Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 48 (1.12.1905)
- Date
- 1905-12-01
- Page
- Seite 672 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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- Safed 2× ep/1046078
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Seite 672 Israelitische Wochenschrift. Nr. 48. daß ich mein Ihnen gegebenes Wort einlöste. Jetzt kam ich vor wenigen Wochen auf einem Ferienausflug nach Haifa, befand mich also auf dem Wege nach Safed. Ich beschloß auch ohne schriftlichen Auftrag die Reise nach dort zu unternehmen und gelangte nach einer beschwerlichen Fahrt zu Wagen und Pferde innerhalb zweier Tage nach Safed. Bereits auf dem Wege dorthin und bei allen denen, die ich in der Stadt selber kennen lernte, erkundigte ich mich nach dem Leiter Ihrer Anstalt und hörte, daß er überall gut beleumundet ist, daß man ihn allgemein für einen rechtlichen und fähigen Menschen hält. Um die Mittagsstunde ging ich in die Anstalt selbst. Sie liegt in der Mitte des jüdischen Stadtviertels, in sehr günstiger Lage. Ich kam völlig unangemeldet ungefähr eine halbe Stunde vor Beginn des Mittagessens an Tritt man in das Haus ein, so liegt zur Rechten die Küche, zur Linken ein Raum, in dem die Frauen essen; dann kommt man in ein größeres Zimmer, wo zwei lange Tische für Männer und Knaben stehen, neben diesen befindet sich ein kleines Apartement für den Verwalter mit Vorratsschränken für Brot, Branntwein u. dergl. mehr. Es waren alle diese Räumlichkeiten peinlich sauber, selbst die Küche machte den Eindruck guter Ordnung und der Reinlichkeit. Auf den Tischen lag für jede Person neben dem Eßgeschirr ein ganzes Brot, in der Mitte standen Wasserflaschen, mit Gläsern umstellt. Allmählich sammelten sich die Tischgenossen, um 12 Uhr begann die Mahlzeit. Es waren an 50 Personen (15 Frauen, ebensoviel Knaben, 20 Männer ca.) anwesend, alle boten den Anblick großer Dürftigkeit und Armut dar, manche geradezu ein Bild schrecklichen Elends. Die Gesellschaft war bunt gemischt, Sephardim wie Aschkenasim und diese aus allen Ländern, Ungarn, Rumänien, Polen usw. Jeder gab beim Eintritt eine Einlaßkarte ab, die vom Verwalter ausgegeben werden, um den starken Andrang der Gäste zu regeln; das Miltagmahl bestand aus Fisch und Kartoffeln, jeder erhielt eine große Portion. Ich ließ mir eine solche bringen, um sie zu kosten, und ich muß gestehen, daß sie vorzüglich zubereitet und wohlschmeckend war. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage: es war herzerhebend, zu sehen, wie diese Armen freudig Zugriffen und sich an dem erquickten und stärkten, was die Hand edler Menschenfreunde ihnen darbietet, und wie sie ihrer dankbaren Gesinnung in einer in das Tischgebet eingeschalteten Segensformel Ausdruck gaben. Herr Taubenhaus, der während des Mittagmahls persönlich kam, sagte mir, daß an jedem Wochentage die Zahl der Gäste so groß sei, daß manche von diesen täglich, manche zwei oder dreimal wöchentlich gespeist werden; es gebe, stets abwechselnd, ein solches Gericht, bald Fleisch mit Kartoffeln, bald eine Kartoffelsuppe, bald Gemüse, je nach Jahreszeit und Preis der Lebensmittel. Für diese Mahlzeiten wird nichts bezahlt. Anders am Sabbat, wo abends und mittags ein aus zwei oder drei Gängen bestehendes Mahl verabreicht werde; dafür bezahlen die einzelnen insgesamt 2 Piaster (etwas über 30 Pf. nach unserem Gelde). An Personal hat die Anstalt zwei männliche Bediente (ein Sohn des Herrn Taubenhaus, der die Bücher führt und die Aussicht hat, und ein Kellner), zwei weibliche für die Küche. Auch ein aus vier dortigen Juden bestehendes Aufsichtskomitee ist vorhanden, von denen jede Woche einer bei den Mahlzeiten zugegen ist. Wenn ich ein allgemeines Urteil fällen soll: Herr Taubenhaus besitzt unleugbar europäischen Geist, die Anstalt ist gut geführt. Diese ist eine große Notwendigkeit bei der in Safed herrschenden erschreckenden Armut, sie erfüllt, wie es scheint und ich es von allen bestäligt bekam, ihren Zweck nach Kräften. So glaube ich Sie versichern zu können, daß Sie Ihr Geld durch die Gründung