Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 48 (1.12.1905)
- Date
- 1905-12-01
- Page
- Seite 677 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9606364-9666073--9730-9607084- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 48. Israelitische Wochenschrift. Seite 677. sich nicht. Jetzt beschloß der Vorstand, den bürgerlichen Rechtsweg zu beschreiten und auf Feststellung dahin zu klagen, daß die Kündigung des Dr. Selver als Religionslehrer und Prediger zu Recht erfolgt sei. Da nun nach einer Verfügung aus dem Jahre 1841 die israelitische Kultusgemeinde ohne Genehmigung der Behörde keine Prozesse führen darf — es ist dies ein Zeichen der traditionellen Rechtlosigkeit, unter der die Juden noch heute in Hessen leben — so erbat der Vorstand vom Kreisamt die entsprechende Genehmigung. Dieses erteilte sie auch, allerdings vorbehaltlich des Rechtes auf Erhebung des Kompetenzkonfliktes. Die Gemeinde strengte die bewußte Feststellungsklage gegen den Rabbiner an. Aus die Einrede der Unzulässigkeit des Rechtsweges, die vou dem Vertreter Dr Selvers vor Gericht geltend gemacht wurde, bestand die Regierung auf Verfolgung des Kompetenzkonfliktes. Das ordentliche Gerichtsverfahren wurde demnach eingestellt und der Verwaltungsgerichtshof mit der Frage» befaßt. Vor dem Verwaltungsgerichtshof machte der Vert-eter des Staatsinteresses geltend, daß das Anstellungsverhältnis Dr. Selvers nicht nur aus seiner Eigenschaft als Rabbiner als ein öffentlich rechtliches aufgefaßt werden müsse, sondern auch aus seiner Stellung als Religionslehrer, da nach dem Volksschulgesetz der Regierung ein Auffichtsrecht über die Verhältnisse im Religionsunterricht sämtlicher Bekenntnisse zustehe. Heute erging die Entscheidung des Verwaltungsgerichtshofes dahin, daß die Unzulässigkeit des bürgerlichen Rechtsweges in diesem Streitfälle auszusprechen und die Sache zur Erledigung an die behördlichen Instanzen zu verweisen sei. Weimar. Seit Beginn des kommenden Jahres wird das rühmlichst bekannte Bankhaus Julius Elkan in Weimar seine über mehr als fünf Menschenalter ausgedehnte Tätigkeit beschließen. Das alte Haus geht an die Magdeburger Privatbank über unter der Firma „Magdeburger Privatbank, Filiale Weimar, vormals Julius Elkan". Der Chef des Hauses Dr. Moritz zieht sich ins Privatleben zurück. Mit dem Hause Elkan verknüpfen sich manche Erinnerungen an die klassische Zeit Weimars. Hingewiesen sei nur aus Goethes Verse auf „Mredings Tod" (1789); „Der tätige Elkan läuft mit manchem Rest, und diese Gährung deutet aus ein Fest". I. Elkan war bekanntlich der „Hofjude", mit dem auch Goethe in geschäftlicher Verbindung stand. Frankfurt a. M. Am 18. d. Mts. sprach aus Veranlassung des vor einigen Jahren zum Zwecke der Bekämpfung des Abfalles vom Judentum gebildeten Komitees und im Rahmen der von diesem Komitee veranstalteten Vorträge vor einem zahlreich erschienenen Publikum Herr Landtagsabgeordneter Dr. Cohn aus Dessau über „Die Dringlichkeit der Selbstverteidigung und der Verband der deutschen Inden". Der Redner begründete in längeren Ausführungen die Notwendigkeit des Eintritts der deutschen Juden in den Kampf um ihre Rechte, legte die Aufgaben und die Bedeutung des Verbandes der deutschen Juden dar und schilderte den schönen und vielversprechenden Verlauf seiner ersten öffentlichen, imposanten Kundgebung. Der formvollendete, inhaltlich anziehende und begeisternde Vortrag fand einmütigen und lebhaften Beifall und erweckte hervorragendes Interesse für die Bestrebungen des Verbandes. Es wäre sehr zu wünschen, daß auch anderwärts seitens geeigneter Redner über diesen Gegenstand vor möglichst großen Kreisen der Oeffentlichkeit berichtet würde, damit auf diese Weise dem Versand und seinem Ausschüsse nicht nur das Interesse, sondern auch die dauernde Mitarbeit der deutschen Juden erhalten bleibe. Frankfurt a. Main. Am 21. d. Mts. fand die feierliche Grundsteinlegung für die neue Gemeinde-Synagoge der Israelitischen Religionsgesellschaft an der Friedeberger Anlage 5,6 statt. Der Bauplatz war nach Möglichkeit mit Guirlanden aus Tannenreisern und Fahnen in den Frankfurter, preußischen und deutschen Farben dekoriert. Ueber der Stelle, an der der Grundstein versenkt werden sollte, war eine geräumige Halle errichtet, die ebenfalls aufs feierlichste dekoriert und zur Aufnahme der geladenen Festgäste bestimmt war. Als Vertreter der Stadt war Bürgermeister Dr. Barrentrapp erschienen. Ferner bemerkten, wir Oberrabbiner Horovitz u. s. w. Die Feier begann mit einem Einleitungschor, gesungen von dem Synagogenchor mit Assistenz des Oberkantors Psachwitsch, der auch hierauf den 127. Psalm: „Wenn Gott das Haus nicht bauen wird, haben vergebens die Bauherrn sich darum gemühet" vortrug. Die Festrede hielt der Gemeinderabbiner Dr. Breuer. Ueber ein