Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 48 (1.12.1905)
- Date
- 1905-12-01
- Page
- Seite 668 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 668. Israelitische Wochenschrift. Nr. 48. Mitleid zuteil werden. Sittliche Entrüstung ist ein begreifliches Gefühl solchen Taten und Menschen gegenüber — aber die sittliche Entrüstung ist nicht alles. Die Verhältnisse, die solche Taten ermöglichten, die in solchen ^Taten angeblich ihre Lösung finden sollten — sie rufen unser Mitleid hervor. Was kann man mehr empfinden, als bitteren Schmerz darüber, daß das Ebenbild Gottes sich zum Tier verwandelt? Wenn nun die Liebe im Innern so vieler wachgerufen wird, wenn viele sich beeifern, durch ihren Opferwillen das Schicksal Unglücklicher zu lindern, für die Besserung ihres Loses zu sorgen, dann richten diese Unzähligen die Würde der Menschheit wieder auf; in der Fülle dieser Opfer gibt sichs kund, daß sie sich mit den Vergewaltigten eins fühlen — in diesen vielen Versuchen, die Lage der Unglücklichen zu bessern, liegt schon das herbste Verdammungsurteil für die Täter und noch mehr für die Anstifter. Ehe diese wilden Empfindungen nicht unmöglich geworden sind, so daß auch derartige Taten nicht mehr geschehen können, ist das Land, in dem sie geschehen, unglücklicher, als es jene Anstifter ahnen und verstehen. Weshalb betete Abraham für die Sodomiter? Um der Edlen willen, die er in ihnen vermutet, von denen er annahm, daß sie die Sodomiter bessern könnten. Auch wir wollen, wenn wir an die Zukunft nicht nur unserer Glaubensgenossen, sondern aller Bewohner jenes Reichs denken, trotz der geschehenen Greuel den Glauben an Edeldenkende und ernste Streiter für das Gute nicht verlieren! Wir wollen hoffen, daß es ihnen, wie dem streitbaren Abraham mit seinen Knechten, gelingen möge, die Gedrückten zu befreien, daß auch sie, wie Abraham, dabei nicht an den Erdenlohn denken mögen, sondern an den, der Himmel und Erde für alle geschaffen. Mögen sie mitten in ihrem Kampf für Licht und Recht eingedenken jener Worte Abrahams: „Sei doch kein Streit unter uns, da wir ja Brüder sind!" Gegensätze und Meinungsverschiedenheiten werden sich nie ganz verlieren, in ihrer Vermittlung liegt ein Teil aller Menschentätigkeit — aber dulden sollen sich alle, wie Abraham jeden einlud in sein Zelt, und glauben soll jeder an die Redlichkeit und an den Ernst selbst seines Meinungsgegners. Als Abraham von der Leiche Sarahs sich erhob, da ging er vor das Tor zu den Richtern Gewiß, die Sicherheit eines Grabes, wie die Sicherheit des Lebenden hängt davon ab, daß die Richter am Tore wachen über strenge Rechtsgleichheit, damit die Stadt nicht veröde, daß sie die vielköpfige Zwietracht und Willkür nicht zum Tore der Stadt hereinlassen. Dann kann der Mensch friedlich leben und wirken, dann kann er in Ruhe sterben und das Grab des guten Menschen wird wirtlich ein Erbbegräbnis sein, ein Gut und Erbe noch für die Spätesten. Walten die Richter am Tore nicht ihres Amtes, dann endet das Leben gewaltsam, die Grabesruhe selbst ist nicht vorhanden, und die auseinandergesprengten Flüchtlinge wissen nichts mehr von den Gräbern der Ihrigen. Die; Richter am Tore wollen Abraham ein Grab schenken. Das will er nicht. Ehren und Vorrechte weist er zurück — nicht bevorrechtet, gleichberechtigt will er sein. Er will sich und den Seinen das Grab erkaufen, wie jeder andere, nicht nur durch die dafür gebotene Summe, sondern durch die Arbeit seines ganzen Lebens. So möge es sich beim Kampf um^die Rechte in unserem Nachbarlande nicht um Vorrechte handeln, sondern um Rechte, die jeder zu beanspruchen