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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-11-24 · 47 (24.11.1905) · p. Seite 658

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
47 (24.11.1905)
Date
1905-11-24
Page
Seite 658 (sequence 6)
Language
German
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Seite 658. Israelitische Wochenschrift. Nr. 47. wegen zu gewissen Verbrechen genötigt seien und ihre heiligen Bücher die schmählichsten Beschimpfungen der christlichen Lehre und ihres Stifters enthielten. Er plaidiert daher für Einziehung der Judenbücher und zwangsweise Anhörung christlicher Bekehrungspredigten. Durch des Kaisers bigotte Schwester Kunigunde wird diese Schrift an höchster Stelle empfohlen und gelehrten Geistlichen zur Begutachtung übergeben. Im Sinne Pfefferkorns entscheiden Victor von Karben, gleichfalls ein antisemitischer Konvertit. In seiner Schrift de vita et moribus indaeorum (Heber Leben und Sltten der Juden) erklärt er den Talmud für den Hauptschuldigen an der ablehnenden Haltung der Juden gegen das Christentum. Daher müssen alle die talmudischen Schriften der Juden genommen werden. An das alte Schriftwort: Gott verwandelte den Fluch Bileams zum Segen, gemahnt es, wenn wir bei Karben lesen: „Wenn man dem ärmsten Juden alle Schätze der Welt gäbe, er würde seinem Glauben nicht entsagen. Auch der Unwissendste würde sich lieber tausendmal verbrennen lassen als den Dreieinigen zu bekennen". Jakob von Hochstraten, der rührige und rücksichtslose Ketzermeffter Cölns kann selbstverständlich die gefährlichen Judenschriften nicht schnell genug beseitigt sehen, ohne seine diesbezügliche Forderung irgendwie sachlich zu begründen. Einzig Reuchlins Gutachten behandelt die Frage wissenschaftlich. Er ist für Erhaltung des Talmuds, weil auch für Christen in diesem Buche viel Gutes und Lehrreiches steht, weil sich Beweise für die Messianität Jesu aus ihm erbringen lassen, und weil vom Standpunkte des Rechts die Kirche nicht befugt sei, die Juden in ihrer Religion, zu deren Ausübung sie sich im Talmud Rat holen, zu beschränken. Die Juden seien keine Ketzer, sondern Mrtbürger des römischen Reiches, die den Schutz der allgemeinen Gesetze genießen müßten. Dieses für die Juden so glänzende Gutachten sucht nun Pfefferkorn in seinem „Handspiegel" dadurch abzuschwächen, daß er ihn für einen durch Judengeld bestochenen Ignoranten erklärt. Reuchlins Antwort: Augenspiegel, eine von Juden viel gekaufte Schrift, enthält neben den tatsächlichen Berichtigungen auch die schöne Mahnung, daß Christen und Juden einander lieben sollen. Inzwischen predigt der lügnerische Renegat in Frankfurt und hetzt die Dominikaner zu immer erneuten Angriffen gegen Reuchlin. Dieser fand einen Bundesgenossen in Franz v. Sikkingen. Als nach einem jahrelangen Prozesse vor dem Papst Reuchlins Streit mit den Dominikanern sich nicht beilegen ließ, bedrohte Franz v. Sikkingen Hochstraten mit Urfehde, wenn er nicht die großen Kosten der Verhandlungen bezahlen würde. Auch Sikkingens Freund Ulrich von Hutten stand Reuchlin zur Seite. Er schrieb die Dunkelmännerbriefe, jene köstüche Parodie auf die unwissenden Pfaffen. Sie erschienen anonym, ohne Ortsangabe, mit der kühnen Fiktion, vom Papst freundlich ausgenommen zu sein, in ergötzlichem Deutsch-Latein mit absichtlich geschmacklosen Bildern und Wendungen auf jeder Seite, und gaben einen wohlgelungene Selbstcharakteristik der Mönche als Sinnenbolde und Tölpel mit vielen treffenden Hohn- und Spottbemerkungen über Ortuin, Pfefferkorn und sein unzüchtiges Weib. Sie hatten einen durchschlagenden Erfolg. Nur wenige waren so naiv, wie jener Prior in