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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-12-01 · 48 (1.12.1905) · p. Seite 669

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
48 (1.12.1905)
Date
1905-12-01
Page
Seite 669 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 48. Israelitische Wochenschrift. Seite 669. wahrlich nicht allein: nein, die gesamte Intelligenz Rußlands ist's, ohne Unterschied der Religionen. Der Jude liebt mit ganzem Herzen das Volk, den Staat, dessen Sprache er spricht, bei dem der lebt. Leider ist diese Liebe oft unerwiedert. Wir wollen nichts wie unser Recht; wir sind bescheiden geworden in unfern Wünschen und Hoffnungen; aber wir rufen die öffentliche Meinung auf, über die geschehenen Scheußlichkeiten zu urteilen. Unter brausendem, sich immer wieder erneuernden Beifall schloß der Redner seine geistvolle Ansprache. Iullizrat Ar. Kttchs hob hervor, daß die russischen Juden als Opfer der Revolution gefallen sind: Sie sind hingeschlachtet worden als falsches Zeichen dafür, daß das rohe Volk die von der Intelligenz geforderte Freiheit nicht wolle. Die Semstwo-Versammlung hat ehrlich Protest gegen die Vergewaltigung der Juden eingelegt. Der Redner bespricht ungeheuerliche Artikel einiger antisemitischer Berliner Blätter und erregt damit die Entrüstung der Versammlung. Wenn der zarische Thron so wenig fest gefügt sei, daß ihn einige Juden hätten Umstürzen können, so hat er keine Existenzberechtigung. Er muß untergehen und wenn dort alle Juden totgeschlagen werden. Auch diesem Redner wurde reicher Beifall zuteil. Ar. Klee weist ebenfalls auf die Schrecken der Massakers hin, auf den Ausspruch Chamberlains, daß sie eine Schande der Zivilisation seien. Mit Genugtuung aber zeigt er auf die Einigkeit, die sich bei dieser Gelegenheit unter allen Juden der ganzen Welt offenbart. Wenn diese Einigkeit bleibt, so sind die Märtyrer in Rußland nicht umsonst gestorben, so bitter wir auch ihren Tod beklagen.' (Nicht endenwollender Beifall.) Herr Pfarrer Wangemann (ein Pfarrer aus der evangelischen Diaspora) bemerkt, daß die russischen Greuel ein Schandfleck auf dem Schild der christlichen Kirche sind. Es ist eine Ehre für den deutschen Protestantismus, daß seine Geistlichkeit sich von der schmachvollen antisemitischen Bewegung fernhält. „Ich bekenne offen, daß, wenn ich als Jude geboren wäre, mich die heutige christliche Kirche nicht zum Proselyten machen könnte." Stets sind es die reichen Juden, die bei barmherzigen Werken dem bittenden Pfarrer die Hand üllen. Redner fordert auf, die Waisen aufzunehmen und indet Worte, wie man sie aus dem Munde eines christlichen Geistlichen nicht allzu oft zu hören bekommt. Außerordentlicher Beifall lohnt den Redner. Ar Kirsch Kildesheimer zieht einen Vergleich zwischen den Morden zur Zeit der Kreuzzüge und den jetzt in Rußland erlebten. Er kommt auf die antisemitischen Tagesblätter zurück und bezeichnet es als die Stimme des bösen Gewissens, das jetzt in den unkultivierten Ländern die Frucht aufgehen sieht, die sie bei uns gesät hat. Aber, wenn selbst die vielen Juden sich an der Revolution beteiligt hätten, was erstreben sie denn? Keine Sonderprwilegien, nur das, was wir in Deutschland ja längst haben: Gleiches Recht wie jeder andere Staatsbürger. Aber ihr größtes Verbrechen war, daß sie sich herausgenommen haben, sich und ihre Angehörigen gegen Angriffe zu verteidigen. Diese Tatsache jedoch fft ein Ehrenzeugnis für unsere russischen Brüder; nicht nur ihre Ehre haben sie verteidigt, sondern damit auch unsere eigene. Mit markoollen, warmen Worten fordert Dr. Hildesheimer zu Spenden auf. Auch diesem Redner dankte reicher Beifall. Die Versammlung nahm darauf einstimmig folgende Resolution an: Die am 28. November stattgehabte von 400 Vertretern aller Schichten der Juden Berlins besuchten Versammlung gibt ihrem Mitgefühl und ihrer Trauer