Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 46 (17.11.1905)
- Date
- 1905-11-17
- Page
- Seite 650 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9606364-9607037--9701-9607051- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 650 Israelitische Wochenschrift. Nr. 46 Feuilleton, beb Ageuner. Von Babette Fried. „Was ist's mit dem Wagen? Er fällt ja," rief ich erschreckt aus, und sprang von der niederen Kutsche herunter. Mein Kutscher, gleichzeitig mein Cicerone und Dolmetsch während meines Aufenthalts in Jassy, ein Glaubensgenosse, tröstete mich. „Der Nagel aus der Achse ist herausgefallen, kommen Sie die wenigen Schritte mit mir zur Schmiede Reb Zigeuners, der wird den Schaden in kürzester Zeit ausbessern." Des Jargons, der daselbst gesprochen wurde, und der Gebräuche des Landes, das ich bereiste, fast unkundig, hatte ich dem Ausdrucke Reb Zigeuner fast keinerlei Beachtung geschenkt. Ich hielt ihn entweder für einen Namen, oder auch ein Epitheton, vielleicht auch einen Schimpfnamen, den man dem Vulkanus aus der Straße von Jassy beilegte. Wir kamen zur Schmiede. Beschienen von der Glut der Esse bot der beim Amboß stehende Schmied einen wildpittoresken Anblick. Es war ein wirklicher Zigeuner mit allen Zeichen seines Stammes, groß, schlank, fast mager. Seine Backenknochen traten stark hervor, und die kohlschwarzen Augen blitzten um die Wette mit den Funken, welche nach jedem Hammerschlage aus dem glühenden Eisen hervorsprühten. In den Anblick dieser sehnigen Männergestalt versunken, übersah ich im ersten Momente die kleine zierliche Frauengestalt, welche das von dem Schmiede bearbeitete, glutrote Eisen mit einer Zange auf dem Amboß festhielt. Mein Begleiter, der Kutscher, sprach den Schmied mit den Worten an: „Kannst du mir den Wagen gleich Herstellen, Reb Zigeuner? Der Herr da eilt." Der Angesprochene wandte sich an das Frauenzimmer und sagte: „Bring dem Herrn einen Sessel, Mirl-leben, ich gehe zum Wagen nachschauen, was da fehlt." Mirl hatte einen Stuhl herbeigeschafft, auf welchen ich mich niederließ. Dann sah ich mich in der Schmiede um. Was ich da bemerkte, war geeignet, mich ganz verwirrt zu machen. Die Frau, welche die Pause in ihrer Arbeit dazu benutzte, das umherliegende Werkzeug und Material etwas in Ordnung zu bringen, war augenscheinlich eine Jüdin. Dies bewies nicht nur ihre Kleidung, besonders das Kopftuch, womit sie ihr Haar keusch bedeckte, sondern auch ihre Physiogonomie, ihre Ausdrucksweise. Die wenigen Worte, womit sie mir den Sitz angeboten hatte, waren in dem hier gebräuchlichen jüdischen Jargon gesprochen. Und an der Türe die Mesusa, kein Zweifel mehr, sie waren Juden. Aber der Mann war ein wirklicher Zigeuner, das war nicht abzuleugnen! Frau Mirl hals dem Zigeuner abermals bei seiner Arbeit am Amboß. Nach einer kleinen halben Stunde war der Schaden ausgebessert, und als ich den Schmied entlohnte, da machte er solch devote Verbeugungen, und murmelte derart unverständliche Dankesworte, wie es nur ein wirklicher Zigeuner zu tun pflegt. Als ich an der Seite meines Kutschers dem Wagen zuschritt, befrug ich über das mir Auffallende den Kutscher. „Ist der Schmied, der den Wagen reparierte, ein Jude?" „I gewiß," lautete die Antwort, „das ist ja Reb Zigeuner!" Ja, „Reb Zigeuner", so hatte ihn mein Wagenlenker schon einmal