Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 50 (15.12.1905)
- Date
- 1905-12-15
- Page
- Seite 701 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 50. Israelitische Wochenschrift. Seite 701. Jugend zu übertragen suchen, die ohne Zweifel in demselben Geist der Solidarität und des Fortschritts unser Werk sort- , führen und vollenden wird. Seit den ersten Tagen der Alliance, als ihre Mitglieder mehr Begeisterung als Mittel halten, war es ihr Bestreben, durch Förderung der landwirtschaftlichen Kolonisation die traurige Lage der Israeliten in gewissen Ländern zu verbessern, in denen sie Opfer ungerechter Vorurteile sind, die der Geist des 19. Jahrhunderts nicht beseitigen konnte. An dem Tag, da __ es möglich war, von Worten zu Taten überzugehen, gehörte Zadoc Kahn zu der kleinen Zahl derjenigen, die inmitten von D unaufhörlich wachsenden Schwierigkeiten und Hindernissen den LE rationellen und methodischen Gang des neuen Exodus leiteten. Die landwirtschaftlichen Kolonien, die die Alliance in Asien, Afrika, in dem weiten Amerika begründet hat oder die daselbst unter ihrem Einfluß entstanden sind, haben Zadoc Kahn gegenüber eine Dankesschuld, die die Zeit nur immer vergrößern wird, in dem Maße, als die Wirkungen seiner Fernsicht sich immer mehr offenbaren werden, als sein allen Prüfungen standhaltender Optimismus sich immer schöner rechtfertigen wird. M Diese Werke sind noch jung, das 30. Jahrhundert wird ihre Früchte reifen sehen. Man wird dann in einem weiteren Kreise begreifen, wie groß die Klugheit der wenigen Männer war, die diese großen glücklichen Veränderungen in der Lage tausender Israeliten zuerst vorgesehen und sodann sichergestellt haben. Ein nun bereits blühendes Dorf in Argentinien trägt den Namen Zadoc Kahns. Dieser Name ist geliebt und verehrt. Er wird heute von der ganzen Judenheit beweint, aber nirgends von mehr Dankbarkeit, von mehr Liebe gehegt, mit mehr Tränen geehrt, als in jenen entlegenen Gegenden, wohin das alte Bienenvolk Israel einen jungen Schwarm entsendet hat. Was das hauptsächliche und unmittelbare Wirkungsgebiet der Alliance betrifft, diese Ecole Normale in Auteuil, die Pflanzstätte ihrer Lehrer, die verschiedenartig von ihr in Afrika und im Orient begründeten Erziehungsinstitute, so darf man sagen, daß das Urteil unserer Zeitgenossen, Christen, Mohammedaner oder Israeliten sie bereits weit über den Ehrgeiz ihrer Begründer hinaus anerkannt hat. In den Augen Zadoc Kahns, der die Seele so vieler nützlicher Werke war, gab es kein nützlicheres als das unsere. Hundertmal hat er es in seinen Ansprachen, seinen Predigten, seiner persönlichen Propaganda der Freigebigkeit aller empfohlen. „An uns ist es", so sprach er im Jahre 1883, „an uns, die wir durch die Vorsehung begünstigt sind. Schulen zu schaffen, wo das Kind das Gefühl seiner Pflichten, seiner Würde, seiner Ehre, seiner Tugend erwirbt; an uns, an uns allen, die wackere, großmütige Alliance Jsraelite zu unterstützen, die seit langem den heiligen Krieg unternommen und herrliche Siege errungen hat, deren Werk aber nicht zum glücklichen Ende gebracht werden kann, ohne die eifrige, warmherzig und reiche Hilfe aller jener, die die Ehre haben, zu gleicher Zeit Israeliten und Söhne eines freien Landes zu sein". Diese eifrige, warmherzige, reiche Hilfe für die Alliance durfte Zadoc Kahn mit Fug von andern fordern; hat er selbst doch niemals aufgehört, sie darzureichen bis zur Ermüdung, bis zur Erschöpfung seiner Kräfte. Und hätte er nichts anders als dieses geleistet — aber wieviel große Dinge schuldet man ihm außerdem — er würde verdienen, in den Annalen und in dem pietätvollen Gedächtnis der Judenheit