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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-12-15 · 50 (15.12.1905) · p. Seite 702

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
50 (15.12.1905)
Date
1905-12-15
Page
Seite 702 (sequence 10)
Language
German
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Seite 702. Israelitische Wochenschrift. Nr. 50. auf die Frage, wer eigentlich für diese sozialdemokratischen Demonstrationen und Aufzüge das Geld hergiebt. So ein Zug kostet sehr viel Geld und die Arbeiter sind ohnehin genug ausgebeutet. Wer gibt also das viele Geld her für die Fahnen, Embleme, Drucksorten, Fahrten usw. Das alles kostet ja horrendes Geld. Der Adel gibt es den Sozialdemokraten gewiß nicht, weil er ja in den verschiedenen Aufrufen nur als Faulenzer und sattgefressenes Gesindel tituliert wird. Die Geistlichkeit gibt es gewiß auch nicht her, denn wir alle wissen ja, wie sie von der Sozialdemokratie behandelt wird. Die Fabrikanten, die Geschäftsleute und Gewerbetreibenden, sie alle leiden unter dem sozialdemokratischen Terrorismus, die werden das Geld gewiß nicht hergeben, und die Bauern geben es den Sozialdemokraten schon ganz gewiß nicht. Es bleiben also nur die Großkapitalisten (Rufe: Juden!) übrig, die einzig und allein in der Lage sind, den Sozialdemokraten so große Summen zu bieten, und wenn ich frage, warum? dann sage ich, die Sozialdemokraten sollen dazu benutzt werden, um zunächst die Christlich- Sozialen vom Boden der Stadt Wien wegzufegen. Deßhalb auch das Frohlocken der Juden bei den jüngsten Demonstrationen der Sozialdemokraten. Die Juden sollen aber ja nicht zu früh frohlocken." Wenn es auf Herrn Lueger ankäme, hätten die russischen Szenen in den Straßen der Stadt Wien sich längst abgespielt. Durch seine Getreuen hat er sich wiederholt als eine Art öfter, reichischen Plehwe hohenorts insinuieren lassen. Sein Wort vom „Hängen und Köpfen" ist in aller Erinnerung, stellt sich an die Seite des„Schußgeld"-Antrags seines getreuen „Freundes" Meister Stampiglius. Wenn er indeß vermeint, durch bürgermeisterliche Drohungen jenen Teil der Juden einzuschüchtern, der m den Reihen der sozialdemokratischen Partei steht, so dürfte er hier eine Enttäuschung erleben. Er hat sich in der Adresse geirrt. Die Wiener Juden haben das Gruseln bereits verlernt. Die „bürgermeisterliche" Ankündigung ist eine Mahnung, auf die eigene Sicherheit nunmehr ernstlich bedacht zu sein; jeder Wehrfähige muß einen Waffenpaß lösen. Das Wort: „lieber feig als dumm" wurde zwar in Wien gesprochen und hat eine gewisse Rotorität erlangt. Der Urheber, der das Wort geprägt hat, stammt allerdings von einer bei einem entsetzlichen „Judenbrennen" „bekehrten" Klosterneuburger Jüdin, ist aber derzeit der „allgewaltige Herr von Wien". Die Juden in Amerika. Aus dem kürzlich erschienenen von der Jewish Publication Society of America herausgegebenen, von Cyrus Adler und Henrietta Szold redigierten „American Jewish Pear Book" für das Jahr 5666 entnehmen wir nachstehende interessante Daten. Die Zahl der Juden in den Vereinigten Staaten von Nordamerika wird für das Jahr 1904 auf 1418 813 angegeben. Davon leben im Staate Newyork 750 000, in Pennsylvanien und Illinois mit den großen Gettos von Philadelphia und Chicago je 100 000, in Massachusetts 60 000 und in Missouri und Ohio je 50 000 Juden. Ueber die jüdische Gesamteinwanderung in die Vereinigten Staaten für das Jahr 1904/05 konnten selbstredend im Jahrbuch noch keine näheren Angaben gemacht werden. Dagegen wird die Zahl der jüdischen Emigranten nach den Hafenplätzen von Newyork, Philadelphia und Baltimore mit 118 419 