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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-11-24 · 47 (24.11.1905) · p. Seite 662

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
47 (24.11.1905)
Date
1905-11-24
Page
Seite 662 (sequence 15)
Language
German
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Seite 662. Israelitische Wochenschrift. Nr. 47. Munit;. Bei der Stadtverorduetenwahl in der 1. Klasse wurden drei Juden, die Kaufleule Flater und Lewin wieder und der Kaufmann Louis Tuchler neu gewählt. Marburg. Der Vorsteher der hiesigen israelitischen Gemeinde, Herr Koppel Strauß und Gemahlin, begingen das Fest der goldenen Hochzeit Ihnen wurde durch Herrn Rabbiner Dr. Munk die goldene Ehejubiläumsmedaille verliehen. Aachen. Der verstorbene Rentner Marx hat den Hauptteil seines bedeutenden Vermögens der hiesigen israelitischen Gemeinde vermacht. Nordhauscu. Herr Rabbiner Dr. Schönberger feierte am 20. d. M. sein 25 jähriges Rabbinerjubiläum, eine Feier, die in der Synagogengemeinde sowohl als bei allen denen außerhalb, die Geist und Charakter überall zu schätzen wissen, warme Anteilnahme gefunden hat. Herr Dr. Philipp Schönberger, ein geborener Ungar, machte seine Universilätsstudien an der Berliner Universität und wurde nach beendeten Studien als Landesrabbiner nach Dessau berufen. Dort blieb er einige Jahre, dann folgte er einem Rufe nach Bellovar in Kroaten Doch nach einigen Jahren zog es ihn wieder mächtig nach Deutschland und er nahm die Stelle eines Rabbiners in Pasewalk an. Seit 15 Jahren wirkt Tr. Schönberger als Rabbiner in Nordhausen. Herr Dr. Schönberger wird als ein vorzüglicher Kanzelredner, ein ideal veranlagter und gerichteter Mensch geschätzt. Literarisch ist Dr. Schönberger sehr tätig. New Aork. Sonnabend, den 25. November, wird in der Union die Feier der 250 Jahre nordamerikanischen Judentums begangen Ein Exekutivkomitee mit Jakob H. Schiff an der Spitze leitet die gesamte Feier. Es ist nichtnurvonSeilenderGemeinden eine Synagogenseier geplant, sondern auch Zwerggemeinden ohne Synagogen, Logen, der Council of Jewish Women, die Jewish Chautauqua Society, die Vereine jungerMänner, die Waisenhäuser und ähnliche Anstalten begehen den Tag festlich. Es wird eme Veröffentlichung geplanr, in welcher die Hauptereignisse, welche das amerikanische Judentum betreffen, dargestellt werden sollen. Der Artikel New Port wird aus der Jewish Enzyklopedia genommen (von Max Köhler abgeiaßt). Das General-Komitee besteht aus Mitgliedern, die aus allen Staaten der Union gewählt sind; jeder Staat stellt eine der Seelenzahl der j üdischen Gemeinden entsprechende Anzahl von Mitgliedern dazu. — Aus Milwaukee. Die jüdische Niederlassung in Wood County, Wisconsin scheint in weniger als einem Jahre Wunder bewirkt zu haben. Im Dezember kamen flüchtige rumänisch-russische Juden hierher und nahmen Ländereien in Besitz, welche ihnen die Wrlwaukee Agricultural Assoziation zur Verfügung gestellt hat. Im tiefen Schnee begannen sie ihre Arbeiten und scheuten vor keiner Schwierigkeit zurück. Heute treten schon die befriedigenden Ergebiiisse ihrer Täligkeit hervor. Die Ansiedler sind sehr zufrieden mit diesen Eigcbnissen, und keiner von ihnen hat auch nur im Geringsten den Wunsch geäußert, seine Ländereien im Stich zu lassen. — Die Industrial Aid Society of Milwaukee besteht 3 Jahre; sie arbeitet gemeinsam mit der New Porter Assoziation Die Milwaukee Agricultural Assoziation ist erst vor einem Jahre gegründet worden Zugrunde liegen diesen Gesellschaften die von Baron Hirsch feiuerzeit gespendeten Summen. So ist hier für die Unglücklichen in den Ländern der Dunkelheit und Tyrannei eine Heimat geschaffen worden. Feuilleton, ftcb Zigeuner. Von Babette Fried. (Fortsetzung.) Mirl ging zur Tür, öffnete sie, um nachzusehen, ob kern