den Ehrenplatz unter denen einzunehmen, die, um sich seines edlen Ausdrucks zu bedienen, die Ehre haben, zugleich Kinder eines freien Landes und Israeliten zu sein. MrgkmMer Dr. Carl tiiegrr für die rusßschen 7 ' . Herr Dr. Earl Lueger, der Bürgermeister der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien ist als Verteidiger der russischen Judenmassakers aufgetreten, er hat für die russischen Judenmörder, die an Greisen, Frauen und Kindern die entsetzlichsten Verbrechen verübt haben, Worte der Rechtfertigung gefunden. Da Herr Dr. Earl Lueger der einzige Bürgermeister einer Großstadt auf dem ganzen Erdenrund ist, der sich mit den Anführern der russischen Mordbande solidarisch erklärt, so verdienen seine Worte, die er am 5. d. M. in einer christlichsozialen Wählerversammlung 'in der Donaustadt im Franz- Josefs-Land gesprochen, in der Erinnerung festgehalten zu werden: „Das Manifest des Zaren von Rußland war das eigentliche Signal für die Ereignisse, die sich in der letzten Zeit bei uns in Oesterreich und in Wien zugetragen haben. Charakteristisch ist, daß, so lange nur Großfürsten und andere maßgebende Persönlichkeiten in Rußland umgebracht und gemordet wurden, man nur immer nicht so sehr von den Ermordeten als von den Mördern, den Märtyrern ihrer Ueberzeugung, sprach und schrieb. In der letzten Zeit ist nun einzelnen russischen Volkskreisen eingefallen, daß das, was die Juden und ihre Verbündeten, die Revolutionäre, in Rußland treiben, doch etwas zu stark ist, und so entstanden plötzlich die sogenannten Judenhetzen und Judenverfolgungen, und da hörten in den großen Blättern die Mörder auf, Märtyrer zu heißen, weil die Opfer Juden waren und ganz Europa und Amerika, die ganze Welt, wo Menschen wohnen, wurde in Bewegung gesetzt und aufgefordert, die russischen Juden zu schützen. Es hätte Amerika zugunsten der russischen Juden direkt eingreifen sollen, dann ersuchte man auch Deutschland, eine Aktion diesbezüglich einzuleiten, und das alles nur, weil es sich jetzt um die russischen Juden handelte, während man bei den früheren Opfern der Bewegung nicht eine Miene verzog, ja die Mörder sogar als Märtyrer ihrer Ueberzeugung verherrlichte. Damals war noch nichts von Schutzmaßnahmen gegen die Mörder zu lesen, damals war die Bewegung eine ideale und die Mörder im Recht, wenn es sich aber um die Juden handelt, dann soll die Welt aus den Angeln gehoben werden. Wenn es sich gewissen Leuten darum handelt, sich vom Zaren und anderen Leuten zu befreien, dann ist dies Ziel ein Ideal, wenn aber das Volk sich befreien will von den Tyrannen und den revolutionären Elementen, dann soll es von dieser Erde vertilgt werden. (Langanhaltcnde Zustimmung und Entrüstungsrufe.) Ich warne, sagte Dr. Lueger, speziell die Juden in Wien, nicht auch so weit zu gehen wie ihre Glaubensgenossen in Rußland und sich nicht allzusehr mit den sozialdemokratischen Revolutionären einzulaffen. Ich warne die Juden nachdrücklichst; es könnte vielleicht das eintreten, was in Rußland eingetreten ist. Wir in Wien sind Antisemiten, aber zu Mord und Totschlag sind wir gewiß nicht geschaffen. Wenn aber bte Juden unser Vaterland bedrohen sollten, dann werden auch wir keine Gnade kennen. Vor diesen traurigen Folgen will ich gewarnt haben. (Minutenlanger, demonstrativer Beifall.) Wenn man uns Ruhe und Geduld predigt, so wollen wir diese Lehren gern befolgen, aber nur dann und unter der Bedingung, wenn diese Lehren auch von anderen befolgt werden. Die Ruhe nur immer von uns zu verlangen, ist ungerecht, man soll sie von allen verlangen, auch von jenen, die scheinbar ruhig sind, für die Unruhen aber das Geld geben. Das führt mich 23951414