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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1905-01-01 · No. 22. (1905) · p. Seite 88

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
29 (1905)
Issue
No. 22. (1905)
Date
1905-01-01
Page
Seite 88 (sequence 4)
Language
German
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Der Mechiltha R. Ismaels gegenüber ist das vorliegende Werk das reichhaltigere und darum das Jüngere. Während die alte Mechiltha mit dem Hachodesch-Abschnitt beginnt, fängt die Mechiltha R. Simon ben Jochais mit der Erzählung von Alosis Berufung am Horeb an. Die Pethichatha von Hachodesch zeigt auch in der Anlage manche Unterschiede von der Mechiltha R Ismaels. Es ist das ein Beweis dafür, daß die Ordnung des Ganzen durch spätere Erweiterungen nicht wesentlich verändert wird, wenn auch Umstellungen im Kleinen in Masse Vorkommen. So liegt hier beiden Mechilthas ein Grundstock von Satzungen und Deutungen zugrunde, der sich genauer wird erkennen lassen, wenn man die gleichen Bestandteile und Zusämmenhänge in beiden Werken aufsucht. Gerade die Verschiedenheiten lassen uns die weitere Entwicklung erkennen. So haben Mischna und Tossesta jede ihre eigene gleichberechtigte Ordnung, die ja nicht gestört werden darf, wenn man sich nicht eines Hauptmittels der Forschung berauben will. Und diese Verschiedenheiten weisen wieder auf die alte, beiden Sammlungen zugrunde liegende OrdnuDg hin, die sich genau herausfinden läßt. Indem die Mechiltha des R. Simon von der Erscheinung des Dornbuschs ausgeht, bestätigt sie, was wir in den ״Semitic Studies“ (Calvary) über die Hagada in der Mechiltha ausgesprochen, daß dieselbe den Freiheitsbestrebungen nach dem Falle des Tempels bis zum Barkochbahkriege entspringt. Jene Horebserscheinung war der Anfang der Freiheit Israels. Die ״jüdisch-literarische Gesellschaft“ hat sich durch die Unterstützung dieser Arbeit wieder als zielbewußt auf die Haupt- Sachen hinstrebend bewährt. Mit diesem Werke wird von neuem das tannaitische Geistesleben beleuchtet werden können, wie es uns in Talmud und Midraschim vorliegt. D. Dr. Eduard König, Professor der Theologie in Bonn. Der ältere Prophetisraus. Runge, Groß- Lichterfelde, 1905. 46 S. 50 Pf. Professor König kennt keine hergebrachte Unterwürfigkeit irgend ־welchen Geistesströmungen gegenüber, wenn deren Beglaubigungsbrief vorzugsweise in dem Umstande liegt, daß sie allgemein anerkannt sind oder scheinen. Er läßt sich das Recht wissenschaftlichen Prüfens nicht nehmen. Und wäre der Posten auch ein verlorener — ein solcher läßt sich wiedergewinnen. Es gilt nur, die Oberfläche, die sich über den Irrtum gelegt hat, abzutragen und zu zeigen, daß dieser nicht die Grundlage ist, sondern daß er selbst als Schutt über die Wahrheit geworfen worden ist und diese verhüllt hat. AVer die Erörterung liebt, wer sie mit Aristopheles und Lessing als unentbehrliches Mittel der Erkenntnis ansieht, wem sie nicht als lästige Störerin erscheint, der findet bei König seine Rechnung. Es gibt kaum eine Königsche Schrift ohne Erörterung, ohne geistigen Kampf. Auch in seiner jüngsten Arbeit über den Prophetismus steht König als Kämpfer für die Eigenart dieser Erscheinung israelitischen Glaubenslebens da. Israel soll geistig nur ein babylonisches Dorf sein; seine Arnos und Jeremia sind nach Winkler Geschichtsträger eines Ahas oder assyrischer und babylonischer Machtbestrebungen. Die sogenannten falschen Propheten des Alten Testaments werden von der AVissenschaft als gleichberechtigte Gottesdiener angesehen, und wenn wir in die ATorzeit zurückgehen, so ist die Erregtheit tanzender Derwische das gemeinsame Kennzeichen alles Prophetentums. Königs Gegenfragen lauten: Jedem Volke auf Erden gibt man seine Wahrsager zu — nur Israel soll keine eigenen Verkünder der Zukunft gehabt haben und dieselben den Kanaanitern und neuerdings den Babyloniern haben entlehnen müssen? In allen Teilen der Bibel zeigt sich erbitterter Kampf gegen das Götzentum, und dessen Hauptwerkzeuge, die Hauptwaffen gegen Baal und Astarte soll man gerade Israel als eigenes Ergebnis nicht zugestehen? Die Seher Israels fühlen sich selbst weit abstehend von ihren anderen Genossen, und sie sollten zu irgend einer Zeit mit denselben auf einer Stufe gestanden .haben? Sie berufen sich nie auf einander, sondern stets auf den göttlichen Auftrag — und sie sollten