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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-12-08 · 49 (8.12.1905) · p. Seite 685

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
49 (8.12.1905)
Date
1905-12-08
Page
Seite 685 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 49. Israelitische Wochenschrift. Seite 686. Kampf ums Recht ein heiliger, ein idealer Kampf. Der doch jedenfalls bildliche Satz, daß „Gott ein Mann des Krieges" sei, hat nicht nur den Sinn, daß jeder Kampf um die gerechte Sache unter höherem Schutz stehe, sondern auch, daß das Göttliche auf Erden — Recht und Wahrheit — immerfort kämpfen müsse um seine Verwirklichung innerhalb der Menschheit, da es ohne unermüdliches Ringen und Kämpfen nimmermehr zum Siege gelangen würde in der Welt. Unser Schreien gegen die Verkürzung unserer Menschenrechte, so oft diese Frage in den Parlamenten aufgewickelt wird, ist daher nichts Gekünsteltes, nichts Gemachtes, sondern der Aufschrei der Empörung gegen das Attentat auf die „Gottessache." Und nachdem wir annehmen, daß der tiefe sittliche Zorn, der ein Menschenherz bei jeder Wahrnehmung einer schreienden Ungerechtigkeit erfaßt, lautes Zeugnis ablege von dem kräftigen Rechtsgefühl, das in seinem Innern lebt, so mochte der biblische Anthropomorphismus sich es wohl gestatten, auch von einem über das Böse „entbrennenden Zorn Gottes und ebenso ^ruch von einem „eifervollen Gott" zu reden, Ausdrücke, die dem biblischen Schrrfttum wohl öfters herbe Polemik zugezogen haben, deren aber das Judentum sich durchaus nicht schämt, weil sie eben aus dem innersten Wesen seiner Rechtsanschauung in konsequenter Weise sich ergeben. Gott, als die höchste Gerechtigkeit, konnte nicht gedacht werden als ein schwachherziger Richter, der ohne die kräftige Energie des Rechts in menschenartiger Schwäche und Weichlichkeit oftmals ein Auge zudrückt gegen das verübte Unrecht. Jedes Böse muß seine Vergeltung finden, ebenso wie jedes verletzte und beleidigte Menschenrecht seine Sühne haben muß. Es ist eine der größten Lücken in der Moral des neuen Testaments, daß die Tugend der Abwehr des Unrechts nicht recht Platz hat. Nicht: dulde kein Unrecht! sondern umgekehrt: ertrage jedes Unrecht! sollte nach der neuen Lehre die Losung aller Edlen sein, die junge Tochter glaubte eben die alte Mutter ganz in den Schatten stellen zu sollen durch ein viel glänzenderes Kleid von Idealismus, das sie umnahm; und dieser Idealismus ging nun so weit, daß er nur auf dem Papier Bestand haben, nicht aber im Leben Verwirklichung finden konnte, während das biblische Sittengesetz gerade auf ^letzteres, die praktische Durchführbarkeit, sein Augenmerk gedichtet hatte. Von jenem Streben geleitet, hatte die neu auftretende Lehre an Stelle jenes unerbittlich energischen Rechtsgedankens ein duldsames sich Fügen und Ergeben in jede Willkür, ein passives, ja märtyrerhaftes über sich Ergehenlassen jeder Unbill und jeder Rechtskränkung als höchstes Tugendprinzip erklärt und die Evangelien haben darum gegen das energische „dulde kein Unrecht!" der alten Lehre die Geschosse ihrer Polemik gerichtet. Selbstredend hat es keine Zeit gegeben, wo die Gemeinde, die sich nach Christi Namen nannte, sich an dieses Gebot gehalten hat. Nein das Recht als Gottessache, sagt das Judentum, müsse dem Menschen selbst dann ein unverletzliches, unantastbares sein, wenn auch nur die eigene Persönlichkeit, ja, niemand sonst als nur das eigene Ich dadurch berührt würde. Auch sich selbst gegenüber dürfe der Mensch durchaus kein Recht antasten, da das Recht nicht seine, sondern Gottes Sache ist. Ja, „dieses Volk mit dem harten Nacken", wie es in seinen frühesten Urkunden bezeichnet wird, hat durch seine Geschichte sich als solches bewährt. Wie vieles auch unter den mittelalterlichen Verhältnissen dem jüdischen Stamm von der Ursprünglichkeit seines Charakters abgestreift war, ein charakteristisches Moment ist ihm auch da geblieben: jenes sonst in der ganzen Geschichte'beispiellose unerschütterlich treue und zähe Festhalten an einer Idee. Es war und es ist auch dieses ein Kampf um einen Gedanken, eine Ueberzeugung, zu dem nicht minder Entschlossenheit gehört, als ihn im Altertum die Ahnen