Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 49 (8.12.1905)
- Date
- 1905-12-08
- Page
- Seite 686 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9606364-9607088--9740-9607094- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 2× ep/1000834
OCR text
Seite 686. Israelitische Wochenschrift. vtr. 49 den Philistern zu sterben. Daß die Herbstkrawalle des Jahres 1905 von mächtiger Seite geplant, sorgfältig vorbereitet und in Szene gesetzt wurden, beweist schon der Umfang derselben, sowie ihr fast gleichzeitiges Auftreten an zahlreichen weit von einander entfernten Orten. Schon Plehwe soll in seiner Wut die Worte ausgestoßen haben: „Ich werde die russische Revolution in Strömen von jüdischem Blut ertränken!" Plehwe kam nicht mehr dazu seine Drohung zu verwirklichen Diese Revolution wußte, daß sie vor allem den Henker Rußlands beseitigen muß, wenn sie nur die ersten Schritte gegen ihr weites Ziel machen soll. Plehwe wurde von der marschierenden Revolution zur Seite ges chleudert. Aber Plehwes Schüler leben noch und sie bemühen sich, noch im letzten Augenblick „die russische Revolution in Strömen von jüdischem Blut zu ertränken". Zu diesem Behuf wurden überall Räuberbanden organisiert, der Pöbel systematisch gegen „Juden" und „Demokraten" gehetzt und der seit Monaten gedrillte Mob mit Aexten, finnischen Messern, ja selbst Militärgewehren gut bewaffnet. Die auf die Juden schließlich losgelassene Meute wurde in vielen Orten von Polizisten und Gendarmen offiziell geführt. Sie besaß sorgfältig geführte Listen aller jüdischen Wohnungen und Läden, so daß selbst vereinzelt in durchweg von Christen bewohnten Straßen gelegene jüdische Häuser von ihnen niemals verfehlt wurden. Andererseits wurden Christen, die in übervölkerten jüdischen Mietskasernen wohnten, vom Pöbel sorgfältig geschont. Damit den Mördern ja kein Haar gekrümmt werde, wurden sie von Kosaken und Soldaten geleitet, die alle sich zur Wehr setzenden Juden unter heftigem Gewehrfeuer nahmen. Daß das Tschinowniktum bei der Plünderung auch sich selber nicht vergaß, wird durch zahlreiche Beispiele von Polizisten und Gendarmen erhärtet, die Uhren, Goldwaren, Seidenstücke und bar Geld raubten und stahlen. Jehlschlagen der Krawalle. Glücklicherweise kam das Tschinowniktum mit seinem verruchten Plan die russische Revolution in Strömen jüdischen Bluts zu ertränken ein wenig zu spät. Zwei Wochen vorher fand der gewaltige Eisenbahnerstreik statt, der den Zaren nötigte, Witte zum Ministerpräsidenten zu ernennen und Rußland eine europäische Konstitution zu versprechen. Jetzt hatten die Judenpogrome eigentlich keinen Zweck mehr und die Ströme von Blut sind vergebens vergossen worden. Wir sind überzeugt, daß der Zar trotz allen Machinationen der ebenso dummen wie dreisten und frechen Kamarilla sein gegebenes Wort nicht mehr zurücknehmen wird. Zu spät! Das Tschinowniktum ist tot und selbst sein letztes großes Verbrechen, die Herbstkrawalle von 1905 werden es nicht mehr wieder in Leben zurückrufen können. Diese Krawalle selber haben trotz ihrer Fruchtbarkeit einige erfreuliche Lichtblicke gezeigt. In erster Reihe haben sie den gewaltigen Fortschritt bekundet, den das russische Volk in den letzten zwölf Monaten gemacht hat. Ganz Polen, Litauen sowie die Ostseeprovinzen sind von den Krawallen fast völlig verschont geblieben und nur einige Kosakenmetzeleien, von denen die Juden allerdings am schwersten betroffen wurden, sind da zu verzeichnen gewesen. Hier wo kompakte, um ihre Freiheit kämpfende Nationalitäten wohnen, konnte die Polizei selbst unter dem Mob nicht genug Räuber und Mörder dingen, um mit Erfolg einen Krawall in Szene zu setzen. Nur in dem von Griechen, Rumänen und sonstigem vaterlandslosen Gesindel bewohnten Südrußland, sowie in dem von Gouverneur Klingenberg regierten Gouvernement Mohilew vermochte die Polizei unter dem Lumpenproletariat die nötige Anzahl Gesindel aufzutreiben. Auch in Zentralrußland konnte der „Patriotismus" nur in den wenig kultivierten Orten ziehen und Krawalle gegen „Juden, Polen, Armenier und sonstige Feinde des weißen Zaren" zeitigen. In Moskau wurden die Krawallversuche im Keime erstickt. In Petersburg haben die ehrbaren Arbeiter ein Verzeichnis der