Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 47 (24.11.1905)
- Date
- 1905-11-24
- Page
- Seite 659 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 47 Israelitische Wochenschrift. Gerte 669. Auch die leitenden Kreise haben Aehnliches getan. Bei N. M. Rothschild Söhne in New Court und etwas später bei Samuel Montagu & Co. waren Versammlungen, wo über maßgebende Schritte bei den russischen Behörden beraten wurde. Die Anglo-Jewish Association, das Comitee of Deputies of the British Jews haben in Versammlungen durch ihre Vorsitzenden zu größeren Spenden für die Notleidenden in Rußland auffordern lassen. Ein Aufruf von anderer Seite bittet um Mittel für Verteidigungswaffen zur Selbsthilfe. Wer gar nichts geben kann, soll sich für kurze Zeit des Tabaks enthalten und das Ersparte zu Unterstützungszwecken hergeben. Es werden Gedenkfeiern für die Opfer der russischen Raserei veranstaltet, wobei Sammlungen vorgenommen werden. Theaterkräfte bieten sich zu Konzerten für die wohltätigen Zwecke dar; der Chief Rabbi leitet seine Sabbatminchapredigten mit einer zur Wohltätigkeit mahnenden Rede ein. Die großen Tageszeitungen sprechen ihren Abscheu gegen die russischen Judenverfolgungen aus. So traurig die Veranlassung zu diesen Kundgebungen ist, so wenig der Freund des Judentums dabei in Stimmung kommen kann, so sehr ergreift und hebt mich diese Gegenbewegung, von deren Umfang man sich in Deutschland kaum einen Begriff machen kann. Klugheitsrücksichten kennt der Engländer nicht, wo es gilt, dem Unrecht und der Gewalt entgegenzutreten; er ist an bängliches Schwanken und Schweigen nicht gewöhnt. Kann es einen Trost für diese traurigen Verhältnisse geben, so liegt er darin, daß „Israel nicht verwaist ist!" Wir dürfen uns aber nicht nur bei diesen Bewegungen aufhallen. Dieselben Personen, die bei diesen Kundgebungen sich nur den Sorgen des Tages und Augenblicks, nur der gegenwärtigen Not zu widmen scheinen, fühlen sich dadurch noch nicht befriedigt. Derselbe Mr. Claude Montefiore, der dort mit solcher Entschiedenheit eingreift, den finden wir mit einem Mal auf der Porchester Terrace, wo er eine Versammlung der Jewish Religious Union leitet. Mr. Joseph liest einen Entwurf vor, der sich mit dem Jugendunterricht nach unseren Zeitbedürfnissen beschäftigt, mit dem Gegenstand des Unterrichts und mit einem kurzen umfassenden Lehrbuch für denselben. Dem Einfluß der Mission soll dadurch entgegengearbeitet werden, daß der Unterricht sich auch mit dem Gedankeninhalt des Christentums beschäftigt — — Ich muß mich unterbrechen! Wichtige Telegramme werden veröffentlicht. Die Kundgebungen zugunsten der russischen Juden sind auf die englische Regierung nicht ohne Einfluß geblieben. Lord Balfour drückt den Abscheu der englischen Regierung gegen die russischen Mordauftritte aus; es sind bereits von höchster Stelle Schritte geschehen, um Milderungen der Greuel zu erzielen. Chamberlain, Rosebery, die Erzbischöfe von Canterbury und Westminster haben das Gleiche getan. Das ist ein Umschwung! Hier hört die Scheu vor dem Eingriff in fremde Staatsverhältnisse auf — denn das sind keine Staatsverhältnisse mehr, sondern das ist ein Chaos, eine Gefahr für alle Staatsordnungen auf Erden. Wenn es ungestraft so weiter gehen kann, verliert das Menschenleben an Wert, es wird zum Spielball, zum bloßen Rechenpfennig. Wenn durch so viele Menschenleben eine haltlose Beamtenwirtschaft noch kurze Zeit (denn lange kann und wird es nicht dauern) auf den Beinen erhalten werden soll, dann — — Sie erkennen mich nicht