Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 48 (1.12.1905)
- Date
- 1905-12-01
- Page
- Seite 671 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 48 Israelitische Wochenschrift. Gelte 671. Einerseits sind es Gegenstände, die praktischen Zwecken dienen sollen, andererseits Schmuckgegenstände, deren Anlegung erst jetzt bei den Beschenkten als angebracht erscheint. Aber auch Geist und Gemüt gehen bei der Darreichung von Geschenken nicht leer aus. Wir sind bemüht, gar köstliche geistige Leckerbissen in oft verschwenderisch ausgestatteter Hülle darzubieten, damit nicht nur das Auge sich weide, sondern auch der Geist angeregt und genährt, das Gemüt gehoben und veredelt werde. Man sollte nun meinen, daß man gerade nach dieser Richtung hin zweckentsprechend vorgcht und bei Auswahl von Geschenken letztgenannter Art der Bedeutung ihres Anlasses gemäß verfährt. Man sollte glauben, daß man hierbei vor allem in Erwägung zieht, daß wir alles aufzubieten haben, um unfern jungen Glaubensgenossen und Glaubensgenossinnen eine geistige Zehrung mit auf den nun zu beschreitenden Lebensweg zu geben, die geeignet und dazu angetan ist, sie in ihrem an heiliger Gottesstätte ausgesprochenen Vorsatz, treue Anhänger ihres Väterglaubens sein und bleiben zu wollen, zu stärken und zu kräftigen. Weit gefehlt! Im Hause, in der Schule, in der Synagoge predigen wir den Konfirmanden von der hohen Bedeutung des Einsegnungstages, weisen sie auf die schweren Pflichten hin, deren Erfüllung ihnen fortan obliegt, sind auf die verschiedenste Art und Weise aufs eifrigste bestrebt, ihre jugendlichen Herzen für den Glauben, dem sie unverbrüchliche Treue schwören sollen, zu entflammen, der Geschenktisch aber läßt von der hohen Bedeutung und Wichtigkeit des Tages, der seine Herrichtung veranlaßt hat, in gar spärlicher Weise erkennen, denn er weist gewöhnlich nur wenig Hilfsmittel auf, die bestimmt und geeignet sind, das jüdische Bewußtsein im Herzen unserer hoffnungsvollen Jugend anzufachen, zu beleben und zu kräftigen, ihr unberührtes, zartbesaitetes Gemüt mit echt jüdischen Gedanken zu befruchten. Wohl füllt da unser Blick auf prächtig ausgestattete Bücher von hohem materiellen Wert; schlagen wir sie aber auf und prüfen wir ihren Inhalt, so machen wir die Wahrnehmung, daß er in keinerlei Beziehung zu dem Wesen des Tages steht, den wir festlich begehen. Es sind zumeist deutsche Klassiker, Werke von Schiller, Goethe, Lessing, Körner, Shakespeare usw., oder Schriften historischen und naturwissenschaftlichen Inhalts. So vortrefflich der Inhalt solcher Werke unstreitig auch ist, so angemessen ihres Bildungszweckes wegen solche Schriften auch als Geschenke für die Jugend erscheinen, dem eigentlichen Zweck einer jüdischen Einsegnungsfeier können sie nur wenig dienen. Bei Ueberreichung von Geschenken dieser Art unterlassen wir es nicht, dem Beschenkten gegenüber den Wunsch auszudrücken, daß der Inhalt des Buches ihn geistig fördern möge. Wie? Wäre es da nicht richtiger, wenn wir in diesem Fall ein Buch mit jüdischem Inhalt wählten, um dann mit vollem Recht sagen zu können, daß durch das Studium desselben der jüdisch-religiöse Sinn gefördert werden möge? Wir dürfen doch niemals außer acht lassen, daß der Einsegnungstag eben immer nur ein jüdisch-religiöses Familienfest ist, und daß wir alles tun müssen, diesem Feste das echt jüdisch-religiöse Gepräge zu geben und zu erhalten. Predigen wir doch auch allemal unseren Konfirmanden, daß er noch lange nicht ein „ganzer Mensch", wohl aber fortan ein „ganzer Jude" ist, der sich nunmehr in religiöser Beziehung seiner ganzen Verantwortlichkeit bewußt sein muß. Dieser Umstand muß uns auch bei der Auswahl irgend