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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-11-24 · 47 (24.11.1905) · p. Seite 656

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
47 (24.11.1905)
Date
1905-11-24
Page
Seite 656 (sequence 4)
Language
German
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Seite 656. Israelitische Wochenschrift. Nr. 47. einer Zeit stattgefunden hat, da man von Humanität noch wenig wußte, daß die Pariser Schreckensherrschaft sich doch in der Hauptsache auf Paris beschränkte und daß die Türken Mohamedaner und nicht Christen sind. In Rußland wird diese Mordwirtschaft im zwanzigsten Jahrhundert von christlichen Hütern der Ordnung geduldet, gefördert, inszeniert und im allergrößten Maßstabe durchgeführt. Und nun kommt das Erstaunlichste, das Unheimlichste, das Unwürdigste, und das haben wir bei den deutschen Antisemiten, bei denjenigen der „Kreuzztg." und denjenigen der sich jetzt arisch geberdenden „Staatsbürgerztg." zu suchen. Die „Staatsbürgerztg." spricht von Judenverfolgungen in Anführungszeichen. Die haarsträubenden Metzeleien, über die Kannibalen erröten würden, scheinen ihr nur Neckereien zu sein, die man sich einer „inferioren Rasse" gegenüber schon erlauben dürfe, auch wenn man zum allerniedrigsten und vertiertesten Pöbel gehört. „Diese „Judenverfolgungen", schreibt sie, sind dahin zu verstehen, daß das zur Besinnung gekommene am Zaren hängende Volk sich gegen seine Verführer auflehnt." Am folgenden Tage ist sie noch deutlicher und findet, daß die Bewegung sich naturgemäß gegen die Kreise, die den Aufruhr zum größten Teil in Szene gesetzt haben, gegen die Juden, richtet. Sie macht Witte den Vorwurf, daß er nicht früher gegen die Juden vorgegangen sei, und sie bezeichnet die jetzige Bewegung gegen die Juden als eine Revolution des zur Vernunft gekommenen national-russischen Volkes gegen seine Verführer. Also natürlich und vernünftig ist nach dem arisch-antisemitischen Blatte das, was eine Welt verabscheut. Dabei vergißt das Blatt, daß der national-russische, am Zaren hängende Pöbel auch ebenso die Intelligenz bekämpft und bei der Blutarbeit keinen Unterschied macht zwischen Juden und Studenten. Zur Ehre der „Staatsbürgerztg." muß bemerkt werden, daß sie zu ihrer Roheit sich erst ermutigt gefühlt hat, nachdem ihr die „Kreuzztg.", das Organ des preußischen Junkertums, mit ähnlicher Weisheit vorangegangen ist. „Wenn sich eine Gegenrevolution erhebt", schreibt die „Kreuzztg.", „hat sie etwa keinen Anlaß, in den Juden die Führer der Revolution, also der das Land ruinierenden Streiks, Straßenkämpfe und Bombenattentate zu erblicken und sie in erster Linie zur Verantwortung zu ziehen?" Den Beweis, daß die Juden alles das verschuldet haben, was in letzter Zeit von einem Ende bis zum andern in dem russischen Riesenreich vorgegangen ist, bleibt sie ebenso schuldig, wie die „Staatsbürgerztg.". Hätten die Juden eine so gewaltige Macht, notabene die armen, die gedrückten, die eingepferchten Juden in Rußland, so ungeheuerliches zu vollbringen, dann wäre es fast staalsmännische Weisheit, mit einer Macht, die ein so kolossales Reich in allen seinen Grundfesten erschüttern kann, sich aufs engste zu befreunden, wie die staatsmännische Weisheit Englands sich schleunigst mit der Macht befreundet hat, die das verhältnismäßig Leichtere, die Niederwerfung der russischen Militär- und Seemacht, zuwege gebracht hat. Aber die Juden besitzen diese Macht nicht. Die Bewegung, die von Finland bis zum Kaukasus sich erstreckt und die ganze russische „Intelligenz" ergriffen hat, ist erklärlich genug auch ohne die „jüdische Anführerschaft". Daß die Juden als die gequälteste unter den