Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-12-15 · 50 (15.12.1905) · p. Seite 696

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
50 (15.12.1905)
Date
1905-12-15
Page
Seite 696 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9606364-9607105--9751-9607109
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 696. Israelitische Wochenschrift. Nr. 60. Knutenregiment, nicht so bloßgestellt worden ist, wie durch diese Judenschlächtereien, die den deutschen Antisemiten noch nicht zu genügen scheinen, noch nicht imponieren. Vergessen wir namentlich nicht, daß, während nicht ein einziges russisches Blatt die letzten Judenmetzeleien zu billigen gewagt hat, antisemitische Zeitungen in Deutschland, sogar die für die vornehmen Kreise existierende „Kreuzzeitung", wie wir unseren Lesern seinerzeit unterbreitet haben, so darüber sich ausließ, daß, wie uns ein Professor an einer Schweizer Universität schreibt, ihm, der sein deutsches Vaterland über alles liebt, die Schamröte ins Gesicht getrieben wurde. Unser damals mit Bezug auch auf die „Kreuzztg." gebrauchtes „Pfui Teufel!" war demnach nicht zu stark. — Freilich ganz verschweigen oder unterdrücken läßt sich die Wahrheit nun nicht. Selbst antisemitische deutsche Blätter veröffentlichen Originalbriefe aus Rußland, die die Dinge denn doch erheblich objektiver wie die „Kreuzztg." darstellen. Das Stöckersche „Volk" z. B. erhält über die Petersburger Schreckenstage eine sehranschauliche Schilderung, in der es u. a. heißt: „Von anderer Seite wiederum bekommt man Zettel ins Haus, daß es jetzt gegen „Juden und Jüdlinge" — unter letzteren versteht die Masse beinahe jeden Gutgekleideten — losgehen werde". Die antisemitisch-alldeutsche „Deutsche Zeitung" wiederum bestätigt in einem Kiewer Brief einer deutschen Russin, die den Juden alle nur erdenklichen Schandtaten nachsagt, von denen sie aber nach ihrem eigenen Eingeständnis keine einzige durch eigene Wahrnehmung bezeugen kann, daß die Abschlachtung der Juden in Kiew eine ganz planmäßige gewesen ist: „Die russischen und deutschen Läden werden, so heißt es in den: Brief, alle verschont, nur alles Jüdische ist zertrümnrert worden . . . Die Judenhetze ist in vollem Gange, alle prachtvollen Buden auf dem Kreschtschatik sind zerschlagen . . . Dre jüdischen Magazine alle zertrümmert und mit Brettern verschlagen, die russischen auch geschlossen, aber über diesen allen Heiligenbilder und große weiße Kreuze". Fragen wir nun: was ist die Grundursache, daß Ausschreitungen, wie sie in den letzten Wochen zum Entsetzen der ganzen Welt mit Ausnahme der deutschen Antisemiten gegen die Juden in Rußland verübt worden sind, möglich waren, daß man sie erdenken und mit solcher Brutalität ausführen konnte? So weit wir auch spähen und blicken, wir können als Hauptursache nur erkennen, daß man in Rußland sich im Lauf der Zeit gewöhnt hat, die Juden als untergeordnete Wesen zu betrachten und zu behandeln, so daß die Russen vom Gouverneur bis zum Muschik gar nichts außerordentliches darin fanden, Juden zu plündern und zu morden. Weder ist es den Gouverneuren besonders schwer gefallen, wenn es ihnen aus irgend einem Grunde in den Kram paßt, das Signal zu Judenhetzen zu geben, noch machten sich die russischen Massen ein Gewissen daraus, dem Signal zu folgen. Man ist in Rußland zwar auch gegen Nichtjuden oft sehr wenig liebenswürdig gewesen. Man hat Sektierer, Polen, Finländer und andere mehr oft geradezu grausam behandelt. Aber immer waren bestimmte Gründe für ein solches Tun vorhanden. Gründe, die man nicht zu billigen braucht, aber allenfalls begreiflich finden konnte. Für die Behandlung der Polen und Finländer beispielsweise waren international-; olitische und sonstige Gründe der hohen Staatspolitik maßgebend. Sektierer wollte man der Staatskirche zuführen. Ohne diese Gründe hätte man sie alle für gleichberechtigt angesehen, ja der Zweck der Maßnahmen war, sie alle möglichst mit dem russischen