halbes Jahrhundert sei verflossen, seitdem sich die Gemeinde zu dem gleichen Zweck wieder zusammengefunden habe wie ehemals. Unter einer schwereren Zeit und nach harten Kämpfen sei damals der Grundstein zu der ersten Gemeindesynagoge gelegt worden, die sich im Laufe der Jahre als zu klein erwies. Zum zweitenmal stehe man vereint zu demselben Zweck: einen Grundstein zu legen für ein neues Gotteshaus. Er flehe den Segen Gottes dafür herab, möge es während des Baues von jedem Unfall verschont bleiben und möge jedes Ungemach von ihm fern gehalten werden. Das walte Gott. Nachdem die in hebräischer und deutscher Schrift verfaßte Urkunde in der üblichen Blechbüchse versiegelt war, wurde sie in den Grundstein versenkt und dieser alsdann vermauert Die ersten Hammerschläge führte Rabbiner Dr. Breuer, ihm folgte Bürgermeister Dr Varrentrapp, ein Vertreter des Preisrichterkolleuiums und der Gemeindevertreter. Mit dem Gesang des 150 Psalms hatte die Feier ihr Ende erreicht. Frankfurt a. Main. In drei hiesigen Synagogen fanden am 18. November Trauerfeiern für die in Rußland bei den letzten Greueltaten ermordeten Juden statt. In der Hauptsynagoge sprach Rabbiner Dr Seligmann, am Börneplatz Rabbiner Dr. M. Horovitz und in Bockenheim Dr. I Horovitz jun.! Die Synagogen waren überfüllt. Die Altäre waren mit schwarzem Tuch ausgeschlageu und die Lichter schwarz umflort Einer Aufforderung, für die Hilfsbedürftigen zu sammeln, wurde in der bereitwilligsten Weise ausgiebig Folge geleistet. Die Sammlungen haben bis jetzt in Frankfurt allein über eine halbe Million Mark ergeben. Nürnberg. Jnbezug auf die von den deutschen Juden ins Werk gesetzte Hilfsaktion zugunsten der russischen Juden liegt eine interessante Kundgebung des Erzbischofs von Bamberg, Dr. v. Albert, vor. Dieser hat an den Rechtsanwalt Dr. Stander in Nürnberg ein Schreiben gerichtet, in dem es heißt: „Zu dieser öffentlichen Stellungnahme für die Fanülien der ermordeten und beraubten russischen Juden veranlaßt mich nicht bloß das Gefühl allgemein menschlicher wie christlicher Nächstenliebe, sondern außerdem noch die Pflicht der Dankbarkeit für die tatkräftige Unterstützung, welche russische Juden den um die Mitte des vergangenen Jahrhunderts um ihres Glaubens willen verfolgten katholischen Christen bei ihrem Transport nach Sibirien angedeihen ließen. Gotha. Am 22. November hat der unermüdliche Kämpfer für die Zwecke des „Hilfsvereins der deutschen Juden", Herr S. Bergel-Berlin, seinen hiesigen Freunden die Freude bereitet, hier einen Propaganda-Vortrag zu halten. Unter dem Eindrücke der erschütternden Nachrichten über die Greuel, welchen unsere russischen Brüder ausgesetzt waren, gab der ausgezeichnete Redner eine lebendige Schilderung russischer Verwaltungspraxis den Juden gegenüber, so daß sich kein Hörer tiefster Ergriffenheit entziehen konnte. Sämtliche anwesenden Herren und Damen zeichneten sich als Mitglieder ein, deren Zahl durch die Bemühung des gewählten Lokal-Komitees beträchtlich anwächst. Wie überall, wo hilfsbereites Brudergefühl sich kundgibt, erzielte die Sammlung für unsere in Not gestürzten Brüder in der Gemeinde einen ansehnlichen Betrag. London. „Daily News" enthält folgenden Brief einer in Odessa wohnenden Engländerin: „Ich ging zum Essen und hörte, ein Massenmord sei von der Polizei geplant, der drei Tage dauern sollte. Ich wollte nun zu Mr. N., um abzuwarten. Ihr . Mann blieb die ganze Nacht im Geschä't, weil es nicht geraten war, so spät nachhause zu gehen. Die Straßen waren zu unsicher. Dabei hatte er schier Unmöglichscheinendes gesehen. Er ging vorbei, wo man die Leichen von Juden hingelegt hatte. Sie lagen über den Platz fort; man muß e über sie hinweg schreiten. Sre waren furchtbar verstümmelt und trugen die Spuren entsetzlicher .Qualen an sich. Frauen und andere Angehörige kamen herzu, erkannten ihre Toten — geberdeten sich wie fallsüchtig und lachten, a's wären sie wahnsinnig. Manche der Opfer waren so entstellt, daß ihre Nächsten sie nicht erkennen konnten. Mc. . . ging auf den Friedhof, wo man den ersten Teil der Toten einsenkte. Er zog seine Kamera heraus. Als die Juden ihn und Mr. . . sahen, wurden sie froh und riefen: Engländer! Engländer! Sie öffneten die Leichenbehälter und zeigten ihm die Toten. Sie machten ihm Platz, daß er recht sehen konnte. Nach seiner Berechnung müssen dort zwei Reihen von je 70 großen Gräbern etwa je 140 P.rsonen enthaltend, also 2240 Leichen gewesen sein, ungerechnet die Angehörigen der besseren Stände, die besonders beerdigt wurden. Und nun bedenke man die vielen Verwendeten. 18 000 Personen irrten obdachlos und nackt umher, 600 Waisenkinder. Ganze Familien sind ausgerottet, die Krankenpfleger und die Beförderungsmannschaften der Krankenhäuser liegen vielfach vor Aufregung nervenkrank da. Da die