resolution zum Ausdruck gelangen werde; indessen ergriffen zwölf Redner das Wort, um ihren Abscheu über die grauenhaften Vorgänge Ausdruck zu geben und den Anteil der Behörden zu brandmarken. Prof. Kowalewski führte aus: „Vor drei Jahren, zur Zeit der Kischinewer Exzesse, weilte ich als Flüchtling in Paris. Damals schien eS mir undenkbar, daß die Polizei an den Morden und Plünderungen aktiv teilgenommen haben sollte. Ich lehnte deshalb die Aufforderung, in einer von der „Liga der Freunde Rußlands" veranstalteten Protestversammlung zu sprechen, ab und motivierte meine Weigerung damit, daß ich zwar den Minister Plehwe nicht kenne, es aber für ungeheuerlich halte, daß Staatsbeamte auf derselben Stufe wie betrunkene Menschenfresser sich geberden können, daß irgend eine noch so gewissenlose Staatsgewalt der Grausamkeit sich schuldig machen würde, gegen die eigenen Unterthanen Mord und Totschlag zu veranstalten. Nachträglich hat das Unglaubliche sich als wahr erwiesen und jüngstens, trotz des kaiserlichen Manifestes, in dem verbrecherischen Vorgehen der Polizei und Militärbehörden seine Wiederholung gefunden. Nichts vermag die Ungleichheit der Staatsbürger nach Nationen oder Konfessionen zu rechtfertigen; darum muß auf sofortige Beseitigung aller Rechtsbeschränkungen der Juden gedrängt werden." Diesen Darlegungen schloß sich der berühmte Rechtsanwalt Roditschew an: „Als ich auf dem Semstwo-Kongreß im vorigen Jahre mich zugunsten einer Neuordnung der staatlichen Verhältnisse aussprach, wurde mir entgegengehalten, man möge das Ende des Krieges mit Japan abwarten und dann erst von der Freiheit reden. Die gleiche Antwort wird mir jetzt inbezug auf die Judenfrage erteilt. In Amtskreisen herrscht die Ansicht oder wird sie wenigstens vorgeschützt, für die Judenemanzipation sei der richtige Zeitpunkt noch nicht gekommen; mit der Aufrollung dieser Frage würden die Leidenschaften der Parteien nur noch mehr entfacht werden. Nein! Gerade jetzt müssen wir unsere Stimme erheben. Wenn Ihr bei den Exzessen zugegen gewesen wäret, dann hätte Euch die einfache Menschlichkeit dazu gedrängt, mit der eigenen Brust die unglücklichen, wehrlosen Opfer der Bestialität zu verteidigen, der Wiederkehr solcher Scheußlichkeiten vorzubeugen. Es ist eine Gewissenspflicht für den Kongreß, seine gewichtige Stimme zu erheben, da die Regierung sich scheut, gegen die vertierten Vagabunden mit ihrer vollen Autorität einzuschreiten. Im gegenwärtigen Augenblick über die Judenemanzipalion zu schweigen, wäre Feigheit. Wenn wir uns selbst treu bleiben, wenn wir mit Entrüstung und Scham die Mitschuld an den Massenmorden von uns abwälzen wollen, dann müssen wir die Resolution annehmen Damit werden wir den' Namen der russischen Nation von der Schande säubern, mit der er durch diese entsetzlichen Greuel bedeckt wurde; dann werden wir uns nicht vor unseren Kindern und Kindeskindern zu schämen brauchen. Der Welt soll kundgetan werden, daß das russische Volk keine Schuld trägt an den Schandtaten, welche von den Regierungsbehörden angestiftet wurden." Minutenlanger, stürmischer Beifall folgte diesen Worten, und nachdem weitere Redner sich in gleichem Sinne ausgesprochen hatten, wurde nachstehende Resolution einstimmig angenommen: „Die nach dem 30. Oktober ausgebrochenen Krawalle haben furchtbare Leiden über die jüdische Bevölkerung gebracht. In manchen Städten zählen die Opfer nach Hunderten, ja nach Tausenden. Nicht weniger als 60 jüdische Städte und Ortschaften*) haben durch die Krawalle gelitten. Diese bestialische Bewegung ist von den Beamten hervorgerufen, die aktiv daran teilnahmen. Die Beschränkungsgesetze gegen die Juden haben bei der Bevölkerung den Glauben erzeugt, daß den Juden gegenüber alles erlaubt ist. Die Juden dürfen nicht wohnen, wo sie wollen; ihr Recht, sich eine Beschäftigung zu wählen oder Bildung anzueignen, ist in hohem Grade beschränkt. Eine solche Rechtlosigkeit muß beim Pöbel den Gedanken Hervorrufen, daß man die Juden unbestraft berauben, ja töten darf. Um diese verhängnisvollen Vorstellungen auszurotten, müssen sofort Maßregeln ergriffen werden, welche die Wiederholung der Krawalle verhindern. Der Kongreß der Semstwos und der Städte hat schon einmal beschlossen, daß allen Bürgern Rußlands ohne Unterschied der Nation und des Glaubens Gleichberechtigung gewährt werden müsse. Eine gesunde, praktische *) Wie mittlerweile festgestellt wurde, sind es über 180. Red.

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