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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-11-24 · 47 (24.11.1905) · p. Seite 657

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
47 (24.11.1905)
Date
1905-11-24
Page
Seite 657 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 47. Israelitische Wochenschrift. Seite 657. Länderkunde — Orchot Olam an. Die neuen Entdeckungen brachten damals auf dem Gebiete der Geographie einen ungeahnten Aufschwung hervor. Einleitend zeigt er, daß auch die Thora den Wert der geographischen Forschung zu schätzen wisse, indem sie sorgfältig die Grenzen des Heiligen Landes verzeichnet und auch sonst die erdkundlichen Tatsachen mit aller nur wünschenswerten Genauigkeit angibt. Das Paradies, das das 2. Kapitel der Bibel schildert, sei kein Phantasiegebilde und auch nicht im Himmelreich zu suchen, sondern es liege auf Erden, wie ja die Bibel genau die Flüsse, die es durchziehen, angibt: Ein Vorgänger Friedrich Delitzsch's: Wo liegt das Paradies? Vor dem Herzog hält er Religionsgespräche mit gelehrten Mönchen. In seinen Magen Abraham haben wir den literarischen Niederschlag dieser Disputationen. Bleibenden Wert hat sein Nachweis von der Bibelwidrigkeit einzelner kirchlicher Dogmen, wie Dreieinigkeit, Erbsünde, Menschwerdung Gottes u. a. Lesenswürdig ist auch seine eingehende Verteidigung der Juden gegen den schweren Vorwurf wucherischer Ausbeutung. Hier hat er im Kampfe für Israels Freiheit zwei Größeren tüchtige Waffen geboten: Manaffe ben Israel und Moses Mendelsohn. * * Ein anderer durch judenfreundliche Gesinnung ausgezeichneter Gelehrter Ferraras war Celio Calgagnini, der vor Copernikus die Tatsache der Erdbewegung lehrte und in seinem Freimut sogar eine Kritik Ciceros, des damaligen Stilideals, wagte und frei von dem italienischen Vorurteil, das in den Deutschen Tölpel sah, die Berufung eines deutschen Professors namens Ziegler nach Ferrara durchsetzt. Celio protegierte auch Juden und bei der Promotion eines gewissen Rüben bekennt er vor versammelter Hörerschaft: „Die Wissenschaft kenne keinen Unterschied zwischen Juden und Christen", ein Ausspruch, gegen den die Unduldsamkeit auch heute noch Front macht. Solche Gesinnung war bei den aufgeklärten Renaissancemenschen keineswegs allgemein. Johann Trithemius „der Magus des Südens", ein alchimistischer Schwarzkünstler und schamloser Geschichtsfälscher, beschuldigt die Juden des Ritualmordes und wagt Belege dafür aus einer Quelle zu erbringen, die ausdrücklich bemerkt, daß der Kaiser trotz eingehender Untersuchung die Beschuldigung der Juden nicht für begründet befunden hätte. Er gehört in die Linie der pseudo-wissenschaftlichen Judenhetzer, die mit Maneto—Apion begann und mit Düring—Lagarde—Treitschke nicht endigte. Schließlich muß auch er — widerwillig, wie in der talmudischen Sage der Engel des Bösen — zugeben, daß die Hauptquelle des Judenhasses die Habgier des Pöbels sei, der sich am Besitz der Juden bereichern möchte. In der Gehässigkeit gegen Israel ist mit ihm Nicolaus von Cusa zu vergleichen, der ihn sonst um Haupteslänge als Denker überragt. Dieser Kardinal war ein gründlicher Kenner der Philosophie, ein gedankentiefer und origineller Mystiker, ein gelehrter Astronom, der die Erdachsendrehung entdeckte und den Kalender verbesserte. Auch in seiner Abneigung gegen das Judentum war er nicht ohne Sonderbarkeit. Sie sollten unter Beibehaltung ihrer Sonderbräuche das Dreieinigkeits- Dogma annehmen, also Judenchristen werden, wie die in Rußland vor ca. 30 Jahren durch Rabbinowitsch gestiftete Sekte. Natürlichfand Nicolaus v. Cusa mit^seinem Vorschlag bei den Juden