Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-12-15 · 50 (15.12.1905) · p. Seite 697

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
50 (15.12.1905)
Date
1905-12-15
Page
Seite 697 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9606364-9607105--9752-9607110
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 60. Israelitische Wochenschrift. Seite 697. Rede sein. Da haben wir es, man mag es drehen und wenden wie man will, mit einer offenbaren Verletzung des Grundrechts oder, wie man es auch bereits genannt hat, mit einer Prellerei zu tun. Wenn aber das am grünen Holz geschieht, d. h. seitens der höchsten Beamten, seitens derer, deren Ehrenwort bindend ist, was soll dann erst in niedrigen Kreisen geschehen? Wenn ein Minister Juden grundsätzlich um ihr Recht prellt, was bürgt dafür, daß Richter nicht Juden, wenn es irgend geht, das Recht versagten? Wir sehen das von oben her gegebene Beispiel schon von jungen Studierenden befolgt. Was sie sehen, muß sie fast auf den Gedanken bringen, es sei nur in Ordnung, ja es sei Pflicht, gewissermaßen Staatsraison und Ehrensache, die jüdischen Kommilitonen von sich fern zu halten. So wirkt das Beispiel zersetzend auf die Moral und auf die so wünschenswerte Zusammengehörigkeit der Jugend, und es pflanzt sich beides fort durch die ganze Beamtenschaft. In Rußland hat die Behandlung der Juden durch den Gouverneur schließlich den kleinsten Beamten dazu verleitet, sich für berechtigt zu halten, von jedem Juden Geld zu erpressen, und gelegentlich Razzias gegen sie zu veranstalten. Wir haben schon gesagt, daß wir in Deutschland so leicht nicht Gefahr laufen, es in dieser Beziehung so weit zu bringen, so abgrundtief zu sinken wie in Rußland. Aber der kluge Mann beugt vor, und der Staatsmann ist verpflichtet vorzubeugen. Man bekommt nicht immer gleich die galoppierende Schwindsucht, aber man weiß, daß die Tuberkelbazillen langsam, tückisch und sicher die Lunge vernichten und damit Siechtum und schließlich den Tod-herbeiführen. Der Staatskörper verfällt erst recht nicht mit einem Mal einem rapiden Untergang. Auch er wird langsam, tückisch, aber sicher unterminiert. Und durch nichts geschieht es so sicher, wie durch offenbare Ungerechtigkeit. Wenn hier, warum nicht da? Warum der, warum nicht jener und der dritte und vierte und alle? Und wenn der, jener und alle, warum nicht ich? Warum soll auch ich nicht das geringere Recht verletzen, das vielleicht keiner bemerkt, wenn es doch alltäglich in flagrantester Weise seitens derer geschieht, die mehr sind als ich? So wird gefragt. So ist in Rußland im Lauf der Jahre von jedem gefragt worden, bis schließlich in Rußland selbst wie in der ganzen Welt keiner noch glaubte, daß es noch einen ehrlichen russischen Beamten gab, bis es kaum wirklich einen gab, und bis das Reich dahin kam, wo es jetzt angelnngt ist. Lernen wir! wir sind gewarnt. Lernen wir bei Zeiten, und halten wir hoch und heilig die Verfassung, des Reiches Grund- und Eckstein Die Hilfsaktion siir die rnsslschen Inden. Es ist erfreulich, konstatieren zu können, daß die Hilfe, leistung für die russischen Juden sowohl international als interkonfessionell ist. Spricht das ja am deutlichsten dafür, daß alle Welt die Blutschuld Rußlands und die Unschuld der russischen Juden anerkennt. Wir wissen, wie in Deutschland den Sympathien für die Opfer russischer Niedertracht durch Wort und Tat Ausdruck gegeben wird. Es sei noch erwähnt, daß auch der Großherzog und die Großherzogin von Baden sich mit einer Spende beteiligt haben. Weniger weiß man, daß in gleicher Weise in anderen Ländern ohne Unterschied der Konfession und der Nationalität mit Erfolg für die russischen Juden gesammelt wird. Dem Hilfekomitee in Brüssel beispielsweise gehören an der streng katholffche Staatsminisier Beernaert, der Oberlandesrabbiner Bloch, der Bürgermeister von