Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 46 (17.11.1905)
- Date
- 1905-11-17
- Page
- Seite 642 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 642. Israelitische Wochenschrift. Nr. 46 mit Lob zu überhäufen und der königliche Harfner David ruft alle Kommentatoren des so dunklen H8. Psalms zusammen und sagt, indem er auf Jmanuel weist: „Nur dieser hat mich verstanden." Jmanuel war nicht nur in der Bibelauslegung bewandert. Er beherrschte die maimunisch-aristotelische Philosophie und besaß auch zweifellos gute Kenntnisse in der italienischen Literatur. Dante selbst lernte er am Hofe zu Verona kennen, dessen Treiben Sifroni geistvoll schildert. Die Freundschaft der beiden Dichter setzte sich ein schönes literarisches Denkmal in einem italienischen Sonettenwechsel. Inwieweit die Juden durch Jmanuel mit Dantes Schaffen vertraut wurden, ist schwer zu sagen. Sichere Erfolge in seiner kulturgeschichtlichen Vermittlerarbeit erzielte Jmanuels Vetter- Juda Romano, der den Juden die Werke eines Albertus Magnus, eines Thomas v. Aquino erschloß und einen hebräischitalienischen Glossar der philosophischen Schulausdrücke schrieb. Der König Robert von Neapel, Judas Schüler im hebräischen und der Philosophie, hat diese Arbeiten ebenso gefördert, wie er auch die Uebersetzung an den arabischen und hebräischen Schriften ins Lateinische unterstützte. * * * Mit dem Interesse für die neutestamentliche Quellensprache, das Griechische, verband sich bei vielen Humanisten auch das Streben, die hebräische Bibel im Urtext lesen zu wollen. Doch war das Verlangen nach gründlicher hebräischer Sprechkenntnis keineswegs aus reinem Wissenschaftsstreben herausgewachsen. Durch getaufte Juden wurde die Ansicht verbreitet, daß die Kabbalaschriften und auch der Talmud Stützpunkte für die Messianität Jesu und das Dreieinigkeitsdogma boten. Man glaubte also die Juden durch Beweise aus ihren eignen heiligen Schriften für die Wahrheit der christlichen Lehre gewinnen zu können. So wird verständlich, wenn fromme Rabbiner ein gewisses Mißtrauen gegen Juden, die Christen im Hebräischen unterrichten, nicht verbergen konnten. Man sah in ihnen indirekte Helfershelfer der Judenbekehrung. Eine der sympathischsten christlichen Persönlichkeiten seinerzeit, die von jüdischen Lehrern in die Kenntnisse der hebräischen Sprache eingeführt wurden, war Giovanno Pico de la Mirandola, eine der glänzendsten Gestalten aus dem heiteren frohgesinnten Kreise Lorenzos v. Medici, ausgezeichnet durch Schönheit und Gedankenreichtum. Als seine Mutter, die schöne Julia, ihn gebar, umstrahlte ihr Haupt ein himmlischer hellstrahlender Schein, der schnell verlosch, eine sinnige Vorbedeutung für sein Leben und seinen frühen Tod. In sieghafter Schönheit gewann er alle Herzen und von allen geliebt, sank er vorzeitig ins Grab; Harmonie und Anmut eignet ihm als Menschen und Schriftsteller. Er will nicht trennen und verletzen, sondern verbinden und vereinen, in seinem Leben nne in seinen Schriften. Wie ein jüdischer Alexandriner aus der Zeit Philos, sucht er Griechentum und Judentum zu verbinden. Die Sprache Sems fesselt ihn nicht minder als die von Hellas, und die jüdische Geheimlehre der Kabbala umfaßt er mit liebender Verehrung wie die Geistesschätze der griechischen Philosophie. Er sieht in der hebräischen Literatur einen Bundesgenossen in der christlichen Missionsarbeit an Israel. Denn die jüdische Mystik gilt ihm als eine Bestätigung des Christentums. Ein Körnlein Wahrheit liegt übrigens in dieser Auffassung. In der Tat walten innige Beziehungen zwischen