wenig Anklang. Aus Rache verlangt er auf dem Provinzial-Konzil zu Bamberg sorgsame Befolgung der Judenabzeichenordnung. Die Männer sollten einen roten runden Fleck auf der Brust, die Frauen einen blauen Streifen am Kopfbund tragen. Er wollte Israel zu einem Pariavolk stempeln und verdankte doch jüdischen Philosophen so manche Anregung. So beruft er sich auf eine Lehre des Maimonides, die wie Guttmann in seiner Schrift über die Scholastik versichert, auch sonst in der Frührenaiffance großen Eindruck gemacht hatte: Nur sittliche Attribute dürfen von Gott angenommen und unterschieden werden. Von Gottes Wesen und Wegen darf uns nur das interessieren, was wir für unser Sittlichkeitsstreben brauchen. -i- -i- * In die Kreise der deutschen Humanisten führt uns Reuchlin, dessen Name zuerst genannt zu werden pflegt, wenn von den Beziehungen der Humanisten zum Judentum die Rede ist. Ihn hatten jüdische Lehrer, der kaiserliche Leibarzt Jakob Coan und der römische Bibelerklärer Obadja Sforno, im Hebräischen unterwiesen Seine hebräische Elementargrammatik rudimenta hebraica folgte tm wesentlichen dem Kimchi'schen Grundriß. Reuchlin, der in seinem hebräischen Lehrbuch ein Monument dauernder als Erz und Stein aufgeführt zu haben glaubte, sieht die Wichtigkeit der hebräischen Sprache für die richtige Erkenntnis der Bibel. Dem oft irrigen Vulgatatext stellt er die „hebräische Wahrheit" gegenüber: „Soll ich leben, so muß die hebräische Sprache herfür, mit Gottes Hülse, sterb' ich dann, so Hab' ich doch einen Anfang gemacht." Von christlichen Kennern des Hebräischen förderten ihn durch seine Bücher vor allen der Jngolstädter Professor Petrus Schwarz, der 14/3 Bekehrungspredigten im Regensburger Judenviertel ohne E'folg gehalten hatte, und dann einen tractatu8 ad iudaeorum extirpandam perfidiam (erstes gedrucktes Buch mit hebräischem Alphabet in Quadratschrift und mit Angabe ihres Lautwertes) und dann als Beigabe zu seinem Chochaf hameschiach (der Stern des Messias) eine hebräische Leselehre hatte drucken lassen, die auf die Aussprache der deutschen Juden besondere Rücksicht nimmt. Wie seine christlichen Vorgänger benutzt Reuchlin seine hebräischen Kenntnisse zu kabbalistischen Studien. In seinem de verbo mirifico (über den wunderbaren, unaussprechlichen Gottesnamen) singt er das Lob der hebräischen Sprache: die Sprache der Hebräer ist einfach, unverdorben heilig, kurz und fest, in welcher Gott mit den Menschen wie ein Freund mit Freunden spricht. Sein Buch de cabbalistica arte berührt die Frage der Entstehung der Kabbala, die schon Del Medigo behandelt hatte und kennt neupythagoreische und neuplatonische Einflüsse an, eine Forschung, die erst im 19. Jahrhundert von Frank, Jellinek, Joel wieder ausgenommen und weitergeführt wurde. Für eine rationelle Bibelauslegung fehlt ihm der Sinn. Kritiklos wendet er die spielende Deutungsweise der Mystik auf die biblischen Bücher an, um Beweise für die Wahrheiten der christlichen Dogmatik zu finden. So zeigt ihm schon das zweite hebräische Wort der heiligen Schrift &OD in seinen drei Buchstaben (schuf) die Dreieinigkeit: 2 — p Sohn “i=nn Geist, Gott, also Vater, Sohn und heiliger Geist. Aus seinen friedlichen kabbalistischen Träumen wurde er durch einen Streit herausgerissen, der seinen Namen zu einem Parteiprogramm machen sollte. Der ehemalige jüdische Metzger Pfefferkorn, der sich der Bestrafung seiner Diebereien durch die Taufe zu entziehen wußte, beschuldigte in einer von glühendem Haß gegen seine früheren Glaubensgenossen erfüllten Hetzschrift „Judenspiegel" die Juden, daß sie von Religions-

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