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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-12-01 · 48 (1.12.1905) · p. Seite 670

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
48 (1.12.1905)
Date
1905-12-01
Page
Seite 670 (sequence 8)
Language
German
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Seite 670. Israelitische Wochenschrift. Nr. 48. Man bildet sich in gewissen Kreisen ein, die Unbildung des Volkes erhalten zu müssen, weil es dann leichter zu regieren. An den russischen Verhältnissen sehen wir, wie falsch diese Meinung ist. Sagte doch schon ein römischer Philosoph so richtig: „Kunst und Bildung sich redlich erworben zu haben, mildert die wilden Sitten". Tomprälat Professor Tr. Hermann Zschokke, k. k. Sektionschef im Unterrichtsministerium: „Ich verurteile alle Ausschreitungen, die unter dem Vorwände der Re-igion begangen werden. Ich weiß natürlich nicht, ob die Juden in der einen oder andern russischen Stadt einen Anlaß zu den Ausschreitungen gemacht haben Vom katholischen Standpunkt aus sind jedoch alle Ausschreitungen, die gegen wen immer begangen werden, auf das Schärfste zu verurteilen. Ich hoffe, daß die russische Regierung die notwendigen Maßnahmen unverzüglich ergreifen wird, um allen Untertanen ihres Reichs den notwendigen Schutz angedeihen zu lassen Die russische Regierung, an deren Spitze derzeit Graf Witte steht, wird hoffentlich so viel Talent haben, um ehestens die Ruhe in Rußland wieder herzustellen. Mit Feuer und Schwert vorzugehen, ist eine Barbarei, gegen die man sich nicht entschieden genug wenden kann. Tr. Paul v. Zimmermann, evangelischer Pfarrer A. B.: „Die Judenmassakres in Rußland sind eine wahre Schande für die Menschheit, und man muß es tief bedauern, daß so etwas überhaupt möglich ist. Zu beklagen ist es aber auch, daß man es in Rußland nicht versteht, mit allen Mitteln — sei es der Belehrung und, wenn das nicht hilft, der Gewalt — derartigen Entsetzlichkeiten Einhalt zu gebieten. Ein Staat, der solche Vorgänge nicht hintanhalten kann, beweist, daß er noch auf einer ungeheuer tiefen Kulturstufe steht. Man glaubt sich bei der Lektüre der entsetzlichen Nachrichten aus russischen Städten in das Mittelalter rückversetzt, wo derartiges leider — und dazu noch im Namen Gottes — möglich war. Solche Vorgänge müssen die Meinung erwecken, daß Rußland in seiner Kultur noch um 500 Jahre gegen den Staat zurücksteht, an den es grenzt. Seit Jahrhunderten haben wir in Westeuropa diesen Standpunkt glücklicherweise überwunden. Eigentlich müßte die ganw zivilisierte Menschheit lauten und flammenden Protest gegen diese Judenmassakres einlegen. Ich verstehe es wahrhaftig nicht, wieso andere Staaten und Regierungen so etwas geschehen lassen können, ohne im Namen der Menschen Einspruch zu erheben. Ein Schrei der Empörung muß sich jedem fühienden Menschenherzen entringen. Wer auch nur eine Ahnung davon hat, was Christentum und Menschlichkeit ist, muß gegen diese abscheulichen Vorgänge in Rußland seine Stimme erheben. Ich hege die Ueberzeugung, daß bei einigem guten Willen der maßgebenden Kreise in Rußland derartige schändliche Missetaten zu verhüten sind. Die Schuldigen müßten ohne Rücksicht auf ihre Stellung der verdienten Strafe zugeführt werden. Leider aber scheinen die herrschenden Kreise in Rußland es vielfach ganz gern zu sehen, wenn einige tausend Juden hingeschlachtet werden. Die Vorgänge in Rußland sind ein Anachronismus, der in unserer Zeit jedem wahrhaft Gebildeten unverständlich erscheinen muß. Möge endlich doch auch dieser Staat sich aus dem Wust der Intoleranz, des Aberglaubens und des falsch verstandenen Christentums erheben zur Zivilisation und Menschlichkeit, damit er von den anderen Staaten als ein ebenbürtiger betrachtet werden könne. Die letzten Ereignisse in Rußland drücken dieses Reich aber herab aus das Niveau mancher Gebietsteile Afrikas, wo die Fremdlinge „geopfert" werden." Gespräch mit dem päpstlichen Nunzius. Ein Mitarbeiter der „N. Fr. Pr." wurde von dem päpstlichen Nunzius Fürsten Belmonte empfangen. Das Gespräch kam auf die furchtbaren Judenmassakres in Rußland, und der Nunzius äußerte sich über diese wie folgt: „Es ist wohl selbstverständlich, daß