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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1905-01-01 · No. 22. (1905) · p. Seite 87

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
29 (1905)
Issue
No. 22. (1905)
Date
1905-01-01
Page
Seite 87 (sequence 3)
Language
German
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87 die alten Teile 1 und 3 5—!0 gestellt, daß er wahrscheinlich, 41—4 mit angefügt hat, da es sich nachweisen ließ, daß er auch die Anreihung von 45—58 bewirkt hat. (Fortsetzung folgt.) Neue Schriften von Dr. Hoffmann. Das Buch Levitikus, übersetzt und erklärt von Dr. Hoffmann. Erster Halbband. Lev. I—XVII. Berlin. Poppelauer. 1905. VIII und 478 Seiten. 6 Mk. Mechiltha de Rabbi Simon ben Jochai, ein halachischer und hagadischer Midrasch zu Exodus etc. von Dr. Hoffmann. XVI und 180 Seiten. (Der Preis ist nicht angegeben). Frankfurt. Kaufmann. 1905. (Schluß). Nur das wollte ich durch Vorstehendes (nachdem ich den Einzelheiten . des Buches in der ״Jüdischen Presse“ gerecht geworden) ausdrücken, daß mir das Buch im ganzen und einzelnen eine Festigung geboten hat, sowohl bezüglich der Doppelarbeit in Bibel und Talmud, als auch bezüglich des genauen Blickes auf die Bibel forschung hin. Hat dies Buch, soviel es rühmlich genannt wird, in unserer Mitte Schule gemacht? Die Mechiltha des R. Simon ben Jochai, welche Dr. Hoffmann herausgegeben hat, ist, wie wir schon früher gesagt, der Schlußpunkt einer Reihe von vorausgegangenen Arbeiten. Die Grundlage der Arbeit ist der aus dem Orient stammende Midrasch Haggadol, der vielfach handschriftlich vorhanden ist. Schechter hat in der Einleitung zu seiner Ausgabe von Aboth d. R. Nathan die Forscher auf diesen Midrasch hingewiesen. Im Jahre 1889 erschien als Breslauer Seminarprogramm Levys ״Ein Wort über die Mechiltha des R. Simon.“ Dort wurde der Nachweis geführt, daß dieser Midrasch der Schule Simons nicht mehr als für uns verloren gelten kann, da die meisten daraus stammenden Stücke sich im Midrasch Haggadol finden. Der unbekannte Sammler derselben scheint denn auch nicht unsere Mechiltha des R. Ismael, sondern nur die des Rabbi Simon vor sich gehabt zu haben. Allerdings fand Dr. Hoffmann nach genauerem Einblick, daß der Midrasch Haggadol auch Sätze aus der Mechiltha des R. Ismael enthalte. Demnach hat der Sammler des Midrasch Haggadol doch einiges aus R. Ismaels Mechiltha genommen, oder, bei der gleichen Grundlage beider Midraschim das Wahrscheinlichere, jene Mechiltha enthielt von vorn herein vieles von Rabbi Ismael. Im Midrasch Haggadol findet sich manches wörtlich aus Maimunis Mischne Thora. Somit ist der Abschluß des Werkes erst nach Maimuni vor sich gegangen. Der Sammler hat, wie Dr. Hoffmann erkannt hat, die Baraithot nicht genau wiedergegeben, sondern manche Aenderungen und Verkürzungen mit ihnen vorgenommen. Als Dr. Hoffmann nach jahrelangem Veröffentlichen einzelner Abschnitte daran ging, das Ganze herauszugeben, ist es ihm durch die Einsicht in Handschriften, die Schechter ihm zur Verfügung gestellt, gelungen, die Mechiltha R. Simon ben Jochais, so weit es in der Hand eines Herausgebers liegt, genau wiederzugeben. Es galt, durch Vergleichen der verschiedenen Quellen (auch die Alten haben schon diese Mechiltha angeführt) den Befund der Mechiltha festzustellen; außerdem die ersichtlichen Fehler, die durch Aenderungen und Verkürzungen entstanden sind, möglichst zu beseitigen. Dagegen hat sich Dr. Hoffmann nicht die Aufgabe gestellt, alle Unterschiede der Schreibweise festzühalten. Und mit Recht. Sobald sich der Herausgeber ein solches Ziel stellt, wird aus der großzügigen Arbeit eine kleinliche, und unter der erdrückenden Last dieser Winzigkeiten verliert man die Hauptaufgabe aus den Augen. Der Leser, der bei so wichtigen Werken unter dem Striche Aufklärung über schwierige Stellen oder über die Quellen sucht, fühlt sich enttäuscht, wenn er nach unten blickt und dort findet, daß irgend eine Lesemutter in einer Handschrift vorhanden ist oder fehlt, wogegen die Erklärung der Hauptsache