genannt. „Ich hielt ihn seinem Aussehen nach für einen wirklichen Zigeuner," bemerkte ich; „das muß andern auch schon begegnet sein, da man ihm diesen Spitznamen gegeben hat." „Das ist ja kein Spitznamen, er ist ja ein geborener Zigeuner." „Zigeuner und Jude? Das ist seltsam!" „Ja, und ein frommer Jude obendrein. Er legt täglich Tsillin, geht zweimal täglich in Schul, und hält die Tarjag Mizwos wie ein geborener Jude. Haben Sie nicht das große Arbekanfeß bemerkt, das er unter seinem Arbeitskittel trägt? Er ist ein Ger, aber ein Ger Zedek." „Also ist diese Mirl seine Frau?" srug ich weiter. „Aber gewiß! Diese haben sich was gerne, alle jüdischen Eheleute gesagt." „Wie aber sind diese Leute zusammen gekommen?" forschte ich weiter. Ja, das wußte mir mein Kutscher nicht zu sagen. Er hatte niemals darüber nachgedacht, wieso Reb Zigeuner Jude wurde und zu seiner Mirl kam. Die lähmende Sorge um die eigene Eristenz hatte in diesem Menschen jede Spur von Neugierde verwischt. Die Sorge ums tägliche Brot verdrängte alles andere. Am Ende unserer Fahrt trat er zu mir und machte mir einen Vorschlag. „Wenn Sie etwas Näheres über Reb Zigeuner und Mirl wissen wollen, so kenne ich einen Menschen in Jassy, der Ihnen alles sagen kann. Es ist dies ein alter Jude, der. sich kümmerlich durch den Handel mit altem Eisen ernährt. Bei dem hat der Zigeuner jahrelang gelernt, und noch jetzt sind sie gute Freunde." Mein Kutscher hatte sein Pferd ausgespannt, es in den Stall gebracht und mit Wasser und Futter versorgt, dann erbot er sich, mich zu dem alten Trödler zu führen. Ich traf den alten Mann über einen Folianten gebeugt, in dessen Studium er die ganze Aermlichkeit seines Daseins zu vergessen schien. Fast unwillig über die Störung, die wir veranlaßten, wendete er sich uns zu. Doch als ihm mein Begleiter begreiflich machte, daß ich von ihm die Geschichte Reb Zigeuners zu vernehmen wünschte, da leuchtete das geistvolle Auge des alten Trödlers unter den buschigen Brauen lebhaft auf. Offenbar bereitete es ihm Vergnügen, von feinem Lieblinge sprechen zu dürfen. „In einer jener Gassen Jassys," so begann er seine Geschichte, „in welcher die ärmste Klasse der Bevölkerung wohnt, war ein Auflauf entstanden. Einige halbwüchsige Burschen umringten ein kleines schluchzendes Mädchen, ein Judenkind. Das Kind harte in einem Handkorbe eine Flasche irgend eines geistigen Getränkes getragen, nebst etwas Backwerk. Die Burschen hatten es ihr weggenommen, und als das zarte Kind sein Eigentum verteidigen wollte, da regnete es von allen Seiten Püffe auf die Unglückliche herab. Kein Wachmann ließ sich blicken, der dem Unwesen ein Ende gemacht hätte, und die vorübergehenden Leute kümmerten sich um den Vorgang nicht. War es ja nur ein Judenkind, welches da unter den Hieben der verwahrlosten Gassenjugend sich krümmte und wand. Eine in den Gassen Jassys nicht ungewöhnliche Erscheinung näherte sich der lauten Gruppe. Es war das ein Zigeunerjunge, augenscheinlich ein Schmiedelehrling, das bewies der Lederschurz, den er vor hatte, und die lange, schwere Stange Eisen, die auf seiner Schulter balanzierte. „Was gibts hier?" rief er seinen Bekannten zu. „Komm, Joszi, trink auch mit, das haben wir der Jüdin weggenommen." Joszi schaute auf das halbbewußtlos daliegende Kind und ein tiefes Erbarmen mit der Wehrlosen überkam ihn