beziffert. Von Juden, die öffentliche Aemter bekleiden, seien erwähnt: William Blumenthal, dritter Botschaftssekretär in Paris, und Levis Einstein, dritter Botschaftssekretär in London. Louis Goldschmidt ist Konsul zu Nantes und Daniel Meyer Generalkonsul in Buenos geworden. In Newyork sind Nathan Bijur und in Colorado Rabb. S. Friedmann zu Präsidenten aller von den betreffenden Staaten unterhaltenen Wohltätigkeitsinstitutionen ernannt worden. Morrice Block wurde zum Bürgermeister von Kingston wiedergewählt. In Colorado wurde Milton L. Anfänger, in Newyork Nathaniel A. Eisberg, Jacob Marx und Martin Sachs und in Kalifornien Edi M. Wolff zu Staatssenatoren neu- resp. wiedergewählt. Endlich wurde in Newyork Henry M. Goldfogle, in St. Franzisco Julius Kahn und in Chicago Aron Norden zu Senatoren gewählt. Die Zahl der Juden in dem Kongreß der Vereinigten Staaten beläuft sich nunmehr aus 6. Es sind das die Herren: Henry Meyer Goldfogle und Lucius Nathan Litauer für Newyork, Julius Kahn für St. Franzisco, Adolphe Meyer für New-Orleans, Aron Norden für Chicago und Isidor Reiner für Maryland. Die jüdische Wohltätigkeit war auch im Jahre 1904/05 geradezu imponierend. In der Zeit vom 14. August 1904 bis zum 20. August 1905 haben 225 Juden nicht weniger als 3 196 896,68 Doll. -- 13 620 561 Mk. für wohltätige Zwecke gespendet. Beträge über 200 000 Mk. haben bewilligt: Leon Gotchaux und Isidor Newman, beide aus New- Orleans, Simon Rotschild, Newyork, und Frau David Stettauer, Chicago. Summen in der Höhe von 3—400 000 Mk. haben gespendet: Meyer Guggenheim, Newyork, Simon Guggenheim, Denware (Colorado), und Hermann Leiter, Siracuse (Newyork). Der aus dem Besuch der jüdischen Notabeln bei Witte in Portsmouth bekannt gewordene Adolphe Levison aus Newyork spendete 95 000 Doll., von denen 75 000 Doll, zum Bau eines Heims für das jüdische Asyl bestimmt sind. Dessen Bruder Albert Levison gab für den gleichen Zweck sogar 150 000 Doll. Ben Wood Davis in Cincinnati spendete 140 000 Doll., davon 80 000 Doll, für verschiedene Universitäten. Jacob H. Schiff gab 187 750 Doll, hin, von denen 55 000 Doll, die Harvard University für Ausgrabungen in Palästina und 100 000 Doll, die Columbia University zur Errichtung eines Lehrstuhls für soziales Wirken erhielt. Die Kinder von Betty Löb gaben 750 000 Doll, für die Errichtung eines Rekonvaleszentenheims zum Andenken an ihre Mutter Berty Löb. Die Krone aller Wohltäter hat sich der in Philadelphia im vorigen Jahre verstorbene Rechtsanwalt Moses A. Dropfie aufgesetzt, welcher nicht weniger als 800 000 Doll., d. h. ca. 31/4 Million Mark, für einen einzigen rein jüdischen Zweck, nämlich zur Errichtung eines Beth Hamidrasch für das Studium des Talmud und der hebräischen Sprache vermacht hatte. Aus obigen Angaben über die jüdische Wohltätigkeit geht zweierlei hervor. In erster Reihe beweisen sie, daß die Juden selbst in dem gabenfreudigen Amerika inbezug auf Wohltätigkeit ihre nichtjüdischen Mitbürger weit Übetreffen. Dann aber gibt die große jüdische Wohltätigkeit die Erklärung dafür, weshalb unter den Milliardären Amerikas sich kein einziger Jude befindet. Wohl sind die Juden große Verdiener. Während aber die christlichen Geldmacher ihr Geld zusammenscharren, heißt es bei den Juden: wie gewonnen, so zerronnen. Sie geben ihr erworbenes Geld rasch wieder aus und zwar zum sehr erheblichen Teil in edler, der gesamten Bevölkerung zugute kommender Weise. Solche Leute figurieren wohl unter den höchst besteuerten, nicht aber unter den reichsten Männern des Landes. Zu bemerken ist, daß nur Spenden und Gaben

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