Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 46 (17.11.1905)
- Date
- 1905-11-17
- Page
- Seite 643 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 46 Israelitische Wochenschrift. Serie 643 aliquotempore et quo exactionem facere in Judaeos) antwortet er, daß dies bis auf die ihnen zu belassenden nötigsten Lebensmittel gestattet sei, da sie als ewige Sklaven mit ihrem Vermögen ihren christlichen Landesherrn haften. Wenn man ihnen einen Rest, das zum Leben Unentbehrlichste, belasse, so geschieht das aus der Erwägung, daß man auch mit den Ungläubigen anständig verfahren soll, damit der Name Gottes nicht geschändet werde. Es war die neue humanistische Bildung, aus der der Kardinal von Venedig Toleranz gewann. Dem Humanismus dankte auch Giovanni de Medici als Papst Leo X. seine Duldsamkeit gegen die Juden. Unter ihm waren beim Pontifikat römische Rabbiner so angesehen, daß christliche deutsche Gelehrte ihrer Fürsprache sich bedienten. Er machte einen jüdischen Komponisten zum Grafen, priviligierte eine hebräische Buchdruckerei und sorgte für die Drucklegung des Talmuds. Elias hebräische Grammatik ist dem Kardinal Viterbo gewidmet. In einem andern Christen, in dem Paulus Fagius, dem Schüler Reuchlins, fand er einen gütigen Gönner, der ihm zu einer Korrektorstelle in Venedig verhalf. Er soll eine deutsche Bibelübersetzung in Angriff genommen haben, über deren Ausführung und Verbreitung genaueres nicht bekannt ist. Den christlichen Kabbalisten leistete er durch seinen Meturgeman, ein aramäisches Lexikon, nicht unwe entliche Dienste. Die jüdische Wissenschaft bereicherte er durch die in seiner Schrift mesoret masora erwiesene Erkenntnis, daß die hebräischen Vokal- und Tonzeichen nachmosaischen und sogar nachtalmudischen Ursprungs seien. (Schluß folgt.) Soäom und flmorab. Von Dr. B. Seligkowih-Coethen. Der Bericht über den Untergang der Lasterstädte Sodom und Amorah samt ihrer Gebietsumgebung, der um seines allgemeinen sittlichen und belehrenden Inhalts wegen sorgfältigste Beachtung verdient, ist gewiß keine Erfindung oder Erdichtung. Und wäre es auch nur, wie man gewöhnlich sich ausdrückt, eine Sage, so wäre es jedenfalls eine historische Sage, weil sie viel geschichtliche Wahrheit enthält, wovon heute noch die Natur dieser Gegend selbst Zeugnis ablegt. Und es ist höchst bewunderungswürdig, mit welcher Genauigkeit der Verfasser alle physischen Tatsachen, die die Begebenheit zu erklären vermögen, zu verzeichnen weiß, während er gleichzeitig das Wunderbare der Ueberlieferung nicht zerstört und das Ganze in Bilder kleidet, die imstande sind, der Menge auf die wirksamste Weise Haß gegen die Verderbtheit, Widerwillen gegen das Laster und Furcht vor seinen Folgen einztkprägen. Es ist dies eben nur ein Beispiel davon, daß die großen Naturereignisse unter der unmittelbaren Regierung Gottes stehen und auf sein Geheiß eintreten, wann, wo und wie er will. Das Wunder, das hier geschah, bestand nicht darin, daß es ohne für uns erkennbare Naturursachen bewirkt wurde, sondern darin, daß die furchtbare Wirkung der Naturkräfte zu der von Gott bestimmten Zeit, in der von ihm bestimmten Weise und zu dem von ihm zuvor ausgesprochenen Zweck geschehen ist. Wie bei vulkanischen Ausbrüchen auch sonst die Eingeweide der Erde und die Regionen des Himmels oder der Atmosphäre zugleich in entsetzliche Gährung geraten, daß der Mensch seine völlige Ohnmacht darunter empfinden, und alles was lebt, unter dem ausgestreckten Arm Gottes erbeben muß, so erging es auch hier, nur mit der Maßgabe, daß die Wirkung bloß auf den Bezirk der vier Städte beschränkt war. Das Verderben brach über die zum Gericht bestimmten