Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 46 (17.11.1905)
- Date
- 1905-11-17
- Page
- Seite 644 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 644 Israelitische Wochenschrift. sJlr. 46. die tiefe Sehnsucht der menschlichen Natur streckt sich nach einem des Lebens und des Ringens werten Ziel; unter den Schmerzen des irdischen Lebens wird die Hoffnung geboren. Allerdings macht sich auch innerhalb der jüdischen Weltanschauung von Zeit zu Zeit der Ruf hörbar: „Alles ist eitel". Zur Zeit nationaler Entartung und Verkommenheit, des Stillstandes und tiefer Erniedrigung ertönt ein solcher Ruf. Der Unterschied ist aber der, daß in der jüdischen Weltanschauung die Ansicht von der Nichtigkeit und Eitelkeit des Jüdischen nur Stimmung des Individuums oder zeitliche Stimmung der Nation oder die Stimmung eines Zeitalters ist, die bald wieder von dem Gottesbewußtsein und der höheren Aufgabe des menschlichen Lebens überwunden wird. Die Idee des allweisen Willens, des Vertrauens und der Hingabe an Gott bleibt auch dem Zweifler an dem Werk und der Wesenheit der irdischen Dinge, und so ist es doch zuletzt nur die Schale, die ihren Glanz und ihre Bedeutung verliert, und das Endziel bleibt: „Gott ehrfürchte und seine Gebote wahre", und „Freue dich, Jüngling, in deiner Jugend.... doch wisse, daß über alles dieses dich Gott bringt in das Gericht, und so gedenke deines Schöpfers auch in den Tagen deiner Kraft". Der Ritillilmord Im den Talmud-Inden. Unter diesem Titel veröffentlichte soeben der Pfarrer Dr. theol. Karl Mommert in Schweinitz, Ritter des heiligen Grabes, eine Broschüre, welche Dr. theol. Karl Blasel aus Grünberg i. Schl, in der katholischen „Neisser Zeitung" (25. Oktober) einer sehr eingehenden Besprechung unterzieht. Einleitend sagt der Referent: „Da gerade die Stellung des Verfassers als katholischen Priesters geeigenschaftet erscheint, jenem Aberglauben auch im katholischen Volke weiteren Boden zu schaffen und von unseren Gegnern gegen die katholische Geistlichkeit ausgenutzt zu werden, so ist eine öffentliche Stellungnahme zu dieser Broschüre nicht nur angebracht, sondern auch notwendig. Von vornherein soll bemerkt werden, daß der Referent die Frage selbst aus seiner Besprechung vollständig ausschaltet; der in den letzten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts ausgefochtene Kampf hat bereits wissenschaftlich bewiesen, was einem jeden verständigen Menschen nur begreiflich erschien, nämlich, daß die Annahme, der Ritualmord sei eine Institution des Judentums, gefordert von den Schriften und der Tradition der Rabbinen, welche bis zur Jetztzeit noch fortdauere, völlig unhaltbar ist." Das erste Kapitel, überschrieben: „Der Kannibalismus bei den alten Hebräern" zerpflückt der Referent in allen Einzelheiten und kommt zu dem Schluffe, daß von diesem ganzen Kapitel auch nicht ein einziger Satz, auch nicht ein einziger Beweisgrund übrig bleibe, welcher nicht zu beanstanden sei. Auch das zweite Kapitel, betitelt: „Ritueller Blutgenuß bei den Christen" nimmt der Referent unter das Seziermesser. Gegen die dort angewendete Logik, meinte er, kämpften Götter selbst vergebens. Mit den folgenden Worten aber schieße der Verfasser selbst den Vogel ab: „Pflegen die Christen nun aber (ich schreibe vom röm.