in den großen Römerkriegen bewährt hatten. Jeder einzelne von uns, der energisch für unsere Selbstarhaltung einsteht, sei es in ideeller oder materieller Beziehung, kämpft daher nach der Lehre des Judentums im Namen Gottes, der zwar nicht aus „Rache", wohl aber im Eifer der strengen Gerechtigkeit darüber wacht, daß das Recht nicht beleidigt und daß jede Beleidigung des Menschenrechts gesühnt werde. Die Herbstpogromk vom Jahre 1905. Das Jahr 1905 hat für das gesamte Judentum einen blutigen Abschluß gefunden. Jeden Tag wissen die politischen Blätter von neuen Judenkrawallen in Rußland zu berichten. Die Ereignisse überstürzen sich da, und den jüdischen Wochenschriften, die mit den Telegraphen nicht konkurrieren können, bleibt nichts weiter übrig, als die sich massenhaft anhäufenden Ereignisse zu registrieren und so ihren jüdischen Lesern über das furchtbare Unglück, von dem ihre tapferen Brüder in Rußland betroffen wurden, ein zusammenfaffendes Bild zu geben. Umfang und Intensivität der Katastrophe. Leider ist es einstweilen immer noch nicht möglich, einen klaren Ueberblick über die Vorfälle zu gewinnen. Obgleich schon viele Tage verflossen sind, seitdem die Judenkrawalle in Rußland ihren Höhepunkt überschritten haben, laufen immer noch täglich verspätete Nachrichten ein, die teils neue, bisher unbekannt gebliebene Krawalle melden, teils ausführliche Details über bereits bekannte Vorgänge enthalten. Obgleich aber die Nachrichten über die furchtbaren Vorgänge vom 30. Oktober bis zum 5. November noch lange nicht abgeschlossen sind, läßt sich doch jetzt schon übersehen, daß die russischen Juden von einer furchtbaren Katastrophe ereilt worden sind, durch die die Ereignisse während des Krieges in Ostasien mit seinen Reservistenkrawallen, den Metzeleien in Schitomir, Byalistok und Lodz und selbst die Krawalle in Kischinew und Homel in den Schatten gestellt werden. Ja selbst die zahlreichen Judenkrawalle am Beginn der 80. Jahre, die den Anstoß zu den Maigesetzen mit allen ihren Folgen gegeben haben und mittelbar die große jüdische Emigrationswelle ausgelöst haben, sind ein wahres Kinderspiel gegen die Ereignisse der jüngsten Tage. Seit den in der Leidensgeschichte des jüdischen Volks mit blutroten Lettern eingetragenen Jahren 1648 und 1655 sind die Juden Rußlands von keiner so schweren Katastrophe betroffen worden, wie in diesem Unglücksjahr 1905. Nicht nur nähert sich die Zahl der Opfer, die von den Blättern hoffentlich in maßloser Uebertreibung aus 15000 Tote und 100000 Verwundete angegeben wird, jener aus den unglückseligen Jahren der Kosakenverfolgung unter Chmilnitzky, auch das weite Gebiet der gegenwärtigen Katastrophe gleicht am Umfang demjenigen, auf dem die furchtbaren Judenmetzeleien der Jahre 1648 und 1655 sich abgespielt haben. DieKrawalle beschränken sich nichtmehr aufdasjüdischeAnsiedlungsrayon, sondern umfaßten zahlreiche Gouvernements des Innern Rußlands, ja spielten sogar auf Sibirien hinüber. Auch in bezug auf die Intensität der Krawalle tritt eine neue Erscheinung zutage. Während man im Jahre 1881 bemüht war, das jüdische Gut zu zerstören, um so die Juden materiell zugrunde zu richten, während man in den letzten zwei Jahren in Kischinew, Homel, Schitomir, Lodz und Byalistok den Juden vorzugsweise nach dem Leben trachtete, um sie durch zahlreiche Morde zu terrorisieren und sie von der Teilnahme an der Revolution abzuschrecken, lechzte diesmal der Pöbel und die ihn leitende und schützende Polizei sowohl nach dem Gut als nach dem Blut der Juden. Nicht nur wurden die Läden der Juden systematisch geplündert, ihre Häuser demoliert, ihre Möbel in Stücke geschlagen und alles Hab und Gut gründlich verwüstet, es wurden auch Hunderte und Tausende von Juden ermordet, grausam gemartert und zu Krüppeln geschlagen, Greise hingemordet, Frauen tierisch hingeschlachtet, junge Kinder und zarte Säuglinge buchstäblich in Stücke zerrissen. Ursache der Katastrophe. Offenbar wollte das Tschinowniktum sich an den verhaßten und verachteten Juden, die ihm die ganze russische Revolution auf den Hals gehetzt haben, gründlich rächen, um dem Beispiel Simsons nachahmend, zusammen mit

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