und Aufrechterhaltung der Volksküche in nützlicher Weise verwendet haben. Ich weiß, daß Sie Bedenken hegten in betreff der Verwaltung des Beth-Thawschil. Herr Taubenhaus wollte mir seine Bücher vorlegen; jedoch erkannte ich sofort, daß die Prüfung der Einnahmen und Ausgaben nur von kundigen Geschäftsleuten vorgenommen werden kann. Nun existiert zwar das obengenannte Aufsichtskomitee, jedoch sind die Herren nicht völlig unabhängig von Herrn Taubenhaus, auch schon alt und nicht sehr in geschäftlichen Dingen bewandert. Wenn Sie ganz sicher gehen wollen, so können Sie dort ein Komitee ernennen aus Herren, die mit Safeds Verhältnissen vertraut sind und die in vorurteilsloser und sachverständiger Weise das.Ganze beaufsichtigen. Ich würde Ihnen hierzu die Herren Seidel, Roman, Bardasch, Levy und I)c. med. Cohn, alle wohlhabende Männer, in Vorschlag bringen. 'die sicher gern die Aufsicht übernehmen werden, weil alle dem Institut wohlgesinnt sind. Es hat mich gefreut, daß ich Ihnen Günstiges berichten konnte. Erscheint Ihnen etwas der Ergänzung bedürftig, so stehe ich gern zu weiterer Auskunft bereit. Ihr ergebener Sem. Oberlehrer Jos. Carlebach. Gedanken nnd Aussprüche berühmter Männer über Inden und Indentnm. Wenn das Geld mit Zeit eine Macht und einen Einfluß erlangt hat, der unser ganzes gesellschaftliches Dasein bedroht, so ziehen die Juden, weil sie in der Regel erwerbskräftiger sind als ihre Wirtsvölker, davon einen nicht geringen Vorteil; aber sie können doch nicht für die Geldherrschaft als solche verantwortlich gemacht werden. Auch wird der eigentliche Geldadel unter den Juden selbst doch nur vereinzelt angetroffen und bildet daher wohl nur einen kleinen Bruchteil eines Prozents der Gesamtbevölkerung, der aber seines Glanzes wegen unverhältnismäßig in das Auge fällt und die häßlichen Leidenschaften von Neid und Mißgunst herausfordert. Auch daß der Geldbesitz der Juden nicht immer durch Fleiß und Arbeit, sondern oft auch auf andere Weise erworben wird, kann ihnen nicht zum Nachteil angerechnet werden. Auch andere Leute als Juden erwerben oft Geld auf mühelose Weise oder durch glückliche Spekulationen, welche aber bei dem einen wie bei dem andern in gleicher Weise fehlschlagen und das Gegenteil des Gelderwerbs herbeiführen können. Wenn man den Juden „Ausbeulung" ihrer Wirtsvölker vorwirft, so vergesse man nicht, in welcher Weise christliche Nationen ihre Kolonien oder andere schwächere Völker ausbeuten oder ausgebeutet haben, wenn sie die Macht dazu hatten. Ueberdem war hier die Ausbeute eine gezwungene, während sie dort eine freiwillige ist, der sich niemand zu unterwerfen braucht. Wenn das Volk oder die Maffe diese (oft nur vermeintliche) Ausbeutung mit einem tiefgehenden Haß und einer daraus entspringenden Verfolgungswut beantworten, so suchen sie eben einfach nach einem Opfer, an welchem sie die ganz anderswo gelegenen Ursachen ihrer wirtschaftlichen Notlage oder Unzufriedenheit rächen zu müssen glauben. — Man treibe alle Juden aus dem Lande — und die Notlage wird eher größer als kleiner werden. Wenn der Jude mehr Neigung zum Handel als zum Handwerk oder zu dem hat, was Herr E. von Hrrtmann „produktive Arbeit" nennt, so laffe man ihm doch darin seinen freien Willen, gerade so, wie man ja auch jeden anderen seinen Lebensberuf nach Talent und Neigung wählen läßt! Und wenn Herr E. von Hartmann von der Ehre und Unehre der Arbeit spricht, so ist das in unseren Augen philosophisches Geflunker. Jede Arbeit ist ehrenhaft, wenn sie der Gesamtheit und dem einzelnen in ehrlicher Weise dient. Werden denn Handel, Wucher usw. nicht auch von den Nicht-Juden betrieben? Und bekommen sie dadurch vie eicht einen anderen, mehr ehrenhaften oder mehr reellen Charakter? Ludwig Büchner: Fremdes und Eigenes. (Die Lösung der Judenfrage) * * * Wenn doch nur der zehnte Teil der Religion und Moral, die in Büchern steht, in den Herzen stände! Aber so geht es durchaus: der größte Teil der menschlichen Weisheit wird bald nach seiner Erzeugung auf den Repositorien zur Ruhe gebracht. Daher einmal Jemend dieses Wort nicht vom latei-