der altjüdischen und altchristlichen Gnosis. Nur steht das offizielle Kirchenchristentum dazu in einem gar losen Zusammenhang. Doch fanden die Bekehrungsversuche des geistreichen Schwärmers und seine ganze literarische Tendenz nicht nur bei den orthodoxen Kirchenoberen abfällige Kritik. Savanorola, dieser glutvolle Prediger der Umkehr zur altchristlichen Sitteneinfalt, ein durchaus selbstständiger Denker, verheißt ihm das Fegefeuer für seine Schriften. Es war kein mittelmäßiger Lehrer, der ihn im hebräischen unterwies: Elia del Medigo. Freilich an Genialität und berückendem Gedankenreichtum reicht Medigo an seinen großen Schüler nicht heran. Immerhin ist er dem Pico an kritischem Sinn überlegen. So sieht er die sehr natürliche Entstehung der Kabbala mit nüchternen Augen. Sie ist ihm keine göttliche Offenbarung, sondern ein organisches Produkt der neuplatonischen Gnostik. Nun gar durch kabbalistische Formeln auf die höhere Welt einwirken zu wollen, hält er für widersinnige Vermessenheit. Ueberhaupt ist er seiner ganzen Grundrichtung nach jeder mystischen Gefühlsseligkeit feind. Wie ein Rationalist des 18. Jahrhunderts sucht er die Legenden des Talmuds ihres wunderbaren Inhalts zu entkleiden und die Grundlehren des Judentums in ihrer Uebereinstimmung mit der Vernunft nachzuweisen. Wie nachmals Mendelsohn, preist er am Judentum, dessen Religionsphilosophie er in seinem Bechinat hadat (Prüfung der Religion) behandelt, die Dogmenlosigkeit, hier, in der jüdischen Lehre, ist ihm das letzte Ziel nicht der richtige Glaube, sondern die fromme Tat. Professor Cohen-Marburg hat — in wahrhaft erfrischender Weise für die, welche diesem religiösen Rationalismus entwachsen sind — jüngst dargetan, daß diese Behauptung weder dem Sachverhalt entspricht, noch,, wäre sie faktisch richtig, ein Vorzug für das Judentum bedeuten würde. Medigo scheint seinem Schüler auch als Lehrer der Philosophie Förderung und Anregung gewährt zu haben. Vielleicht dankte er dem italienischen Grafen die Berufung als Professor an die Universität Padua, an der der jüdische Philosoph sich hohes Ansehen erwarb. Als einst ein gewaltiger Geisteskampf zwischen zwei philosophischen Lagern dort wogte, und man diesen nach damaligem Brauch mit Rapier und Stoßdegen ausfocht, disputierte Medigo als Schiedsrichteröffentlich über die strittige Frage. * * * Elia war aus Kreta, seine Familie soll deutschen Ursprungs gewesen sein. Einer seiner Nachfolger in Padua, Elia Habachur, war auch deutschen Ursprungs. Im schweren Kampf üms tägliche Brot lehrt er hebräisch zu Padua. Er ist der Verfasser eines Glossems zu Kimchis Grammatik, die durch die Uebersetzung von Sebastian Münster, Reuchlins Schülers, Weltruf erlangt hat. Nach der Plünderung Paduas fand er gastliche Aufnahme im Hause des Kardinals Egidio de Viterbo in Venedig. Dieser hervorragende Geistliche hat sich auch sonst als Mäcen jüdischen Gelehrten gegenüber bewiesen. So ließ er durch Baruch von Benevent das Grundbuch der jüdischen Mystik, den Sohar, übersetzen. Mag auch all den Akten der Wohltätigkeit gegen jüdische Forscher mehr oder minder rege Bekehrungssucht zugrunde liegen, es ist doch ein weltenweiter Gegensatz zwischen dieser humanistischen Denkart und einer Gesinnung, wie sie das Haupt der Scholastik Thomas von Aquino in seiner Summa im Kapitel Oe regimine Judaeorum ad brabantiae ducissimam (Ueber die Behandlung der Juden an die Herzogin von Brabant) kundgibt. Auf die Frage, wie und wann eine Gütereinziehung der Juden statthaft sei (primo ergo vestra requirebat excellentia, si liceat vobis