Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 47 (24.11.1905)
- Date
- 1905-11-24
- Page
- Seite 663 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 47. Israelitische Wochenschrift. Seite 663. auch Auslieferung an das Gericht. Der Junge fürchtete keine Strafe als nur Freiheitsentziehung. Mit allen Eigenschaften seines Stammes versehen, dürstete er nach vollständiger Freiheit, und er hätte sich in seine Einsperrung in die Hundehütte gewiß nicht gefügt, wenn nicht die in seinen Augen engelgleiche Mirl mehreremale des Tages ihn aufgesucht und mit ihm geplaudert hätte. Joszi, der in seinem Handwerke Tüchtiges zu schaffen vermochte, fand ein Unterkommen bei einem andern Schmiede. Der Abschied von seiner kleinen Pflegerin Mirl war ein herzbewegender. Mirl wischte sich mit ihrer bunten Schürze unablässig ihre schönen blauen Augen. „Weine nicht. Mirl!" sagte Joszi. „In einigen Jahren bist du groß, und dann Keirate ich dich. "J -- r %:■' KB Mirl erschrak. „Dann würde ich aber eine Zigeunerin werden," sagte sie schaudernd. „Oder ich ein Jude. Das bleibt sich gleich, wenn wir nur immer beisammen bleiben." Dieses kindliche Gespräch hatte bei beiden tiefen Eindruck gemacht. Nach Jahren noch, als Joszi schon der Leiter einer großen Schmiedewerkstätte geworden und Mirl die alte Tante immer mehr in ihren Arbeiten unterstützen mußte, erinnerten sie sich mit Lachen daran. Die Tante Mirls lag oft tagelang zu Bette und Mirl hätte wohl schwerlich allein alle Bedürfnisse für beide bestreiten können, wenn der treue Zigeunerjoszi nicht seinen Wochenlohn mit dem sorgenbeschwerten Mädchen geteilt hätte. „Eine Abzahlung auf das Kostgeld von damals." sagte er, wenn sich Mirl weigerte, Geld von ihm anzunehmen. Einst kam Joszi wieder auf ihr damaliges Gespräch zu reden. „Erinnerst du dich noch, Mirl, wie ich dir den Vorschlag machte, einst meine Frau zu werden? Jetzt ist es an der Zeit. Willst du, Mirl?" „Ich habe dir schon damals die Antwort gegeben: Ich mag keine Zigeunerin werden." „Damals antwortete ich dir, ohne viel zu überlegen: Aber ich ein Jude! Heute wiederhole ich dieses Wort. Wirst du die Meine, wenn ich zum Judentume übertrete?" „Du, ein Zigeuner? Das ist nicht möglich!" „Was ist dabei unmöglich? Ich liebe dich, Mirl! Wir von unserem Stamme schrecken vor keinem Hindernis zurück, wenn es gilt, die Geliebte zu erringen. Raub, Mord, das ist einerlei! Wir müssen die besitzen, die wir lieben." „Geh, Joszi, ich fürchte mich vor dir, deine Augen rollen so wild, du siehst wie ein wirklicher Zigeuner aus." „Ich bin ja einer," sagte er. „Aber ich will deinen Glauben annehmen, den ich habe kennen, achten und lieben gelernt, seit ich dichten..e. Denn seit ich dich zum erstenmale gesehen, liebe ich dich mit allem Feuer, das meinem Volke eigen ist und seit damals lebt in mir die Sehnsucht, dich zu meinem Weibe zu machen." „Die Tante erlaubt es nicht." „Vielleicht doch, bitten wir sie darum. Schau, Mädchen, seit ich dich kenne, bin ich ein anderer geworden, als ich früher war. Nicht wie die anderen Jünglinge habe ich meine Feierstunden mit Spielen, Tanzen und Trinken ausgefüllt. Ich habe dich aufgesucht und dann habe ich gelernt. Lache nicht, Mirl, ich habe gelernt. Bei meinem Meister verkehrt oft ein alter Trödlerjude — „damit meinte er mich," unterbrach der Erzähler seine Geschichte — „der kam immer mit dem alten Eisen, das er gesammelt und bot es uns zum Verkaufe an. Mit diesem bin ich bekannt geworden und er hat meine Bitte erfüllt, mich euere heilige Sprache und euer heiliges Gesetz zu lehren. Mein Lerneifer hat diesen Juden so erfreut, daß er sich über meine Abstammung hinwegsetzte und mich unterrichtete. Ich bin nicht so ganz unwürdig, vor deine Tante hinzutreten und um deine Hand zu bitten. Ich bin ein tüchtiger Handwerker, der eine Familie ernähren kann, bin auch kein Amhorez. Sprich mit deiner Tante." „Das werde ich." „Wann kann ich mir deine Antwort holen?" „Von heute in'einer Woche." „Gut Von heute in einer Woche." Alle Bemühungen Mirls, ihre Tante, der sie so vieles verdankte, zu einer Einwilligung in ihre Heirat mit dem Zigeunerjoszi zu überreden, war vergeblich. „Ein Zigeuner, ein Zigeuner!" Das war der Refrain ihrer langen Auseinandersetzungen und tiefbetrübten Herzens mußte Mirl dem von ihr wie einen Bruder geliebten Joszi das Vergebliche ihrer Bemühung begreiflich machen. (Fortsetzung folgt.) Mk. I.—, 1.20, 1.40, 1.50, 1.60, 1.70, I 80, 1,90, 2.— pro % Kilo. Käuflich in fast allen Geschäften der Konsumbranche und den eigenen Filialen der Firma A. Zuntz sei. Wwe. Probe-Ausschank: Leipzigerstr. 83, Spittelmarkt 8—10 und Tauenzlenstr. 15. A. Macher & Co. Inhaber: August Macher, Steinbildhauer. Westend, Neuer Fürstenbrunner Weg. — I Fernsprecher: Amt Charlottenburg, No. 1504. — Größtes Lager Charlottenburgs in modernen Grabdenkmälern Grabfiguren und Grabgittern. Spezialität: Erbbegräbnis-Anlagen Erbbegräbnisgitter. Kataloge, Kostenanschläge und Entwürfe gratis. Prima Referenzen von höchsten und allerhöchsten Stellen. Besichtigung des Lagers erbeten.