Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 46 (17.11.1905)
- Date
- 1905-11-17
- Page
- Seite 646 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 646. Israelitische Wochenschrift. Nr. 46. sprechungen in seine Staaten zu locken, um sie freilich oft nach wenigen Jahrzehnten auszuplündern und wieder über die Landesgrenze zu jagen. Auch in Schweden macht sich der! Mangel an Juden immer mehr fühlbar, und so ging bereits! am Beginn oes 18. Jahrhunderts an die Londoner Juden die Einladung, sich in größerer Anzahl in Gotenburg niederzulassen. Die Sache scheiterte aber damals, weil die schwedische Regierung ausschließlich nur sehr reiche Juden aufnehmen wollte. Einige Dezennien später mußte sich diese Regierung zu weiteren Konzessionen bequemen und ihren Antisemitismus um einige Knoten zurückstecken. Den Juden wurden die eingangs erwähnten 4 Städte eröffnet, wobei allerdings die einzelne neue Niederlassung eines Juden jedesmal der ausdrücklichen Genehmigung des Königs bedurfte. Sonst genossen unsere Glaubensgenossen da sämtliche Bürgerrechte mit Ausnahme dessen vielleicht, daß sie keinen Ministerposten bekleiden durften und in den staatlichen Schulen nicht als Lehrer angestellt werden konnten. Gegenwärtig gibt es einen Antisemitismus in unserm Sinne in Schweden überhaupt nicht. Zwar kann auch der Schwede keinen Juden leiden, aber dieses Gefühl der Animosität nimmt nirgends praktischen Ausdruck. Die armen Schwedinnen heiraten sehr gerne wohlhabende Juden, und tüchtige Juden werden vom Volke als Abgeordnete gewählt und von der Negierung als Beamte angestellt. Der Mangel an Antisemitismus, so erfreulich er an und für sich auch ist, hat aber für die Juden von Schweden und Norwegen auch seine unzweifelhaften Schattenseiten. Den Juden fehlt es an einem Stimulus, welcher sie stacheln könnte, sich immer vom neuen auf ihr Judentum zu besinnen. Mischehen bilden die Regel und nehmen selbst in dem an der Peripherie Skandinaviens gelegenen und lebhafte Beziehungen zu Deutschland unterhaltenden Kopenhagen von Jahr zu Jahr mehr überhand. Auch die mit Christinnen noch nicht verheirateten Juden sind noch kaum dem Namen nach Juden. Die schwedischen Juden sind in erster Reihe Schweden und erst in sehr weitem Abstande ein sehr wenig Juden. Die meisten von ihnen haben nie einen koscheren Bissen in den Mund gebracht, und selten besitzt einer von ihnen Tesillin. In die Synagoge geht der schwedische Jude höchstens einmal zu den hohen Festtagen und selbst dann geht er nicht in die „Synagoge", sondern zur „Kyrkan". Leider sind auch die Chancen des Judentums einmal durch neue Blutzufuhr aus Rußland verjüngt zu werden sehr minimal. Nicht nur ist Skandinavien ein armes Land, das seine eigenen Einwohner nicht ernähren, geschweige denn fremde Elemente anlocken kann, die skandinavischen Völker haben, vielleicht mit Ausnahme der an der Pheripherie der Halbinsel wohnenden Dänen, wie kein anderes europäisches Volk ihre Blutreinheit beibehalten. So bildet Skandinavien eine große homogene Volksmasse, die wenig geneigt ist, bie Einwanderung fremder Elemente zu ermuntern. Die fremden Reisenden werden da mit erdrückenden Steuern in Höhe von 100 Kronen monatlich belegt und die Naturalisation ist sehr schwer zu erlangen, schwer auch für einen deutschen Fremden, geschweige denn für einen polnischen Juden. Die Aussichten für das Judentum in Skandinavien bleiben daher sehr trübe. Die Inden in Ilniniinien. Der letzte Monatsbericht der Alliance Jsraelite Universelle (August-September) enthält die folgende bemerkenswerte Korrespondenz aus Bukarest. „Der Antisemitismus fährt hierzulande, seitdem die Konservativen ans