wieder. Ich wundere mich selbst über mich sonst so ruhigen Staatsbürger. Aber hier hört die Ruhe auf und mein Brief auch. Sie haben heute genug von Ihrem sehr aufgeregten, trotzdem Ihnen hochachtungsvoll ergebenen German. Grdliilkr» imd Aussprüche berühmter Männer über Inden nnd Judentum. Vor vierzig Jahren — keine längere Periode, als die Kinder Israels durch die Wüste zogen — waren die zwei erniedrigtesten Rassen, die attische und die hebräische, gerade die zwei Stämme, die am meisten für die Menschheit gewirkt haben. Ihre Schicksale haben viel Aehnliches: Ihre Länder waren die zwei kleinsten der Welt, gleich unfruchtbar, gleich berühmt; beide Völker teilten sich in Stämme; beide bauten einen der berühmtesten Tempel auf einer Akropolis und beide haben eine Literatur hervorgebracht, von allen europäischen Nationen mit Ehrfurcht und Bewunderung ausgenommen. Athen ist öfter geplündert worden als Jerusalem, und öfter der Erde gleich gemacht, aber die Athener sind der Vertreibung entgangen, welche bloß ein orientalischer Gebrauch ist. Doch scheint der Grieche schon erschöpft. Im Gegenteil schien die schöpferische Kraft Israels nie so glänzend wie jetzt, und schwer ist es zu begreifen, wie er Russe, der Franzose, der Angelsachse mitten unter dem Beifalle, welchen er im Theater jüdischen Künstlern spendet, trotz der stummen Bewunderung, welche er im Tempel den Stimmen jüdischer Sänger zollt, dennoch so viel Groll in seinem Herzen finden kann, einen Juden zu verfolgen. * * * Das Leben und das Eigentum Englands wird von den Gesetzen des Sinai beschützt. Dem rastlos arbeitenden Volke Englands wird in je sieben Tagen durch die Gesetze des Sinai ein Ruhetag gesichert. Und doch verfolgt es die Juden und beschimpft das Volk, dem es die erhabene Gesetzgebung verdankt, welche das unvermeidliche Los der arbeitenden Menge erleichtert. Und wenn diese arbeitende Menge eine Zeit lang die Arbeit ruhen läßt, welche fast der egpptischen Knechtschaft gleich kommt, und seinen Darleger der Geheimnisse des Herzens, seinen Tröster des betrübten Geistes verlangt, den die Poesie allein gewähren kann — zu wessen Harfe flieht das Volk von England, um Mitgefühl und Tröstung zu finden? Wer ist der volkstümlichste Dichter in diesem Lande? — — Der volkstümlichste Dichter in diesem Lande ist der sanfte Sänger Israels. Seit den Tagen des Erbes gab es niemals ein Volk, welches so oft die Oden Davids sang, als das Volk von Großbritannien. — — Abgesehen von seinen bewunderungswürdigen Gesetzen, welche unfern Zustand erheben, und der herrlichen Poesie, die ihn verschönert, abgesehen von seiner heroischen Geschichte, welche uns zum Streben nach politischer Freiheit angefeuert hat, verdanken wir dem hebräischen Volke unsere Erkenntnis des wahren Gottes und der Erlösung von unseren Sünden. — Lord Beaconsfield: „Political Biography of Lord George Bentinck.“ London 1852, und ,,Tancred". * * * „Höre Israel! Adonai, unser Gott, ist einzig; heilig sei sein Name!" Diese hartnäckige Proklamation, dieser durchdringende Ruf ist das ganze Judentum. Dieses Volk hat Gott begründet und doch hat es nie ein Volk gegeben, das sich weniger damit beschäftigt hätte, über Gott zu disputieren, als dieses. Es ist wirklich ein Zug voll viel Vernunft, zur Basis des religiösen Bekenntnisses die Praxis und nicht die Dogmen gemacht zu haben. — - Verpflichtet zu sein, an etwas zu glauben, ist ein wahrer Nonsens, während die größte Formenstrenge mit der vollständigen Denkfreiheit ganz wohl verträglich ist. Das ist die Ursache der philo-