Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 47 (24.11.1905)
- Date
- 1905-11-24
- Page
- Seite 661 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 47. Israelitische Wochenschrift. Seite 661. Ausdruck geben, daß unsere Regierung und die Mächte, die bei Greueln von geringerem Umfange einzugreifen stets für gut befanden und befinden, in diesem Fall in stillschweigende c Passivität sich verhalten haben und uoch weiter verhalten Wir wollen es versuchen, in dieser öffentli^en Trauerversammlung das schlafende öffentliche Gewissen aufzurütteln, und eine Resolution fassen, die alle diese Gefühle, alle die Wünsche, die uns Juden infolge dieser gräßlichen Vorfälle erfüllen, zum Ausdruck bringen. Diese Resolution lautet: „Wir Vertreter der Judenschast haben uns heute versammelt, um im Namen derselben öffentlich Ausdruck zu geben der aus tiefsten Herzen quellenden Empörung über die Duldung jener erschütternden Vorgänge in Rußland, die gegenwärtig die ganze zivilisierte Welt mit Schrecken und Entsetzen erfüllen. Nicht mit jenen wollen wir rechten, die in tierischer Verkommenheit ihrem Blutdurst und ihrer Raubsucht fröhnen; unsere Anklage gilt vielmehr jenen Faktoren, die durch skruppellose Aufwühlung der Volksleidenschaften, durch unerhörte Nachgiebigkeit gegenüber dem Terrorismus fanatisierter Banden an entsetzlichen Greueltaten sich mitschuldig gemacht und sich als die intellekten Urheber furchtbarer Schandtaten mit unausrottbarer Schmach beladen haben. In unsagbarem Schmerz um die hingemordeten Märtyrer, in angstvoller Sorge um unsere unglücklichen Brüder in Rußland rufen wir die Mächte an, sich, wie sie es wiederholt bei anderen Anlässen getan haben, im Namen der Zivilisation, des Rechts und der Gesittung zu gemeinsamer Aktion zu vereinigen und die russische Regierung mit allem Nachdruck an ihre Pflicht zu mahnen, dem wahnwitzigen Treiben, das die schrecklichsten Vorgänge mittelalterlicher Barbarei in den Schatten stellt, Einhalt zu gebieten." Die Resolution wurde einstimmig angenommen und zum Zeichen der Trauer die Versammlung geschlossen. Diese Ansprache des Vorsitzenden, die auf die Anwesenden einen tiefen Eindruck machte, wurde allerdings nicht in der Berliner, sondern in der Wiener Gemeinderatssitzung gehalten. Die Berliner Repräsentanz hüllte sich „aus taktischen Gründen" in tiefes Schweigen und legte nur dem Vorstand die „Erwägung" ans Herz, demnächst Trauergottesdienste für die vor vier Wochen Ermordeten abhalten zu lassen Aus dieser „Erwägung" ist bis jetzt der Vorstand noch nicht herausgekommen, trotzdem ein diesbezügl. Antrag von sämtlichen Repräsentanten angenommen wurde. — Für die Wiederaufrollung der Orgelsrage in unserer Gemeinde dürfte das Gutachten des Rabbiner Prof. Tr. Maybaum, das in diesen Tagen dem Vorstand der Kölner Synagogengemeinde erstattet worden ist, auch für uns von Interesse sein. Es lautet: „Für den, der von der Ueberzeugung durchdrungen ist, daß das Gesetz der Entwicklung auch das Leben der Religion wie alles auf Erden beherrscht, kann es keine Frage sein, daß jedes Geschlecht die Berechtigung hat, sein religiöses Denken und Empfinden im gottesdienstlichen Leben zum Ausdruck zu bringen. Wer diesen Standpunkt mit uns teilt, der wird bei einer angestrebten Reform nicht fragen, ob sie im früheren Kultus ihre vollkommene Analogie hat, sondern nur danach wird er fragen, ob sie aus dem Geist geboren ist, der die religiösen Formen der Vergangenheit durchwaltet hat Hiernach genügt es, zur Rechtfertigung für die Einführung einer Orgel daraus hinzuweisen, daß die Musik auch von den Alten als ein wesentliches Mittel zur Verherrlichung des Gottesdienstes geschätzt wurde. „Schön ist es, dem Ewigen zu danken und Deinem Namen, Erhabener, zu saitenspielen, zu verkünden am Morgen Deine Huld und Deine Treue in den Nächten, und bei dem Zehnsait, dem Psalter und dem Harfenklang", singt der Psalmendichter in dem bekannten Sabbatpsalm, und tatsächlich ist der Opferdienst im jerusalemischen Tempel stets von Gesang und Musik der Leviten begleitet gewesen. Daß der Gottesdienst in der Synagoge jener alten Zeit der Verherrlichung durch die Musik entbehrt, kann kein Grund sein, sie unserer Synagoge zu versagen Denn während die Synagoge der alten Zeit mit allen ihren Einrichtungen nur ein Anhängsel des Opsertempeis zu Jerusalem bildete, sind unsere Synagogen die.einzige Stätte unserer gottesdienstlichen Verehrung; sie stehen daher vollkommen im Range des alten Opfertempels und dürfen daher