vergebens gesucht wird. So entstehen denn Ausgaben, zu denen besondere Sachkenntnis entbehrlich ist, ja, als altfränkisch, als fachsimple isch ange3ehen wird. Und dabei kann von einem förderlichen Einfluß dieser Kleinmeisterei auf die Wissenschaft n'cht gesprochen werden. Wo von alten Texten die Rede ist, die aus der Tannaitenzeit oder der ersten Amoräerzeit ihre Grundlage haben, kann durch die Schreibweise uns ja nur die besondere Art des Abschreibers, im besten Falle (wenn er genau, wie unsere Herausgeber es tun müssen, Buchstabe um Buchstabe nachgemalt) die Eigentümlichkeit seiner Vorlagen sich zeigen. Wie ist es aber möglich, von diesen Dingen aus einen Schluß auf die Echtheit oder Unechtheit der Quellen zu ziehen oder auf deren Umfang? Daraus ergibt sich schon, daß die Herausgabe von ahen Texten, wenn sie nicht an Wert der Mechiltha des Rabbi Simon gleichen, wenn diese Texte schon in unseren Talmuden und Midraschim vorhanden sind und die Herausgabe nur ein Hervorkehren winziger Nebenzüge abzweckt, in denen diese Texte etwas Neues bieten sollen, einen Einfluß auf die Wissenschaft nicht einmal im Kleinen, geschweige denn im Großen ausübt. Der Geschichte der Schreibkunst, des Buches mögen diese Dinge dienen; dann haben sie sich aber bescheiden im Hintergründe zu halten, und man darf nicht vorgeben, es könnten keine Hauptarbeiten vorgenommen werden, ehe nicht diese Winzigkeiten unter Schloß und Riegel gebracht sind. Unter Schloß und Riegel fristen sie denn auch ihr Dasein. Sie sind weder die Vorbereitungen wichtiger und grundlegender Arbeiten (weshalb sie die Zukunft begründen sollen), noch sind sie diese Grundarbeiten selbst. Sie rücken den unbekannten Stoff‘, sein Werden und seine Anordnung, uns nicht im geringsten näher, wohl aber dienen sie trefflich dem Zwecke, wichtige, den Gedanken und sein Werden selbst betreffende Arbeiten als verfrüht in den Hintergrund zu drängen. Wenn zu diesen Arbeiten aber einmal die Zeit herangekommen sein wird — wo wird dann die Kenntnis der auf unsern Bücherbrettern stehenden Folianten zu suchen sein? Jedes mit Bibel und Talmud auch nur entfernt zusammenhängende Buch, das veröffentlicht wird, müßte zugleich in der Erklärung (nach Art unserer Alten) ein Fortschritt des Gedankens sein. Ohne dies sind die Arbeiten tot und wirken nicht in den Punkten, welche die Hauptsache ausmachen. Der Umstand, daß Dr. Hoffmann nur an einigen Stellen auf diese Dinge hingewiesen und sie im ganzen als Nebensache außer acht gelassen hat, veranlaßte uns dazu, diese Bemerkung hier anzufügen. Auch aus dem, was Dr. Hoffmann nicht tut, kann man lernen. Die Gesamtarbeit, die dieser Mechiltha zur Voraussetzung dient, ist eine im höchsten Grade schöpferische, denn sie schafft uns ein Werk, das in seinen Einzelheiten durch ordnende und sichtende Geistesarbeit, durch Belauschen des vorzeitlichen sprachlichen und wissenschaftlichen Geistes der Tannaitenschulen und durch eingehendste Prüfung der späteren Sammelarbeit erst vor unseren Augen entstehen mußte. Und welche Vorsicht mußte bei etwaigen Verbesserungen angewandt werden! So z. B. S. 140 Anm. 30, wo נןק statt קנס stehen müßte. Aber viermal hintereinander diese Aenderung vorzunehmen, das müssen wir schon den neuzeitlichen Bibelverbesserern überlassen. Da findet sich Keth. 10 a eine Stelle, wo תקנה auch קנס genannt wird, so daß auch hier נזקי ממון den gleichen Namen haben können. Zwei und eine viertel Reihe die ganze Bemerkung! Und doch — welche wissenschaftliche Vorsicht, und durch diese Vorsicht — welcher Fernblick auf weite und wichtige halachische Gebiete! Solche Bemerkungen finden sich sehr zahlreich in der Erklärung — da werden mit Recht Unterschiede der Schreibart aus der ganzen Behandlung ausgeschlossen — sie haben in einer solchen Arbeit keinen Raum. Möge das schöne Werk, das so wuchtige Gebiete berührt, anregend auf die Talmudforschung im Großen wirken und Großzügigkeit in die Bestrebungen hineinbringen, die dem heiligen Gegenstände geweiht sind!

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