eines Buchgeschenkes einzig und allein leiten. Legen wir aber den Schwerpunkt darauf, dem Konfirmanden möglichst profane Geislesschätze zuzuführen, so handeln wir dem Zwecke des Tages schnurstracks zuwider. Wir haben im Laus des Jahres so oft Gelegenheit, unsere Kinder mit solchen Schätzen zu erfreuen; der Geburtstag, die allgemeinen Feste und andere ausgezeichnete Tage können eine solche Gelegenheit zur Darreichung von Geschenken bieten. Für den Einsegnungstag dürfen stets und überall nur Bücher mit jüdischem Inhalt gewählt werden. Äir würden berechtigt sein, anders zu verfahren, wenn wir uns nach Geistesprodukten, die sich als Lektüre für die reifere jüdische Jugend eignen, vergebens umschauen müßten. Aber wir verfügen über eine stattliche Zahl von Werken, die als passende Geschenke sowohl für Knaben als auch Mädchen bezeichnet werden können. Wir haben Bücher, die uns die Perlen jüdischer Poesie der verschiedensten Zeiten liefern. Es sei hingewiesen auf die prächtigen Zusammenstellungen von Karpeles, Sachs, Heller, Goldberg, Löwenberg u. v. a. Der Vermittelung der Kenntnis der Geschichte unseres Volkes dienen die gediegenen Werke von Graetz, Brann, Bäck, Kohut usw. Abgesehen von einigen belletristischen Schriften, die wir der Jugend ohne Bedenken darbieten können, sei der zahlreichen Sammlungen talmudischer Sagen und Legenden gedacht. Und wer wollte, last not least, das heilige Buch der Bücher, die Bibel, sowie das Sabbat und Festgebetbuch nicht als geeignet bezeichnen? Da uns also eine große Zahl von Büchern zur Wahl gestellt ist, so würden wir uns geradezu versündigen, wenn wir Bücher mit profanem, nichtjüdischem Inhalt solchen der oben bezeichneten Art vorziehen und unserer reiferen Jugend eine Lektüre vorenthalten würden, aus der sie Belehrung und Erbauung schöpfen kann und uns unserer Pflicht entziehen, den Zweck des Tages fördern zu helfen. Wir müssen bei der Ueberreichnng des Geschenkes stet« bedenken, daß der Konfirmand vor wenigen Stunden an heiliger Stätte die Weihe der Religion empfangen hat, daß die Töne, die dabei in seinem Innern angeschlagen wurden, noch gewaltig nachklingen. In dieser andächtigen Stimmung wird ein Buch, das der Weihe des Tages entspricht, gewiß willkommener sein, als eins mit profanem Inhalt. Es liegt aber auch in unseren Händen, hier Wandel zu schaffen und insofern fördernd vorzugehen, als wir frühzeitig in dieser Beziehung schon lange vor der Einsegnung auf die Kinder einwirken. Die Schule hat zu geeigneter Zeit und in angemessener Form auf das Vorhandensein geeigneter Lektüre hinzuweisen, und das Haus kann seinen Einfluß dahin geltend machen, daß das Interesse der Kinder in die richtige Bahn gelenkt wird. Pflegen wir uns doch schon längere Zeit vor der Einsegnung mit den Wünschen des zu beschenkenden Konfirmanden vertraut zu machen, damit wir uns in die Lage versetzen, bei Auswahl unserer Geschenke diesen Wünschen nach Möglichkeit entsprechen zu können, und diese werden sich dann gewiß wohl in allen Fällen nach der Richtung hin bewegen, worauf Schule und Haus längst vorher hingewiesen hat. 3Tiir die rumänischen Juden. Das Hilfskomitee für die rumänischen Juden stellt uns folgenden Brief zur Verfügung: Jerusalem, den 13. Oktober 1905. Sehr geehrter Herr! Als ich im April dieses Jahres im Begriff stand, nach Palästina zu reisen, ersuchten Sie mich im Aufträge des Komitees zur Unterstützung rumänischer Juden nach Safed zu reisen und die dortige jüdische Volksküche zu inspizieren. Sie versprachen mir damals, nach einer vorher stattgehabten Sitzung des Komitees mir eine schriftliche Vollmacht zu dieser Inspektion einzusenden; jedoch blieb diese aus und so vergingen mehrere Monate, ohne