Mannheim
Compact Memory

Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-12-15 · 50 (15.12.1905) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
50 (15.12.1905)
Date
1905-12-15
Page
[Seite] (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/5369809-9607691-9606364-9607105--9750-9607108
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Zeitschrift für die Geslmtiiitmlseii des IildentinilS. Webst öem WeiblUtt: Züöifches LitterclturULcrtt. Erscheint an jedem Freitag das jüdische Litteraturblatt monatlich zweimal. Alle Postanstalten nehmen Abonnements entgegen. Redaktion und Verlag: Werkin 6., Woß-Straße 3 Telephon: Amt I, 5729. Bezugspreis vierteljährlich: Deutschland u. Österreich-Ungarn 3.— Mk. alle anderen Länder 3.50 Mk. Anzeigen für die Ispaltige Petitzeile 30 Pf. Alle Annoncen-Expeditionen nehmen Anzeigen entgegen. Unrrrmer 50. Kerlin, 15. Dezember 1005. 14. Jahrgang. Alle, auch für die Redaktion bestimmte Mitteilungen erbitten wir an die Adresse Israelitische Wochenschrift Berlin C., Rost-Straffe 3. Inhalt. Artikel: Lernen wir! wir sind gewarnt. — Die Hilfsaktion für die russischen Inden. — Predigt, gehalten beim Trauergottesdienst für die Opfer der Judenverfolgungen in Rußland. Von Dr. Adolf Rosenzweig. — Festrede, gehalten bei der goldenen Hochzeitsfeier des Moritz Manheimerschen Ehepaars in der neuen Synagoge. Von Prof. Dr Maybaum-Berlin. — Zum Gedächtnis von Zadoc Kahn. Von Salomon Reinach. — Bürgermeister Dr. Carl Lueger für die russischen Judenmassakers. — Die Juden in Amerika. — Politik: Die Grenzsperre gegen russische Juden. — Der Semstwo-Kongreß. — Zweihundertfünfzigjähriges Jubiläum der Wiederzulassung der Juden in England. — Wochenchronik. — Vakanzen. — Feuilleton: Der Auswanderer. Von Simon Rosenberg. — Inserate. fentnt mir! mir futii gemimt. Ihrer moralischen oder vielmehr unmoralischen Mitschuld sich wohl bewußt, haben unsere Antisemiten die jüngsten Judenschlächtereien in Rußland als durch die Beteiligung der Juden an der revolutionären Bewegung verdient darzustellen versucht. Sie haben sodann die Teilnahme für die Opfer der ungeheuerlichen Judenexzesse als jüdisch-freisinnige Mache auszugeben sich bemüht und gehöhnt, daß man doch keine Teilnahme gezeigt für die Opfer der Revolutionäre, für die Sergius und Plehwe, für die ermordeten Beamten und beraubten Gutsbesitzer usw. Schließlich haben sie gar die Berichte als ungeheuer übertrieben bezeichnet. Es verlohnt kaum, auf das Unsinnige und Verlogene solcher Darstellungen näher einzugehen. Wenn die Behauptungen und Schlüsse der Antisemiten, der deutschen Antisemiten, richtig wären, warum sind die so oder so an den Judenschlächtereien beteiligten Gouverneure und Beamten abgesetzt worden? Warum entschuldigt sich Witte und ergreift in erster Reihe Maßregeln, um neue Greuel zu verhüten und um die Haupt-Pogromhelden zur Rechenschaft zu ziehen? Sind die Erzbischöfe, Bischöfe und christlichen Geistlichen, die ihre Sympathie für die verfolgte und dezimierte russische Judenschaft öffentlich kundgegeben haben, Juden? Achten auch sie die revolutionären Handlungen, denen die Repräsentanten des russischen Willkürregiments, wie Großfürst Sergius, Plehwe und viele andere zum Opfer gefallen sind, gleich den viehischen Ausschreitungen und empörenden Schandtaten, denen man von Amts wegen Tausende und Zehntausende unbeteiligten Juden preisgegeben hat? Und wenn wirklich die im ersten Schrecken und Wirrwarr gemeldeten Zahlen der Ausgeraubten, Verstümmelten, Geschändeten und Ermordeten hier und da etwas zu hoch gegriffen worden sein sollten, sie sind in Wahrheit immer noch entsetzlich hoch. Um ein paar Hundert, selbst ein paar Tausend hätte die russische Regierung, zumal in einer Zeit, wo im ganzen Reich das Totschlägen die alltägliche Beschäftigung war, sich nicht zu Verhütungsmaßregeln und gewissermaßen auch zu einer Abbitte der Juden vor aller Welt bequemt. Danach wären die deutschen Antisemiten bis zur Kreuzzeitungssorte russischer als die russische Regierung. Wir würden uns freuen, wenn wir annehmen könnten, es sei ein gewisses Schamgefühl, das die deutschen Antisemiten veranlaßt, solche Drehungen und Windungen zu machen, oder daß sie sie machen, weil sie fürchten, daß sonst ihre Leser sich voll Ekel von ihnen und ihrer Verherrlichung der russischen Judenverfolgung abwenden möchten. Seiber können wir solchem Optimismus uns nicht hingeben. Im Gegenteil müssen wir uns allen Ernstes die Frage vorlegen, ob wir, was bis vor kurzem zeitlich ganz unmöglich schien, nämlich die Wiederholung der allerschlimmsten mittelalterlichen Greuel, nach der von aller Welt erlittenen Enttäuschung nicht auch, was man räumlich für unmöglich zu halten geneigt sein möchte, schließlich doch für möglich halten müssen. Mit anderen Worten, ob das, was trotz der Entfernung vom finsteren Mittelalter im zwanzigsten Jahrhundert sich wiederholt hat, nicht trotz der Entfernung von Kiew, Odessa usw. in — Deutschland auch möglich wäre? Wer, der sich der Sprache der antisemitischen Presse, der Vorgänge in Könitz und Umgegend, der Reden eines Grafen Pückler erinnert, möchte den Mut haben, unsere Frage mit voller Ueberzeugung zu verneinen? Gewiß, so leicht wie in Rußland dürften in dem geordneten Deutschland Pogroms, wie sie Graf Pückler mit so wahnwitziger Beredsamkeit zur Freude selbst des wohlgekleideten Metropole-Pöbels empfohlen hat, nach russischem Beispiel und in russischem Maßstab sich nicht bewerkstelligen lassen. Wie aber, wenn unsere Truppen anderweitig engagiert sind? Können Ivir unbedingt sicher sein, daß wir unter allen Umständen uns nicht vor aller Welt so infam blamieren wie Rußland, das durch alle Niederlagen zu Wasser und zu Lande, durch alle nihilistischen und anarchistischen Schreckenstaten, weder durch sein Sibirien noch durch sein

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.