ich diese entsetzlichen Greueltaten verdammen muß. Ich tue es als Mensch und als Priester und bedaure es tief, daß der Fanatismus solche unmenschliche Formen anzunehmen vermag. In unserer so tief aufgeregten Zeit halte ich es insbesondere für die Aufgabe aller Priester, wo immer solche fanatische Regungen entstehen, sie im Keime zu ersticken. Ich brauche wohl nicht zu sagen, daß Judenverfolgungen dem Geist des Christentums entgegen sind. Die Päpste haben sich im Lauf der Jahrhunderte wiederholt gegen Ausbrüche des Fanatismus, die sich etwa gegen Juden kehrten, ausgesprochen. Ich erinnere auch daran, daß der nun verstorbene Kardinal Manning, Erzbischof von Westminster, eine Zierde unserer Kirche, vor gar nicht so langer Zeit, als es auch damals Judenverfolgungen in Rußland gab, seine Stimme gegen die Unterdrücker und zugunsten der Opfer dieses Fanatismus erhob. Wer nun sollte darüber anders denken, wenn er solchen Entweihungen alles menschlichen Empfindens gegenübersteht? Zu dem Abscheu vor dieser Grausamkeit muß sich heute das tiefste Mitleid mit den Opfern gesellen, und Erbarmen muß sich regen in allen fühlenden Seelen. Wie gesagt, die Kirche kann von dem Standpunkt der allumfassenden Liebe aus solche unheilvolle Taten nur mißbilligen. An den Dienern der Kirche ist es allerwärts, wo immer die Wogen erregt sind, Oel auf diese zu schütten. Diese Mission der Liebe muß in allen Zeiten unter allen Umständen erfüllt werden. Es ist auch zu spät, daß sie erst dann einsetze, wenn grausame Taten schon geschehen sind. Der liebevolle Priester, der seiner Mission sich bewußt ist, darf den Fanatismus gar nicht auskommen lassen. Auch in Oesterreich-Ungarn, wo derzeit die Wogen der nationalen und sozialen Konflikte hochgehen, ist es die Aufgabe der Diener der Kirche, mildernd und besänftigend auf die Kämpfenden einzuwirken und liebevoll zwischen den streitenden Teilen auszugleichen. Der Priester muß sich dem Heil aller Seelen mit gleicher Kraft weihen und darf nicht dem ausschließlichen Interesse einzelner Parteien dienen." Folgende Depesche aus Teschen ist der „N. Fr. Pr." zugekommen: Superintendent Tr. Theodor Hanse, Mitglied des Herrenhauses: „Der Mensch ist ein Engel, der auf einer Bestie reitet. Aber wehe dem Engel, wenn das Tier mit ihm durchgeht. Unwillkürlich mußten mir diese Worte einfallen, die ich nach Jean Paul aus dem Gedächtnis zitiere, wenn ich von den sich immer wieder erneuernden Grausamkeiten gegen die Juden in Rußland lesen muß. Mütter, die in Gegenwart ihrer Kinder, Kinder, die in Gegenwart ihrer Mütter hingeschlachtet wurden, durch Flammen verwüstete Stadtteile, Vermögen, die den Gesamtertrag des arbeitsamen Lebens repräsentieren und vernichtet wurden, solcheSchreckenstaten erfüllen uns mit Scham und Grauen. Die Toten können wir nicht wieder lebendig machen, aber es wird die Ehrenpflicht aller nicht semitischer Völker sein, sich der frierenden, hungernden Obdachlosen barmherzig anzunehmen, und auf diese Art den Schaden wenigstens teilweise gut zu machen, der ihnen durch den Mißbrauch des christlichen Namens zugefügt worden ist. Haase." i>iiniii:unililim. Klmßrmationsgkslhknkt. Von I. Herzberg-Bromberg. Es hat sich in neuerer Zeit die an sich schöne Sitte herausgebildet, daß wir unsere Knaben und Mädchen am Tage ihrer Barmizwah bezw. Konfirmation durch allerlei Geschenke erfreuen. Wir wollen hierdurch diesen Tag, der einen bedeutsamen Markstein in ihrem jugendlichen Leben bildet, besonders auszeichnen, wollen den religiös mündig gewordenen jungen Glaubensgenossen besondere Erinnerungszeichen darbieten, die noch lange beim Anblick derselben an den heiligen Moment gemahnen sollen, an welchem sie als voll berechtigte und gesetzespflichtige Glieder der jüdischen Glaubensgemeinschaft ausgenommen wurden und ihr kindlicher Mund öffentlich das heilige Gelöbnis ausgesprochen hat, unverbrüchlich an dem Väterglauben festzuhalten, auf daß dies Gelöbnis in ihrer Einnerung haften bleibe und sie allezeit bewahre vor Fehltritt und Abfall. Gar mannigfach sind die Dinge, die als solche Erinnerungszeichen gewählt werden, mannigfach in ihrer Art und ihrer Bestimmung.

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