über die grauenhaften Heimsuchungen, von denen die hartgeprüften Glaubensgenossen in Rußland abermals betroffen worden sind, tiefempfundenen Ausdruck Voll Abscheu über die Vernichtung von Leben und Eigentum vieler Tausender erhebt die Versammlung gegen die aller Menschlichkeit und Gesittung Hohn sprechenden Greuel und ihre ungehinderte Duldung lauten Widerspruch und ruft das öffentliche Gewissen auf, durch einmütige Verurteilung jener Grausamkeiten ihre drohende Wiederkehr zu hindern. Indem die Versammlung den überall sich betätigenden Wetteifer, das unermeßliche Elend zu lindern, verzeichnet, spricht sie die zuversichtliche Erwartung aus, daß jeder ohne Unterschied des Glaubens aus Eigenem opferwillig spenden und in den ihm zugänglichen Kreisen gleich werktätiges Erbarmen wachrufen wird. Um 11. J/2 Uhr schloß der Vorsitzende Dr. Horwitz die stattliche Versammlung. ^rs. * * * Zur selben Zeit hat auch in Mrestau eine imposante interkonfessionelle Protestoersammlung stattgefunden, die, einberufen von der Zionistischen Vereinigung, in dem total überfüllten großen Börsensaal einen erhebenden Verlauf nahm. Die flammenden Protestreden des Universitätsprofeffors Cornill (evangelischer Theologe), des Rabbiners Rosenthal, des Arztes Dr. Sandter-Breslau, und vor allem des Redakteurs Dr. Julius Moses aus Berlin fanden einhelligen stürmischen Beifall. Kiuidgkliitttge« iitrvlirrllgkitdkt lUituuci itulüpii) drr niflifdjeu'' . Der Erschütterung über die furchtbaren Metzeleien, deren Opfer viele Tausende von russischen Juden sind, geben hervorragende Männer in Oesterreich ergreifenden Ausdruck in nachstehenden, der „N. Fr. Pr." zugekommenen Aeußerungen: Professor Eduard Suef;, Präsident der Akademie der Wissenschaften: „Die Nachrichten über die furchtbaren Judenmassakres in russischen Städten müssen jeden humanen Menschen mit Grauen erfüllen Graf Witte selbst gesteht nunmehr zu, daß die Unruhen an manchen Orten von den lokalen Behörden verursacht wurden. Dies ist auch wahrscheinlich, und ich halte es für denkbar, daß sich in Rußland Personen in öffentlichen Stellungen befinden, die bei der Judenhetze, wenn sie diese schon nicht direkt unterstützen, so noch ein oder beide Augen zudrücken. Man sollte es nicht für glaublich halten, daß solche grauenhafte Szenen im zwanzigsten Jahrhundert, im Zeitalter der Humanität, in Europa überhaupt möglich sind. Die schlechtesten und rohesten Instinkte des Pöbels werden aufgeregt und die Habsucht des Mobs ist es, die nach den Massakres ihre Orgien feiert. Bei der Lektüre dieser Berichte glaubt man sich in die Zeiten des finsteren Mittelalters zurückversetzt. Die Freiheitsbewegung irr Rußland hat mit diesen Vorgängen nichts gemein. Schnaps und Rassenhaß sind die Triebfedern der Handlungen dieses Pöbels. Trauernd muß die Zivilisation ihr Haupt verhüllen, wenn sie derzeit nach dem kaum befreiten Rußland blickt. Jeder zivilisierte Mensch muß wünschen, daß die Regierung des Grafen Witte sobald als möglich in die Lage kommt, diesen schrecklichen Szenen ein Ende zu bereiten. Die allerletzten Vorgänge in Rußland gereichen diesem Staat wahrlich nicht zur Ehre^ Der niedrigste Pöbel ist es, der sich mit den Judenmassakres befleckt. Im Interesse der Ehre und des Ansehens Rußlands ist es zu wünschen, daß es der Staatskunst des Grafen Witte gelingen möge, die junge Freiheit in Rtlßland zu festigen und menschenwürdige Zustände in diesem großen, von der Natur in so vielen Beziehungen begnadeten Reich 31t schassen. Das russische Vo.k ist ein fleißiges Volk, in dem aber, wie in jedem ungebildeten Volk, die rohen Instinkte schlummern. Werden diese einmal geweckt, dann ist es sehr schwer, die aufgeregten Massen wieder zur Ruhe zu bringen. Auch hier zeigt sich die Wahrheit des Satzes: „Kein Volk ist schwerer zu regieren als ein ungebildetes". 33951414

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