Unberufener lausche, dann schob sie den Riegel vor und trat ganz nahe zur Tante, der sie zuflüsterte: „Ich selbst habe ihn in ein gutes Versteck gebracht, in die Hundehütte im Hofe. Aber dort kann er nicht bleiben, es ist zu enge dort. Darf ich ihn hereinbringen, Muhme V Er kann dort hinter dem Backofen schlafen, er wird uns nicht stören." Die alte Tante schlug die Hände vors Gesicht und rief verzweifelt aus: „Du gottloses Kind! Einen Zigeuner will sie in unser koscheres Judenhaus bringen. Genug, ich habe dich am Halse, noch einen Zigeuner soll ich auffüttern. Gott soll mich davor hüten!" Mirl unterdrückte tapfer die Tränen, welche sich ihr bei diesen Worten aufdrängten, doch wagte sie keine Entgegnung. Mirl war die Brudertochter der alten Frau, welche in dem verfallenen Hause das kleine Hinterstübchen bewohnte. Ihre Eltern waren mit einem Zuge von Emigranten ausgewandert in die neue Welt. Mirl war damals noch so klein, und noch dazu kränklich, daß an ein Mitnehmen nicht zu denken war. So blieb sie bei der einsam lebenden Tante zurück, welche sie gesund pflegen und bei passender Gelegenheit den Eltern nachschicken sollte. Dazu kam es aber nicht. Von den Eltern Mirls war kein Brief, keine Nachricht in die Heimat gelangt, sie mochten wohl unterwegs verunglückt, irgendwo in der Fremde verdorben und gestorben sein. Das ist ja bei den unglücklichen Auswanderern kein vereinzelter Fall. So blieb Mirl bei der alten Tante, welche sich durch Anfertigung kunstvoller Stickereien und Ausbessern von Teppichen und anderen Geweben so schlecht und recht durchbrachte. Die Alte ging wenig aus, ihre spärlichen Einkäufe und sonstigen Besorgungen wurden von der zu dieser Zeit 11jährigen Mirl bestens verrichtet. Heute zum erstenmale hatte sie das Unglück, überfallen zu werden. Zum Glücke war es in der Nähe ihrer Wohnung gewesen. Den ganzen Rest dieses ereignisvollen Tages sann das arme Kind darüber nach, was mit dem Zigeunerknaben anzusangen, der sich ihretwegen in solche Gefahr begeben hatte. Sie hatte so unter der Hand nachgefragt und erfahren, daß der verwundete Knabe einer hochangesehenen Adelsfamilie angehöre, und nur zufällig, seiner Neugierde folgend, sich unter die Menge drängte, wo er aber nicht so rasch wie die andern entfliehen konnte, und von einem Hiebe mit der schweren Eisenstange getroffen, schwer verwundet wurde, ja man sprach davon, daß er tot vom Platze getragen worden. Die Eisenstange war als corpu3 delicti bei der raschen Flucht des Uebeltäters zurückgeblieben und die in diesem Falle rührige Polizei hielt Nachfrage bei allen Eisenhändlern der Stadt, um zu erfahren, von wem diese am Nachmittage gekauft wurde. Nun war der Name verraten und es war nicht daran zu denken, daß der Zigeunerjoszi in der nächsten Zeit seine Zufluchtsstätte verlassen konnte. Mirl teilte ihre kargen Mahlzeiten redlich mit dem Eingesperrten, und es bedurfte der vollen Anspruchslosigkeit des an Entbehrungen mancher Art gewöhnten Zigeunerjungen, um bei der ungenügenden Verköstigung und diesem elenden Lager erhalten zu bleiben. Die Gerüchte über die Verwundung des Beamtensohnes waren übertrieben gewesen. Nach einigen Tagen schon konnte er ausgehen, und er erzählte lachend von seinem Abenteuer, erwähnte auch ohne Groll, eher mit einer Art von Bewunderung des mutigen Zigeunerbuben, der einer kleinen Jüdin wegen den Kampf mit einer ihm so überlegenen Schar ausgenommen hatte. Von einer Verfolgung desselben wurde Abstand genommen. Neue Ereignisse hatten auch dieses verdrängt. In einer Stadt gleich Jassy wechseln die Ereignisse so rasch, daß sich nach einer ganz kurzen Zeit der Zigeunerjoszi aus seinem Verstecke hervorwagen durfte. Zu seinem vorigen Meister ging er nicht wieder. Er fürchtete einen üblen Empfang, vielleicht

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