Brüssel de Mot, der Staatsminister Le Jeune. In Antwerpen haben die Stadtverordneten unaufgefordert 2500 Fr. für den Hilfsfonds bewilligt. In den meisten Städten der Schweiz haben gerade christliche Notabilitäten Wert darauf gelegt, zu den Komitees zu gehören. In Sidney, Australien, sind in einer Versammlung 7000 Doll, gezeichnet worden. Noch bemerkenswerter ist, daß in der russischen Kirche zu Wien eine Kollekte zugunsten der russischen Juden veranstaltet worden ist, daß der russische Botschafter, Fürst Urussoff, sich mit 1000 Kronen an der Sammlung beteiligt hat, daß in Budapest die Häupter der griechisch-katholischen Kirche an alle russischen Gemeinden des Landes Aufrufe zugunsten der russischen Juden erlassen haben und daß endlich auch der russische Konsul in Chicago, Baron Schlippenbach, 10 Doll, gespendet hat. Dem gegenüber hat die „Staatsbürgerztg." den wenig beneidenswerten Mut, sich „von geschätzter Seite" die Sammlungen als „verkehrte Wohltätigkeit" bezeichnen zu lassen, und dazu selbst ein langes Gesalbadere hinzuzufügen, in welchem ausgeführt wird, daß die Juden in Rußland ihr Schicksal verdient haben, weil sie sich auch an der Revolution beteiligten. In dem letzten amerikanischen Brief der „Mitteilungen" kann die „Staatsbürgerztg." bereits die Antwort auf ihren Unsinn finden, die ja so sehr nahe liegt. Niemand hätte für die russischen Juden gesammelt, am allerwenigsten hätten sich alle Länder und Konfessionen in so seltener Eintracht und in so hohem Maße an den Sammlungen beteiligt, handelte es sich nur um die in den revolutionären Kämpfen gefallenen oder verwundeten Juden. Aber in Rußland sind Juden nicht nur im Bürgerkriege gefallen, sondern man hat auch friedliche, unschuldige Juden en masse überfallen, sie beraubt, ermordet und Frauen und Kinder in viehischer Weise behandelt. Darum die große und allgemeine Hilfsaktion. Es ist die alte Geschichte: der Jude mag machen, was er will, er soll immer verbrannt werden. Hätten sie, die am meisten Unterdrückten, sich nicht auch an der Erhebung beteiligt, man hätte sie mit Recht für charakterlose Feiglinge erklärt. Alle Klassen, alle Rassen in Rußland befinden sich in Ausruhr, und nur die Juden, die am meisten Grund zum Aufruhr hatten, sollten nicht von der Bewegung sich mit fortreißen lassen. Wenn die Mörder, Räuber, Frauenschänder in Odessa, Kischinew und mehr als einem halben hundert anderer Städte „die loyalen Verteidiger" des Zaren und der Ordnung sein sollen, dann können einem Zar und Ordnung in Rußland nockweit mehr leid tun, als es ohnehin schon der Fall ist. Nach der „Staatsbürgerztg." ist die „gutgesinnte russische Bevölkerung" der russischen Regierung im Kampfe mit der Revolution zu Hilfe gekommen. Wie alle Welt weiß, hat die korrupte russische Bureaukratie das gemeinste Gesindel im Lande auf die Wehrlosen losgelassen. Die russischen Revolutionäre mögen allerlei sich haben zu Schulden kommen lassen, mögen manchen politischer! Fehler gemacht haben und noch machen, aber wenn das Gesindel, welches vielleicht an die hunderttausend Menschen niedergemacht oder verstümmelt und die allerniederträchtigsten Schandtaten begangen hat, „die gutgesinnte russische Bevölkerung" sein soll, dann sind die Revolutionäre die reinen Engel. Wenn der möderische Pöbel die „gutgesinnte" Stütze des z russischen Staates sein soll, dann sollte, je früher desto besser, dieser Staat von der ganzen zivilisierten Welt in seine Atome aufgelöst werden. Wir aber denken besser von dem russischen Volke. Wir sind überzeugt, daß nur der gemeinste Abhub der Bevölkerung von den verworfensten, wenn auch unbestraften beamteten Verbrechern zu Raub und Mord aufgestachelt worden ist. Aber wir begreifen vollständig die Sympathie der „Staatsbürgerztg." für dieses teuflische Pack, ebenso wie wir begreifen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.