- kath. Standpunkte aus) mit der größten Andacht und Frömmigkeit zu dem Genüsse des Fleisches und Blutes Jesu in dem heil. Abendmahle hinzuzutreten, ohne etwas kannibalisches in diesem Genuffe zu finden, so läßt es sich wohl begreifen, daß auch die Juden Christenblut in ihrem Oster-Mazzen, in ihrem Osterwein und bei anderen religiösen Anlässen mit derselben Andacht genießen, ohne sich des Kannibalismus, den sie damit begehen, bewußt zu werden. Im übrigen besteht bei dem rituellen Genuffe von Menschenblut zwischen Christen und Juden der ganz gewaltige und nicht zu übersehende Unterschied, daß die Christen ohne Rechtsverletzung und auf vollkommen legitimem Wege zu diesem Blute gelangen, indem Christus aus eigenem freiem Antriebe und vollkommen freiwillig sein^Blut ihnen darreicht — während die Juden, wie wir weiter unten eingehend darlegen werden, bei der Beschaffung des für ihre rituellen Zwecke erforderlichen Menschenblutes, wenigstens nach christlichen Rechtsbegriffen, der himmelschreiendsten Rechtsverletzungen sich schuldig machen." (S. 9 f.) „Nein, Abscheu war es nicht, bemerkt hierzu Dr. Blasel, Entsetzen war es, was den Referenten beschlich, als er diese Worte las, in denen der Verfasser selbst vor Blasphemien nicht zurückschreckte, um in den Kot zu treten, was einem jeden katholischen Christen das Hehrste, das Heiligste ist!!! ,7 Wenn man nicht auf dem Titelblatt den Charakter des Verfassers finden würde, wenn er nicht bei Beginn dieses Satzes selbst seinen römisch-katholischen Standpunkt betonen würde — man müßte meinen, einer jener Winkelschreiber, die von katholischchristlichen Dingen keine Ahnung haben, wolle mit giftigem Geifer besudeln, was Andersgläubigen Herzenssache und Herzensüberzeugung ist!! — O, es würden sich viele Fragen m die Feder des Referenten drängen, die alle mehr oderweniger persönlicher Natur wären; um aber streng sachlich zu bleiben, bricht er ab, das Urteil getrost dem einzelnen Leser überlassend und -frdem Gewissen des Autors! Nur zwei Fragen mögen hier eine Stelle finden: Wie kann der Verfasser es wagen, das — auch seiner Ueberzeugung nach — rein Göttliche überhaupt erst in Vergleich zu stellen mit dem, was, wenn es überhaupt der Fall wäre, die größte Schandtat der Menschheit, das furchtbarste Verbrechen am Gottesbegriff und am Wesen der Religion darstellen würde? Sollte Pfarrer Mommert wirklich keinen anderen Unterschied kennen, keinen wesentlicheren, als jenen „ganz gewaltigen und nicht zu übersehenden Unterschied der Rechtmäßigkeit und Unrechtmäßigkeit, und sollte er wirklich keine Ahnung haben von dem Wesen der hl. Eucharistie im allgemeinen und der Transsubstantiation im besonderen?? Die übrigen Kapitel werden von dem Referenten summarischer behandelt, da sie vielfach eine eigene Arbeit des Verfassers nicht darstellen, sondern mehr oder weniger eine einseitige Kompilation aus andern Schriften sind. Der Referent resümiert sich dahin: „Fassen wir kurz unser Urteil über die neueste Broschüre des Herrn Pfarrer Dr. Mommert zusammen, so hat dieser durch die Mangelhaftigkeit seiner Methode, mit der er Unbewiesenes neben Bewiesenes stellte und gleichartig verwertete, durch die Nichtberücksichtigung und Verwertung der gegnerischen Literatur, durch die Verleugnung einer jeden sachgemäßen Kritik, durch solch grobe Verstöße gegen die Geschichtsforschung, welche die Wahrheit nicht dort findet, wo sie sie sucht, sondern sie dort sucht, wo sie sie findet, durch die Mißachtung jeglicher exegetisch-hermeneutischer Grundsätze nach des Referenten Meinung ein für allemal sich des Anrechtes begeben, in wissenschaftlicher Hinsicht überhaupt noch ernst genommen zu werden." _ Ein historischer Jund. Unter dieser Überschrift teilt Herr S. Rotschild in Worms in der „Münch. Allg. Ztg." folgendes über einen Fund mit, über den wir schon kurz berichteten: Berthold Auerbach erzählt in seinem Nachlaß, wie ihn als Knabe ein Schulkamerad plötzlich mit der Frage überrascht habe.