Städte mit einem Mal von oben und von unten herein. Die Erderschütterung und die Spaltung des Bodens allenthalben, das Hervorbrechen des unterirdischen Feuers und das schreckliche Gewitter von oben, das die Städte umhüllte, die Anfüllung der Luft mit Schwesel- und Salzstoffen, das Zucken und Herabfahren der Feuerstrahlen von allen Seiten her, das alles kam aus einmal, und es war, wie die Schrift es ausdrückt, eine völlige Umkehrung der ganzen Gegend. Und weiter merkwürdig ist noch das, daß während bei vulkanischen Ausbrüchen ein banges Vorgefühl bei Menschen und Tieren vorhergeht, hier keine Anzeige davon sich findet, daß die Leute in Sodom von einem solchen Vorgefühl etwas empfunden hätten, daß also die Leute mitten in ihrer Sicherheit von dem Gericht Gottes plötzlich verschlungen wurden. Milten in diesem allgemeinen Untergang werden wir noch auf Lots Weib aufmerksam gemacht, das zur Salzsäule wurde. Lot war besonders davor gewarnt worden, daß er nicht hmter sich sehen, nicht stehen bleiben soll in dem ganzen Bezirk. Sein Weib aber, das nur mit Gewalt hinausgeführt worden war, das im Herzen noch völlige Sodomitin war, sah zurück, und während sie im Geist beim Anblick der Feuersglut in die ihr geliebtes Sodom verwandelt ist, erstarrt, so wie sie steht, mit einer Salzkruste, wie die ganze Gegend, überzogen, zum bemerkenswerten Exempel für die, die zwar äußerlich sich entfernen von dem Bösen, innerlich aber an ihm hängen bleiben. Die ganze heilige Schrift, von dem ersten Kapitel des ersten Buches Mose an, wo uns die Schöpfung der zeitlichen Welt durch den Willen und das Wort des ewigen Gottes verkündet wird, bis zu dem letzten Wort, bezeugt uns in mannigfaltiger Weise, daß das Uebel, d. h. alles, was unsere Schmerzen erregt, nicht eine in sich selbst notwendige Naturordnung, sondern eine von des Schöpfers Willen gesetzte Gottesordnung ist. Nicht ein Naturgesetz, sondern ein Gottesgesetz waltet in und über allem menschlichen Schmerz. Diese Grunderkenntnis kann nicht stark genug betont werden, sie ist die durchaus unentbehrliche Grundlage für unsere sittliche Würdigung des Leides. Ist das Leid bis zu seiner Spitze, dem Tod, eine bloße Naturordnung, so kann weder von einem über das Leid hinausliegenden Zweck noch von einer Ueberwindung des Leids die Rede sein. Das Naturgesetz ist unerbittlich und unabwendbar, mit starrer Notwendigkeit wirkt es in seinem fest bestimmten Bereich. Wenn in unserem Leben und Streben keine anderen Gesetze walteten, als die physischen Gesetze des Wachsens und der Verwesung, so würde es weder Freude noch Schmerz, weder Sorge noch Hoffnung geben. Schon das bloße Vorhandensein dieser Empfindungen, die nicht physisch, sondern ethisch sind, also auf dem Gebiet des geistigen Lebens und der sittlichen Freiheit liegen, bestätigt die Aussage der heiligen Schrift, daß Leiden und Tod nicht vermöge einer ordnungsmäßigen Naturnotwendigkeit in die Welt gehören. Darum ist es nicht nur ein gottloser, sondern ein völlig widernatürlicher und wahrhaft unsinniger Rückschritt, bei dem heute die Philosophie des Pessimismus angelangt ist, wenn diese nur eine neue Weltreligion anpreist. Diese neue Religion trägt selbst ihre Todeszeichen zur Schau; denn als ihre höchste Wahrheit verkündet sie die dumpfe Verzweiflung, da dem Menschen zugemutet wird, das Elend des Daseins in der Erwartung zu tragen, daß das Einzelleben wie eine Blase im großen Weltmeer verfließen werde, und da die Selbstvernichtung für das wahre Ziel des Menschenlebens uns gegeben wird. Schon die natürliche Entwicklung des menschlichen Geisteslebens ist über die starre Verzweiflung dieser Weltanschauung hinausgegangen!