Mitglieder der schwarzen Bande angelegt. In Charkow erklärten die Eisenbahnarbeiter dem Gouverneur, beim leisesten Versuch zu einem Judenkrawall in die Stadt dringen und die Exzedenten mit bewaffneter Hand Niederschlagen zu wollen. In Warschau werden die Judenhetzer vom Volk wie tolle Hunde erschlagen. Endlich wollen wir zu unserm eigenen Trost und zum Trost unserer Leser noch eine letzte lichtvolle Erscheinung der Judenkrawalle hervorheben. Wir meinen die ansgedehnte und mächtige Organisation des jüdischen Selbstschutzes. Während noch vor drei Jahren in Kischinew die Juden sich vor den gegen sie andrängenden Banden in Kellern und Bodenkammern verkrochen, wo sie von ihren Mördern einzeln abgeschlachtet wurden, während in Schitomir ein einziger Christ, der unvergeßliche Student Blinoff, sich offen dem jüdischen Selbstschutz anschloß, kämpften in Kiew und Odessa, in Bachmut, Rostow und zahlreichen andern Orten Hunderte von Studenten und Arbeitern Schulter an Schulter mit der jüdischen Verteidigung. Letztere war seit Schitomir so erstarkt, daß in zahlreichen Fällen das Militär wie in einer offenen Feldschlacht gegen sie mit Schnellfeuergeschützen vorgehen mußte. In vielen Orten konnte der Krawall von den Juden im Keime erstickt werden, und wo dieses wie in Kiew, in Odessa usw. usw. nicht mehr möglich war, haben wenigstens Hunderte von Räubern ihre Raublust mit dem Leben bezahlen müssen. Dir 7 ' "7 " der Umgrßilttimg des heliriiWil Diltmichts. In der am 11. Juli d. I. in Baden-Baden abgehaltenen Generalversammlung des Landesvereins für die israelitischen Religionslehrer Badens sprach Direktor Driesen-Karlsruhe über das seinerzeit von ihm vorgeschlagene und vom Vorstand des Verbandes der jüdischen Lehrervereine im deutschen Re che aufg stellte, in der Ueberschrifr bezeichnete Verbandsthema. In nachstehendem geben wir das wesentliche seiner Ausführungen: In Uebereinstimmung mit dem Lehrplan von 1881 muß nach wie vor der Unterricht im Hebräischen a's unentbehrlicher Bestandteil des israelit schen Religionsunterrichts bezeichnet werden, weil er allein ein volles Verständnis der erhabenen sittlichen und religiösen Lehren und Vorschriften der heiligen Schrift sowie des tiefen Gehalts der hebräischen Gebete ermöglicht. Daß jedoch der Erfolg, der heute beim hebräischen Unterricht erzielt wird, für den Schüler höchst minimal, für den Lehrer geradezu unbefriedigend genannt werden muß, wird von allen gewissenhaften Lehrern, welcher religiösen Richtung sie auch angehören, unumwunden eingestanden. Viele Eltern, die die Unfruchtbarkeit des hebräischen Unterrichts an sich selbst erfahren haben, legen keinen Wert darauf, ihr^ Kinder diesem Unterrichte zuzuführen, und die Kinder, die im Elternhause angehalten werden, an diesem Unterrichte teilzunehmen, empfinden ihn als eine Last, der sie sich möglichst zu ntziehen suchen. So kommt es, daß der weitaus größere Teil der jüdischen Jugend in Deutschland ohne Kenntnis beziehungsweise Verständnis des Hebräischen heranwächst. Welche nachteiligen Folgen diese beklagenswerte Tatsache nach sich ziehen muß, braucht nicht erst erörtert zu werden. Dieser Mißstand kann aber nur dadurch beseitigt werden, daß mit der vom Cheder überlieferten mechanischen Lehrweise des hebräischen Unterrichts gebrochen und eine unserer Zeit und unseren Verhältnissen angepaßte Methode eingeführt wird. Die geeignetste Unterrichtsweise für das Hebräische zu finden und zu erproben, gehört in der heutigen Zeit zu den dringendsten Aufgaben der jüdischen Lehrerschaft. Was das bei dem hebräischen Unterricht zu erstrebende formale Lehrziel betrifft, bei dem die Hauptsache, das Verständnis des religiösen und sittlichen Gehalts des Uebersetzungsstoffes und die Erfüllung der Seele des Schülers mit den darin ausgedrückten erhabenen Ideen, im Auge behalten werden muß, so sind jedenfalls folgende Forderungen zu stellen: 1. Der Schüler muß die Fähigkeit erlangen, das Hebräische sprachlich richtig und sinngemäß zu lesen; 2. er muß sich den Wortschatz der hebräischen Sprache soweit aneignen, daß er die leichteren Stellen der Bibel und des Gebetbuchs zu verstehen, in schwierigeren Partien sich mit Hilfe des Wörterbuches zu orientieren vermag; 08021412