russischen Völkerschaften, an der Bewegung lebhaften Anteil genommen haben, ist nur natürlich. Sie verdienten kein besseres als ihr bisheriges Schicksal, wenn sie, wo alles haßte, nicht mitgehaßt hätten, wenn sie, wo Professoren, Dichter, Fürsten und Völker sich gegen den unerträglichen Druck und das empörende Willkürregiment auflehnten. sich nicht mit aufgelehnt und-mit Wort und Tat für ihre Befreiung mitgewirkr hätten. Sie vor allen mußten sogar mit Partei ergreifen in dem Streit, der zwischen Volk und Willkürherrschaft sich entsponnen hat. Die „Kreuzztg." behauptet, das Mißtrauen gegen Witte stamme zum großen Teil aus seiner engen Verbindung mit dem Judentum. Aber gerade die Juden haben bisher Witte am meisten mißtraut. In Amerika haben die Juden es den jüdischen Notabeln nicht wenig übel genommen, daß sie Witte um Vermittlung angegangen waren. Sie hatten sogar öffentlich dagegen demonstriert. Von Witte kann höchstens gesagt werden, daß er als ein kluger Mann die Dinge richtig beurteilt und vielleicht gegen seme Neigung den Juden Gerechtigkeit jetzt widerfahren lassen will, weil er es für das Klügste und Beste hält. Die „Kreuzztg." vergißt auch ganz und gar, daß sie Stellung nimmt gegen die offizielle Regierung, gegen dem Kaiser Rußlands, denn, die jetzt die Judenhetze in Rußland veranstalten, sind ja die eigentlichen Revolutionäre, die nicht tun, was ihnen der vom Zaren ernannte Mmisterpräsident Witte befiehlt. Wüte verabscheut ja, wie er an den amerikanischen Bankier Jakob Schiff telegraphiert hat, die Judenhetzen, und er klagt, daß er den Lokalbehörden gegenüber machtlos sei. Die „Kreuzztg." kann also als das Organ der jetzigen russischen Rebellen betrachtet werden; so weit hat sie ihr Antisemitismus heruntergebracht. Der Straßenpöbel, der in Moskau, Odessa, Kiew, Riga, Minsk, Kischinew sengt, raubt und mordet, ist verständlich; that is the nature of the animal. Zudem wird er behördlich bezahlt, verkleidet, belohnt. Selbst die rebellierenden und Schlächtereien veranstaltenden Behörden lassen sich begreifen. Sie wollen die Macht, die sie bis dahin gehabt, und die sie vortrefflich für ihre Tasche zu benutzen verstanden haben, nicht ohne Kampf niederlegen. Sie mögen hoffen, auf diese Weise schließlich doch noch ihre Macht und ihre unlauteren Einnahmequellen zu behaupten, und im schlimmsten Fall hat die Judenschaft gezittert, als das Willkürregiment bestand, dann soll sie auch zittern wenn es untergeht. Aehnliches läßt Körner im „Zriny" zwar einen türkischen Sultan sprechen, aber die modernen russischen Paschas stehen den grausamsten Türken der Vergangenheit in nichts nach. Daß jedoch gänzlich unbeteiligte, an politischen Blättern in der deutschen Reichshauptstadt schreibende menschliche Wesen, daß die Redaktion des für die Aristokrane Preußens bestimmten Organs Sympathien mit den entsetzlichen Judenschlächtereien in Rußland zu äußern wagen darf, ohne befürchten zu müssen, daß jeder Leser mit einem „Pfui Teufel" das Blatt zurückschrckt, das ist das Traurigste. Rkimiffaille-Menschen uittr Juden. Von Kreisrabbiner Dr. Beermann-Jnsterburg. (Schluß) Auch in Ferrara gelang es jüdischen Gelehrten, die fördernde Unterstützung christlicher Wissenschaftsfreunde zu finden, sogar an dem Herzog E'colo d'Cste von Ferrara, den der Papst rnereatante, den kleinlichen Krämer nannte, fand ein Jude einen Gönner. Es war dies Abraham Farissol aus Avignon. Die Not hatte ihn aus seiner Heimat getrieben. In Ferrara verdiente er sich als Abschreiber und Vorbeter einen kärglichen Unterhalt. Sein christlicher Umgang und der Verkehr am Hofe regten ihn zur Abfassung einer hebräischen

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