Brabant, der seinem Abt eine Anzahl Exemplare kaufte, in der Meinung, die Verherrlichung der Mönche sei ernst gemeint. Erasmus soll bei der Lektüre dieser Schrift so gelacht haben, daß er sich dadurch von einem lästigen Halsgeschwür befreite. Inzwischen erlahmte das Interesse an dem Streit über die Judenbücher. Der Reformationskampf erfüllte die Geister. Griff auch Reuchlin in diese Wirren nicht ein, so war seine Tätigkeit doch einer der Hauptfaktoren, welche die Gedankenumwälzung hervorbrachten. Durch die hebräischen Studien kam man in christlichen Kreisen von der traditionellen kirchlichen Auffassung der Vulgata immer mehr ab und begann den Bibeltext mit eigenen Augen anzusehen. Wir glauben diesen Exkurs nicht besser schließen zu können, als mit den schönen Worten, in denen Wieland Reuchlins Verdienst gefeiert hat: Reuchlin sprach das Machtwort: Komme herauf Toter. Der Tote kam, wie er war, mit den Grabtüchern der Kabbala. Das zweite ungleich leichtere Wort war: Lasset ihn gehn. Das sprachen Reuchlins Nachfolger." Englische Briefe. Heute kann ich Ihnen nichts Englisches schreiben. Die ganze Welt steht hier unter dem Eindruck der russischen Bewegungen — besonders die jüdische Welt. Vorigen Sonntag kam Mr. Elkan Avler aus Petersburg zurück. Er wurde von verschiedenen Seiten sofort um Nachrichten über die russischen Juden angegangen. Vor seiner Abreise aus der Newastadt hatte er eine Unterredung mit Witte über die russisch-jüdische Frage. Witte teilte ihm mit, was man sich im Voraus denken konnte. Die Schwierigkeiten, unter denen die Juden leiden, sagte er, werden nach und nach beseitigt werden. Eine plötzliche Gleichstellung der Juden würde einen ebenso plötzlichen Rückschlag Hervorrufen. Der Antrag der amerikanischen Juden auf sofortige Beseitigung aller Unterschiede sei darum augenblicklich unerfüllbar. Witte betonte, er sei bekanntlich stets ein Judenfreund gewesen, er hätte schon vor Jahren mit Kühnheit für ihre Rechte mit hervorragenden Personen gekämpft. An seinem Ehrgeiz, Rußlands Wiederhersteller zu sein, möge niemand zweifeln. Das wußte man schon. Witte kennt auch das Mißtrauen der Welt gegen ihn. Man hat ein gutes Gedächtnis für seine Vergangenheit. Mag an seinen Worten auch manches Wahre sein — Rußlands Heil liegt heute nur in einem entschiedenen Mann, und das ist Witte nicht. Newyork und London ist in dieser Zeit wie eine Stadt. Trotzdem Roosevelt jedes Eingreifen in die inneren Verhältnisse Rußlands abgelehnt hat, will man doch von verschiedenen Staaten der United States eine Abordnung nach Washington senden, dort vor dem Weißen Hause eine Massendemonstration abhalten, um das Eingreifen Roosevelts in die russischen Gräuel zu veranlassen. Außerdem wollen viele, daß man die Juden der Union zu einer Spende von 10 pCt. ihres Monatseinkommens für die Witwen und Waisen in Rußland anrege. Hier sind wir beständig in Meetings. Die English Zionist Federation hielt Sonntag Abend ein Protest-Meeting ab. Eme Versammlung der Social Democratic Federation hat auf dem Trafalgar Square eine Kundgebung des Mitleids und der Teilnahme „mit den russischen Arbeitern in ihrem Kampf gegen Beamtenwlllkür und Gewaltherrschaft" stattgehabt. Die „Freunde der russischen Freiheit" drückten ihren Abscheu gegen die an friedlichen Bürgern, besonders auch an Juden verübten Greuel aus, gegen die von der Polizei gedungenen und bewaffneten Massenmörder, die durch die Regierungen und die Heeresleitungen unterstützt worden sind. Zu gleichem Zweck versammelte man sich Donnerstag in Queens Hall. So könnte ich Ihnen noch sehr viele solche Veranstaltungen nennen.

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