Ruder gekommen sind, wieder mit vollen Segeln. Unsere Glaubensgenossen fragen sich, ob nicht das Regiment der sogenannten Liberalen dem gegenwärtigen vorzuziehen war. Man hatte sich hier und da der Hoffnung hingegeben, daß das! Beispiel Rußlands, das die Lösung der Judenfrage wenigstens in Angriff nimmt und die Juden zur Wahlurne zuläßt, auf die Rumänen Eindruck machen und ihr Gewissen rühren würde. Bisher ist davon nichts zu merken. Niemals hat die Presse des Landes eine so brutale Gehässigkeit gezeigt wie gerade in diesen Tagen. Einige Bezirkspräsidenten gehen in ihren Willkürsmaßregeln so weit und die Regierung beweist sich ihnen gegenüber so schwach, daß man an die häßlichsten Vorgänge aus der Verwaltung des Herrn Sturdza erinnert wird. Zur Stunde muß Herrn Vasescu, dem Präfekten des Departements Botosani, der Rekord der Verfolgungen zugesprochen werden. Er sieht seine Aufgabe darin, die Juden seines Bezirks durch unsinnige Maßnahmen aufs äußerste zu quälen, und hat sich vorgenommen, auch diejenigen Juden, die seit Jahren die kleinen Städte und Dörfer bewohnen, in der Stadt Botosani einzupferchen, um sie direkt im Griffe zu haben. In mißbräuchlicher Auslegung des Landgemeindengesetzes fordert dieser Präsekt-Satrap, daß alle, welche die vom Gesetz geforderten Aufenthaltszeugniffe unter großen Mühen und Kosten bereits erlangt haben, sie noch einmal nachsuchen. In seiner Eigenschaft als Präfekt hat er die von den Gemeinderäten ausgestellten Zeugnisse annulliert und treibt die Unglücklichen, die sich schon seit Jahren im Besitz einer Art von Bürgerrecht dünkten, mitleidslos ohne Verzug hinaus. Noch unbegreiflicher ist, daß Herr Vasescu seine Ausweisungsedikte mcht nur an die kleinen Händler in den Städten, sondern auch zu Dutzenden an die Grundpächter auf dem Lande gerichtet hat, an Leute wie Fischer, Costiner, Juster, Bermann, Gutmann, Krasuffelsky und hundert andere, deren Kulturen in der nördlichen Moldau mehrere Millionen Franks repräsentieren. Er verweigert ferner auch den angesehensten Juden von Botosani, die sich ins Ausland begeben wollen, die Pässe. So wurde letztens dem reichen, achtzigjährigen Schneyer der Reisepaß verweigert, weil er keinen Ausweis darüber vorgelegt habe, daß er dem Militärgesetz genügt hätte! Aber es ist unmöglich, alle Aeußerungen eines überspannten Machtbewußtseins aufzuzählen, durch die sich Herr Vasescu seit dem Regierungsantritt seiner Freunde hervorgetan hat. Auf Bitten mehrerer Glaubensgenossen, die ich in Botosani sprach, teile ich nur noch folgende Tatsachen mit: 1. Herr S. Brief aus Costesti hatte das Recht zum Aufenthalt in dieser Gemeinde von der Centralverwaltung selbst erlangt. Der Präfekt Vasescu annulliert diese Erlaubnis entgegen dem Geist und dem Buchstaben des Gesetzes, das allein dem Richter Vollmacht hierzu gibt. 2. Eine Witwe, seit 40 Jahren Einwohnerin des Dorfes Ostopceni - Ciuru (Jijia), wurde brutal hinausgetrieben trotz guten Führungszeugnisses der Ortsbehörde. 3. Pincu Cohen, aus Cerun, erhielt einen Ausweisungsbefehl durch die Bezirksbehörde, nachdem er von Herrn Juretz, dem Gehilfen des Bürgermeisters, barbarisch mißhandelt worden war. Cohen liegt seit einigen Tagen im Hospital, für sein Aufkommen ist wenig Hoffnung. 4. Alle Juden, die auf den Gütern der Bojaren in welcher Eigenschaft immer angestellt sind, müssen ihre Wohnsitze aufgeben, sofern sie nicht einen neuen Aufenthaltsschein beibringen; dieser wird ihnen jedoch, wohlgemerkt, unter den ) nichtigsten Gründen verweigert. So ging es selbst dem bevolli mächtigten Administrator des Großpächters Costiner. Der I Maire, der von dem Präfekten Vasescu gewonnen war, bean-