sich aus anderen Voraussetzungen entwickelt haben? Es sind das tiefgehende Fragen, die man nur deshalb heute so selten stellt, weil das, was vor wenig Jahrzehnten noch neue und bestrittene AVahrheit gewesen, durch des Jahres heiligende Kraft zur Ehrwürdigkeit gelangt ist. König stellt das Prophetentum vor Arnos und Josua dar, wie es sich in den Priestern, Herrschern und Sehern des alten Israels zeigt. Ihre Geschichte tut uns dar, von wie verschiedenen Punkten aus sie ihre Wirksamkeit für die Befestigung der Gottesherrschaft und des sittlichen Gedankens zu entfalten hatten. Die Herrscher durch Gestaltung der Verhältnisse, die Priester und Seher durch Einwirkung auf Gefühle und Gedankenwelt. Zur besseren Erkenntnis des Prophetentums hat man, wie König dartut, den Unterschied zwischen den verschiedenen Abstufungen der daran Beteiligten zu wenig im Auge behalten. Es gab Prophetenschulen, also Lehrer und Schüler, gewissermaßen Oberpropheten und solche, die ihnen an Berechtigung und Kraft nicht glichen. Die Stellung der Nasiräer zum Prophetentum (Simson, Samuel, Rehabiten) wird in tiefgehender AVeise dargetan. Samuel im Kampfe mit Saul, Elia und Elisa treten in scharfer Zeichnung vor unser Auge, König übergeht keinen der sogenannten wunden Punkte, und so tritt hier ein reiches Geschichtsbild vor unser Auge, ohne daß der Bibel Gewalt angetan und ohne daß ein fremder Gast in sie hineingezerrt wird. Als tiefer Kenner der Gesetze, nach denen Gedanken wirken, ist ihm bei seinem Kampfe für den Geist der Bibel doch auch die Wichtigkeit der Frage aufgestiegen, wie es denn mit den Wundern der Bibel und demnach mit den Erzählungen aus dem Leben eines Elia und Elisa sei? Bei solchen Bestandteilen der Bibel gibt es bekanntlich nur ein Annehmen und ein Abweisen. Gebe ich die Möglichkeit zu, daß nur ein Wunder natürlich gedeutet oder geleugnet werden kann, so ist die Möglichkeit da, daß alle geleugnet werden. Ist es möglich, daß ein Wunder zugegeben wird, so können alle zugegeben werden und demnach auch das Wunder der Wort- und Buchstabenoffenbarung. Erörterung und Forschung gibt es nur auf dem Boden diesseitiger Verhältnisse. Mein wissenschaftlicher Gegner braucht mir auf die Gebiete des Ueberirdischen und Wunderbaren nicht zu folgen und kann von mir verlangen, daß ich mit ihm in der Welt des Erklärliehen bleibe. Und dabei ist das Unerklärliche doch die Welt des Glaubens, und es kann aus der Bibel so wenig wie aus der Welt hinausgewiesen werden. König hat in der Berührung dieses Punktes wiederum gezeigt, daß es für ihn kein noli re tangere gibt und daß sein festes Zugreifen in die gefährlichsten Gebiete hinein ihn gerade zum berechtigten Vertreter des Geistes und Glaubens zugleich macht. Bemerken will ich noch, daß m. E. nach Gehasi deshalb von einer so strengen Strafe ereilt wird, weil er überhaupt von Menschen etwas annimmt und weil er lügt. Beides kennzeichnet den Lügenpropheten. Der wahre Prophet kann sich nur durch Entsagungund NüchternheitvonEntartungfernhalten. Die ״biblischen Zeit- und Streitfragen“, zu denen vorliegende Schrift gehört, vermitteln den Gebildeten, nicht den Fachmännern, die Fragen der Bibel in der Forscherwelt. Hätten wir doch für die Fachmänner ein solches Unternehmen in unserer Mitte geschaffen! Erst die Fachmänner, dann die Gebildeten! Dem Verfasser selbst unsern innigen Dank für das von ihm gebotene Vorbild, Gegenstände der Studierstube in packender und gründlicher Weise weiteren Kreisen zu vermitteln. Predigtumrissea חיי שרה (Neumondsverkündigung). Oefters im Midrasch: Elieser, dem Diener Abrahams, sprang das Land entgegen, so daß er sofort in Haran war. Rebekka kamen die Gewässer des Brunnens entgegen, woran Elieser sie als Verwandte Abrahams erkannte: Liebe zur Sache beseitigt Entfernungen und Hindernisse, bringt das Entfernte in die Nähe und läßt uns stets die Mittel finden, andere zu erquicken und zu erfreuen. (Nun die Kehrseite behandeln!) _ Inhalt der Nummer 22. Wissenschaftliche Aufsätze: Einiges über Mischnaforschung. Von Rabbiner Dr. L. A. Rosenthal, Preußisch Stargard. (Fortsetzung.) — Neue Schriften von Dr. Hoffmann. (Schluß.) — D. Dr. Eduard König: Der ältere Prophetismus. — _Predigtumrisse. _ Verantwortlicher Redakteur: Rabbiner Dr. L. A. Rosenthal in Preußisch Stargard. Druck von "Arthur Scholem, Berlin.

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