hat und die nachher in Strenge gewahrt werden. Im Recht die Strenge, im Leben zwischen Mensch und Mensch die Liebe. Vor uns dehnt sich vielleicht noch ein entsetzlicher Kampf der Leidenschaften aus, wenn die Neuordnung der Verhältnisse wird vor sich gehen sollen. O, möchie es doch genug sein an den geschehenen Greueltaten! Das allein kann vor allem als innigster Wunsch in den Herzen aller Menschen leben. Wie Abraham Altäre auf seinem Wege baute und den Namen Gottes ausrief, wie aber zugleich Edeltaten die Spur seines Weges ausmachten, so mögen gerade die Führer in unserem Nachbarlande Altäre der Menschenliebe und Rechtlichkeit aufrichten, im Namen Gottes das Wort der Erleuchtung den wilden Massen verkünden, durch wahre Belehrung die Leidenschaften zurückdrängen und besonders durch ihre Aufrichtigkeit den Glauben der Welt an ihr redliches Streben befestigen. Dann, wie zahlreich auch die Opfer der Greuel gewesen sind, ist ihr Tod nicht umsonst gewesen — sie sind als Blutzeugen der Freiheit und des Rechts gefallen, sie haben der Freiheit eine Gasse gemacht und sie sollen in Ewigkeit nicht vergessen werden. Ihr Andenken sei ein warnendes Merkzeichen für alle Gewalthaber der Zukunft, es sei zum Segen für die Freunde des Guten. Erröten und in sich gehen mögen bei ihrem Andenken alle Hartherzigen und Gleichgiltigen, und festigen mögen sich alle Guten in ihrem Streben, die geschlagenen Wunden zu heilen und die Tränen zu trocknen. Wir wollen uns nicht scheuen, unser Mitgefühl mit jenen Opfern offen und unzweideutig als Gemeinden Israels kundzugeben — aber Kundgebungen sind nicht alles. „Wohltun rettet vom Tode" — dies alte Wort wird hier zur buchstäblichen Wahrheit. Nur Wohltun, schrankenloses Wohltun kann jene Notleidenden vor dem Tode retten! Möge, wie einst bei der Zählung Israels, niemand mit seiner Gabe fehlen, jeder seine Gabe nur für einen halben Schekel ansehen: Dann wird das Andenken an jene Gefallenen uns zum wahren Segen dienen, die Leidenden werden ihr Haupt erheben und der Glaube an die Menschheit und die Ehre derselben wird durch menschlichen Edelsinn wiederhergestellt sein. öerlinkr 7 ' Am Dienstag fanden sich im großen Saal der Brauerei Friedrichshain über 4000 Personen aus allen Bevölkerungsschichten zusammen, um in einer Massen-Versammlung ihrem Abscheu über die russischen Greuel Ausdruck zu geben. Und £ weitere Tausende konnten keinen Einlaß finden, da der Saal schon vor Beginn der Versammlung wegen Ueberfüllung gesperrt wurde. Seit langem hat eine solch wirkungsvolle Versammlung nicht stattgefunden. Alle Richtungen, Liberale, Konservative, Zionisten waren versammelt in ernster Stimmung, die nur durch den Beifall unterbrochen wurde, den die Redner in reichem Maße fanden. Rechtsanwalt 'pt. orrn!\ eröffnete die Versammlung, wies auf die geschehenen Grausamkeiten hin und forderte zur Unterstützung der unglücklichen russischen Juden auf. Rabbiner Dr.Kschetöacher schildert die scheußlichen Grausamkeiten, die überall, besonders in Odessa, geschehen sind. Es ist eine Katastrophe, wie wir sie seit Jahrhunderten nicht erlebt haben, und wir müssen in das Mittelalter zurückgehen, um ihresgleichen zu finden. Wir haben bisher geglaubt, daß entsetzlichere Morde als im Mittelalter nicht zu finden sind.. Hier war es nur der Religionshaß, der den Mördern den Arm führte, immerhin ein menschlicher Grund; dort aber ist es die niedrige Bosheit uud Roheit. Die konservativen Blätter sprechen den Juden einen großenTeilderSchuldzu. Gewiß haben dieJuden teilgenommen an der großen russischen freiheitlichen Bewegung, aber sie sind es 7870015