alle seine Vorrechte in Anspruch nehmen. Und wie es im Geist unserer Religion ist, die Musik zur Verherrlichung des Gottesdienstes heranzuziehen, so ist es auch in ihrem Geist, bei der Wahl des Instruments nicht danach zu fragen, ob dasselbe bei fremden gottesdienstlichen Kulten benutzt wird. Denn es unterliegt keinem Zweifel, daß auch die musikalischen Instrumente der alten Israeliten weder Werke ihrer eigenen Erfindung waren, noch auch nur von ihnen beim Gottesdienst gebraucht wurden. Die musikalischen Instrumente im salomonischen Tempel waren, wie der ganze Bau und seine Einrichtung, Werke phönizifcher Kunstfertigkeit. Solche Entlehnungen können daher durchaus nicht unter das Verbot der Nachahmung heidnischer Bräuche fallen. Vollends in unserer Zeit, wo die Orgel, um die es sich hier handelt, in fast allen größeren Gemeinden Deutschlands beim Gottesdienst in Gebrauch ist und in 150 Synagogen an Sabbaten und Festtagen gespielt wird, kann der Geoanke gar nicht mehr aufkommen, daß die Orgel als ein dem Judentum fremdes, nur der christlichen Gotlesverehrung eigentümliches Instrument anzusehen sei. Wir sind daher der Ansicht, daß die Kölner israelitische Gemeinde bei der Einführung der Orgel in ihrer Hauptsynagoge sich nicht bloß geistig, sondern auch materiell in vollkommener Uebereinstimmung mit der Gottesverehrung unserer Vorfahren befindet und wir hoffen zuversichtlich, daß sich diese Einrichtung als ein Segen für die religiöse Erweckung und Erbauung der Gemeinde bewähren wird." — Die nächste Sitzung der Repräsentanten findet Sonntag, den 26. November, vormittags 11 Uhr, statt. — Probepredigten hielten an den letzten beiden Sonnabenden Rabb. Tr. Berger-Krotoschin und Rabb. Tr. Hannes-Konstanz. Zu weiteren Probepredigten sind berufen Rabb. Tr. Kaelter- Potsdam und Rabb. Tr. Beermann-Jnsterburg. — In die Kommission zur Beratung der Petition zwecks Einführung einer Orgel in die Synagoge Rykestratze sind entsandt worden: die Repr Hirsch, Veit Simon, Friedländer, Steskind, Tr. Cohn, Löwenthal. — Am 23. November fand im Rathause eine Sitzung statt, in der über weitere Schritte betreffs der Geldsammlungen zugunsten der russischen Juden beschlossen wurde. Die Einladungen zu dieser Sitzung erfolgten von den Herren Oberbürgermeister Kirschner und James Simon. Es wurde in dieser Sitzung die Veröffentlichung eines Aufrufes beschlossen, in dem es heißt: „Zahlreiche russische Städte und Ortschaften sind von einer furchtbaren Katastrophe heimgesucht worden. Irregeleitete Banden überfielen die Juden, massakrierten Männer, Frauen und Kinder, vernichteten oder raubten ihnen die Habe, verbrannten ihre Häuser und erschlugen auch zahlreiche Christen, die zur Verteidigung der Verfolgten herbeigeeilt waren. Die Not ist eine ungeheuere und die Not wird wachsen mit dem Hereinbrechen des russischen Winters. Allen den Heimgesuchten, Juden und Christen, zu helfen, ist Menschenpflicht. So fordern wir denn jeden edelempfindenden Deutschen aus, durch eine Gabe beizutragen, daß die Verwundeten gepflegt, die Hungernden mit Brot versehen, die Waisen erzogen und die niedergebrochenen wirtschaftlichen Existenzen vor dem völligen Untergange bewahrt werden." — Zugunsten der so fürchterlich heimgesuchten russischen Juden findet unter der künstlerischen Leitung des Herrn Kapellmeister Victor Hollaender am 10. Dezember d. I. bei Kroll eine Matinee statt, zu der mit Erlaubnis des General-Intendanten der königl. Schauspiele Herrn von Hülsen bereits Frl. Emmy Destinn, Frau Lieban-Globig, die Herren Alexander Heinemann, Paul Knüpfer, Carl Jörn, Julius Lieban, Emanuel Reicher und viele andere Künstler ihre Mitwirkung gütigst zugesagt haben. Alles Nähere wird durch Anschlag und Inserate veröffentlicht. Anfragen und Zuschriften sind zu richten an Frau Dr. Wasbutzki, W. 35, Lützowstr. 77. — SanitätSrat Tr. Reumann hat seine große, ca. 1000 Bände umfassende Bibliothek der jüdischen Gemeinde als Geschenk überwiesen. Dieselbe enthält eine große Zahl Hebraica und Judaica. — Der Verein selbständiger Handwerker jüdischen Glaubens feiert am Sonnabend, den 2. Dezember 1905, in Dräsels Festsälen. Neue Friedrichstr 35, das Jubiläum seines 10jährigen Bestehens. — Kommerzienrat Hermann N. Israel ist am vergangenen Montag plötzlich verschieden. Das Haus N. Israel verliert damit ihren Seniorchef, der es verstanden hat, im Verein mit seinem jüngeren Bruder die altangesehene Firma nicht nur auf der alten Höhe zu halten, sondern sie auch ständig weiter zu entwickeln.