Volk zu verschmelzen. Außerhalb Finlands, außerhalb Polens hatte man gegen Polen und Finländer nichts feindliches. Die russische Judenpolitik aber bezweckte im Gegenteil, die Juden vom russischen Volk möglichst gesondert zu halten. Die Juden hatten keine separatistischen Gelüste, konnten keine Gefahr bilden für die Integrität des russischen Reichs, wie Finen, Polen, Annenier, Tartaren u. a. m. Man betrachtete und behandelte die Juden so, wie etwa Kolonialübermenschen die Neger oder sonstige wilde Völkerschaften, wo es weiter nicht darauf ankommt, ob man Einige, Dutzende, Hunderte spaßeshalber oder aus sonstigen frivolen oder verbrecherischen Gründen mit mehr oder weniger Unmenschlichkeit umbringt. Und nicht nur die russischen Machthaber handelten so, sondern sie erzogen durch die differenzielle Behandlung der Juden das ganze russische Volk systematisch dazu, sie als gelegentliche Brandschatzungsobjekte, als eventuell vogelfreie Geschöpfe anzusehen. Es liegt uns natürlich sehr fern, die Lage der Juden in Rußland mit derjenigen der Juden in Deutschland in Parallele zu stellen. Es wäre dies eine ungeheuerliche Ungerechtigkeit gegen Deutschland und die deutschen Juden ]iub ganz gewiß die allerletzten, sich des großen Unterschiedes nicht sehr wohl bewußt zu sein. Aber die höhere Bildung der deutschen Juden und ihre durch die Verfassung verbürgte bürgerliche Gleichstellung macht sie ganz naturgemäß und mit Recht empsindlicher gegen eine verfassungswidrige differenzielle Behandlung. Was die Juden veranlaßt, mit solcher Hartnäckigkeit aus ihrem legalen Schein zu bestehen, zu verlangen, daß auch sie, sofern sie sich persönlich dazu qualifizieren, Reserveoffiziere, Leutnants, Richter u. dgl. m. werden, das ist die Erwägung, daß, so lange sie es nicht werden, sie als Bürger zweiter Klasse behandelt und vom Volk denn auch nicht für voll angesehen werden. Das aber wiederum hat zur weiteren Folge, daß gewissenlose Menschen es gelegentlich für angebracht halten, auf die jüdische Gesamtheit zu hetzen und damit bei den Massen, die ja stets vor Augen haben, daß von Staatswegen die Juden in der Tat zurückgesetzt werden, Anklang finden können. In welchem Maß das der Fall ist, haben wir ja seit mehr als einem Vierteljahrhundert zu sehen sattsam Gelegenheit gehabt, und würden wir, falls der Nährboden durch irgend welche widrigen Verhältnisse günstiger gestaltet werden sollte, vielleicht schaudernd zu erleben Gelegenheit erhalten. Aber die Wirkung der differenziellen Behandlung äußert sich nicht nur nachteilig auf die Juden, sondern in viel schlimmerer und geradezu demoralisierender Weise auf die differenziell Behandelnden. Unrecht leiden mag schmerzlicher sein, aber es demoralisiert nicht so wie Unrecht tun. Minister oder Offizierkorps oder Justizbehörden, die Juden verfassungswidrig nicht anstellen, hinausballotieren, boykottieren, verletzen bewußt nicht nur das Recht, das das Fundament des Staats ist, sondern des Fundamentes Fundament, den Eck- und Grundstein des Staatsgebäudes. Wir alle wissen, mit welcher Empörung es jedermann erfüllt, wenn irgend ein Individuum mit Unrecht verurteilt oder zu hart verurteilt wird. Das Volk hat dafür das schärfste Wort in seiner Sprache; es spricht von Mord, es nennt es einen Justizmord. Dennoch handelt es sich da gewöhnlich nur um eine einzelne Person, kann man annehmen, daß der Richter aus dem Gang der Verhandlungen, die Anderen nur nicht gleich einleuchtende Ueberzeugung von der Schuld, der schweren Schuld des Angeklagten gewonnen hat. Der Richter, der ja auch nur Mensch ist, kann sich geirrt haben. Ganz anders aber verhält es sich, wenn trotz der gesetzlichen Gleichstellung, trotz des ganz klaren Verfassungsartikels Juden jahraus, jahrein ungeachtet unbestreitbarer Qualifikation nicht angestellt werden. Da kann von einem Irrtum, von einer Ueberzeugung wohl noch manchmal, unmöglich aber immer die

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.