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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-11-17 · 46 (17.11.1905) · p. Seite 645

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
46 (17.11.1905)
Date
1905-11-17
Page
Seite 645 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 46. v Seite 645. Israelitische Wochenschrift. was wohl mit den zerlesenen Gebetbüchern geschehe? Als dieser meinte, daß sie wahrscheinlich verbrannt oder in den Neckar geworfen würden, welche Antwort Auerbach nicht genügte, sagte sein Kamerad: „So frage doch deine Mutter!" „Ich fragte meine Mutter", erzählt der spätere Dichter, und sie sagte: „Kind, wohin gehen deine Gedanken immer? Aber ich kann dirs sagen. Ueber der Decke der Synagoge ist ein Speicher und da liegen die Gebetbücher von hundert und hundert Jahren. Und der Atem der Lebenden steigt auf zu den Blättern, worauf der Atem der Verstorbenen gehaucht war und wo manche Träne hinfiel. Und die Werke der Verstorbenen und Lebenden gehen miteinander hinauf zu Gott". Der Zauber des Synagogenspeichers hatte die Phantasie des Knaben derart gefangen genommen, daß er die erste Gelegenheit benutzte, sich diesen wichtigen Ort anzusehen. Reizend schildert der Dichter den Besuch des Synagogenspeichers mit seinen alten Büchern. Hätte aber der spätere Dichter Gelegenheit gehabt, den Synagogenspeicher mancher israelitischen Gemeinde, innerhalb deren Mauern sich ein Stück Geschichte abgewickelt hatte, zu besichtigen, dann hätte er wahrnehmen können, wie so manches wichtige Schriftstück, das über die Schicksale der Gemeinde Auskunft zu geben vermochte, hier unter die alten Gebetbücher gekommen war. Dies war besonders in Worms der Fall. In den Schreckensjahren l<i 18 und 1689 hatte man sicherlich manches wertvolle Dokument zum Schutz dorthin verbracht. Von dieser wichtigen Aussicht ausgehend, hat das vor kurzem verstorbene Vorstandsmitglied der israelitischen Gemeinde, Herr Julius Goldschmidt, hier in der Tat die Reste des alten Archivs entdeckt. Außer alten Gebetbüchern und bedeutenden Schriftstücken fand sich bei dieser Gelegenheit eine Menge alter Wimpeln vor. Es sind dies Streifen von Leinwand, die neben Namen und Geburtszeit des neugeborenen Knaben auch den Namen des Vaters enthalten mit frommen Segenswünschen für das Wohl des Knaben. Diese Wimpeln, ineinander verschlungen, bildeten fast einen unlösbaren Knäuel. Nachdem dieser entwirrt und durch ein gründliches Seifenbad gereinigt, waren die Wimpeln wie neu geworden. Diese zu entziffern schien schon deshalb geboten, weil sie die Standesamtsbücher damaliger Zeit darstellten und durch die Entzifferung ein schätzbares Material für die Erforschung der Genealogie einzelner Familien gewonnen werden konnte. Außerdem gewährten diese Wimpeln einen Einblick in die Kunstfertigkeit im Weben, Sticken und Malen jener Zeit. Nicht weniger als 443 Wimpeln, die vom Jahre 1570—1840 reichen, hatte Herr Goldschmidt entziffert. Wenige Monate vor seinem Tode machte er mich darauf aufmerksam, daß noch eine große Anzahl von Wimpeln sich auf dem Synagogenspeicher befänden, die ich in der letzten Zeit entzifferte. Es sind 161 Nummern, die den Zeitraum von 1619—1841 umfassen. Ueberblicken wir die ganze Wimpelsammlung, so fällt uns vor allem die Leinwand auf, die fast wie Seide aussieht und zeigt, wie fein man in jener Zeit zu spinnen verstanden hatte; auch die Farben, die trotz der entschwundenen Jahrhunderte ihre frühere Frische noch besitzen, muß man bewundern. Besonders interessant ist die Tatsache, daß die Stickarbeiten aus dem 17. Jahrhundert schöner ausgeführt sind als diejenigen aus späterer Zeit, die einen mehr schablonenhaften Charakter tragen. Die Zeichnungen sind besonders originell, wenn sie den Namen des Hauses darstellen, in dem der Vater des Knaben wohnte. So ist auf den Wimpeln oft ein Rad, ein Hufeisen, ein Roß, ein Hut, ein Stern, ein Affe, eine Pulverflasche, eine Glocke usw. abgebildet. Daß die Ausstattung der Wimpeln im 17. Jahrhundert viel künstlerischer ist als im nachfolgenden Jahrhundert, wird wohl darauf zurückzuführen sein, daß die günstige materielle Lage der Juden der Entwicklung des Schönheitssinns förderlich war, wogegen der materielle Niedergang während des 18. Jahrhunderts einen Rückschritt zur Folge hatte. Der Umstand, daß sich unter den Wimpeln viele von dem Jahre 1869 finden, läßt darauf schließen, daß die Synagoge in der für Worms so unheilvollen Zeit wenig Schaden gelitten hatte. Was nun die in den aufgestellten Registern enthaltenen Familiennamen betrifft, so begegnen wir öfters der Familie Oppenheim, aus deren Reihe sehr viele verdienstvolle Vorsteher der jüdischen Gemeinde hervorgegangen sind. Wir wollen besonders auf David Oppenheim (gest. 1624) Hinweisen, der aus eigenen Mitteln den „Almemor" (Pult zum Auflegen der Thorarollen), das Lehrhaus hinter der Synagoge und das Friedhofshäuschen erbauen ließ. Er hatte außerdem reiche Spenden für die Synagoge gegeben und dreißig Jahre lang alltäglich drei Studierende an seinem Tisch gespeist. Einmal findet sich auch der Name Wertheimer. Aus dieser Familie entstammt Josef Josel Wertheimer, Vater von Samson Wertheimer, dem hochangesehenen Hoffaktor Kaiser Leopolds. Von anderen bedeutenden Persönlichkeiten wollen wir noch die Familie des Rabbiners Levi herausgreifen, der einst von Napoleon dem Ersten bei dem von ihm berufenen Sanhedrin besonders ausgezeichnet wurde, und der Ahn des in München verstorbenen General-Musikdirektors Levi gewesen ist. Auch den Ahnen des auf dem Gebiet der Ethik in neuerer Zeit öfters genannten Felir Adler in Newyork begegnen wir in dem ausgestellten Verzeichnis. Schließlich Zöllen wir noch darauf Hinweisen, daß sich in diesem Namen von Familien aus dem 17. Jahrhundert befinden, die heute noch der israelitischen Gemeinde angehören. Wie die Reste des alten Archivs, darf auch das aufgestellte Wimpelverzeichnis als eine wichtige historische Quelle zur Erforschung der jüdischen Gemeinde gelten und als eine nach vielen Seilen bedeutsame Sprache der „Toten an die Lebenden". Die Iiidkit Hilf der H:iiiiimiiiinh1ini inillmili'l. Die erste jüdische Einwanderung in Schweden datiert vom Jahre 1760, wo einige Juden aus Pommern, Posen und Holland sich in die für sie damals eröffneten vier Städte Stockholm, Gotenburg, Norköping und Karlskrona niederließen. Bis dahin scheiterten alle ihre Bemühungen, in Skandinavien einzudringen, an dem Antisemitismus der schwedischen Machthaber. Gustav Adolf, der Held des Protestantismus, der angeblich für die Glaubensfreiheit in den 30 jährigen Krieg zog, war ein erbitterter Antisemit. Bei der Gründung von Gotenburg lud er holländische Kaufleute dringend ein, sich unter überaus glänzenden Privilegien in dieser neuen Stadt niederzulassen. Die Juden von Amsterdam aber wurden von dieser Einladung ausdrücklich ausgenommen. Auch Gustav Adolfs großer Kanzler Oxenstjerna war ein schlimmer Antisemit und erklärte, lieber Gotenburg zugrunde gehen zu lassen, als die Regierer des Heilands da wohnen zu sehen. Schon aus der Erklärung Oxenstjernas ging hervor, daß die neu begründete Stadt Gotenburg ohne Hilfe des jüdischen Kapitals und des jüdischen Handelsgenies nicht recht aufkommen wollte. Der Mangel an diesen beiden städtebegründenden Faktoren, nämlich Kapital und Handelsgenie, hat im Mittelalter schon manchen Fürsten gezwungen, Juden unter den glänzendsten Ver

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