Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 46 (17.11.1905)
- Date
- 1905-11-17
- Page
- Seite 641 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 46. Israelitische Wochenschrift. Seite 641. Witte arbeitet, und diese Schwäche offenbart sich in der Ohnmacht gegenüber den Urhebern und Werkzeugen der entsetzlichen Judenmorde. Deswegen sind diese ein schauerliches Symptom des gesamten Zustandes, in welchem sich Rußland besindet. Nun aber, wenn die gesamte Intelligenz sich an die Seite des Grafen Witte stellt, kann diesem Zustande ein Ende gemacht werden. Schon hat Witte es notwendig gefunden, in zwei Communiques, welche sich wie ergreifende Hilferufe lasen, die liberale Intelligenz zur Mitarbeit aufzusordern. Was jetzt in Rußland an der Arbeit ist, das ist der „weiße", nicht der „rote Schrecken." Und vor jenem hat die Intelligenz und das liberale Bürgertnm vor allem zu zittern, denn um alle befreienden Errungenschaften, welche vorläusig ja noch nicht verläßliche Wirklichkeiten sind, kann es geschehen sein, wenn die Gegenrevolution, die gegenwärtig an den Juden ihre „schwarze Banden" einübt und die fortwirkende Gewalt der Bureaukratie über die Polizei erprobt, zur Aktion gegen die Liberalen fortschreitet. Es ist ein schreckliches Licht, welches von den Judenmassakres auf die russische Verfassungbewegung fällt und sie schändet. Rasch und mit eiserner Hand muß hier eingegriffen werden, wenn der etwa erst aufgegangene schüchterne Keim des Vertrauens auf die neuen Verheißungen nicht verdorren soll, bevor eine Frucht gezeitigt ist. Der russischen Intelligenz müssen diese entsetzlichen Judenmassakres neuer Antrieb sein, sich um den Grafen Witte zu scharen und an seinem Werke mitzuarbeiten, denn bei allem, was die Gegenr.evolution anrichtet, handelt es sich auch um sie und ihre Zukunft. Die „schwarzen Banden" werden vor ihr nicht Halt machen, wenn sie nicht rechtzeitig sich ihrer erwehrt. Lkiiaiffantt-Mkilschril und Zndkn. Von Kreisrabbiner Tr. Beermann-Jnsterburg. Der Uebergang vom Mittelalter zur Neuzeit ist durch die Epoche der Renaissance, der Wiedergeburt des klassischen Altertums in Kunst, Wissenschaft und Leben vermittelt. Vollkommen harmonische Entfaltung aller menschlichen Anlagen wird als Ziel der Bildung erstrebt. Der Mensch fühlt sich als Einzel- Evesen, lernt seine und anderer Eigenart schätzen, eine neue Auffassung von Staat und Bürgertum, eine völlige Umgestaltung des geselligen Lebens bahnt sich an. Die Entdeckung der Welt als eines unendlichen Alls, die Auffindung bisher ungekannter Meere und Länder, die außerordentlich erleichterte Verbreitung del Kenntnisse und des Wissens durch die Buchdruckerkunst, die religiöse Selbstbestimmung in der Reformation sind, wie Jakob Burkhard zeigt, die wesentlichen Momente, die den Anbruch der neuen Zeit bedingten. Für die Juden brachte diese Epoche der Verjüngung und Neugeburt keine neue Aera. Ein wissenfeindliches, buchstabengläubiges Mittelalter hat das Geistesleben im Getto nur ganz partiell durchgemacht, und die dem Mittelalter eignen Judenbedrückungen und Verfolgungen währten auch nach dem Aufdämmern der humanistischen Tageshelle noch Jahrhunderte. Und doch ist die Renaissance auch für Israel nicht ohne Bedeutung, und hervorragende Humanisten sehen wir in mehr oder minder nahen Beziehungen zu Juden und Judentum. * * Gleich an der Schwelle dieser neuen Aera grüßt uns eine ragende Dichtergestalt, die ganz und gar den Geist der Renaissance atmet, und mit einem jüdischen Sänger in ein inniges Freundschaftsverhältnis trat. Es ist Dante, die herrliche Säule der römischen Beredsamkeit, wie ihn Petrarca in seiner bekannten poetischen Grabschrift nennt. Sein jüdischer Freund war Jmanuel Siftoni. Wenn Heinrich Heine Charisi einen Voltairianer 500 Jahre vor Voltaire genannt hat, so läßt sich dies Wort auch auf Jmanuel anwenden. Uns freilich erscheint er als der Heine des Mittelalters, ebenfalls ein ungezogener Liebling der Grazien, er bietet uns immer liebliche Blüten, in ihren Kelchen bergen sie aber bei süßem Honig zuweilen auch einen Tropfen Gift. In seiner Liebe war er glücklicher als sein deutscher Geisteserbe, dem er an Witz und Satire so sehr ähnelt. In der Not des Lebens, die er in ihrer ganzen Herbheit kennen lernen sollte, stand ihm die anmutige Gattin treu zur Seite. Das stattliche Vermögen, das er seiner ausgedehnten und lohnenden ärztlichen Tätigkeit zu verdanken hatte, ging ihm infolge einer mit echtem Dichterleichtsinn geleisteten Bürgschaft verloren, und „gebeugt von der Armut und des Alters doppelten Bürde", mußte er, seinem Freunde Dante gleich, als fahrender Sänger sein Leben fristen. Seine Frohlaune blieb ihm treu. Eine Fülle von leichten Scherzen entströmte seiner schreiblustigen Feder. So hält er sich in einer Stunde des Uebermuts selbst die Leichenrede, in der er mit köstli!,em Spott die übertreibende Manier der damaligen Trauerpredll er, die übrigens nicht nur in der Geschichte fortleben, persifliert. Wenn auch durch seinen Heimgang, so meint er, die Hinterbliebenen das Lachen verlernen würden, so gäbe es für sie doch noch eine Quelle des Trostes, seine hinterlassenen Schriften. In seiner Sammlung Machberet schildert er — ein jüdischer Boccaccio — Abenteuer aller Art, oft lasziv und frivol, auch darin an Heine erinnernd, sodaß man den frommen Rabbinen nicht eben Unrecht geben wird, wenn sie vor der Lektüre dieser Schriften — zu mindesten am Sabbat — warnen. Das Schlußkapitel „Hölle und Paradies" bietet ein allgememes literarisches Interesse. Es findet sich darin mancher Anklang an Dantes göttliche Komödie, so schimmert der bekannte Vers: „Laßt alle Hoffnung draußen, die ihr naht", durch den hebräischen Satz hindurch: njp btt NäPm DIIT DJD:n (Wer eintreten mag, trete ein, heraus kommen wird niemand), wenn auch die Form an ein talmudisches Citat erinnert. Uebrigens ist Sifroni duldsamer als sein italienisches Urbild, bei dem alle Nichtkatholiken der Hölle verfallen sind. Sifroni bleibt der talmudischen Lehre eingedenk, daß die Frommen aller Völker Teil haben an der ewigen Seligkeit. Nur in einem kann er sich über seine Zeit nicht ganz erheben. Der gute Plato muß in der Hölle leiden, weil er die Wirklichkeit der Gattungsbegriffe behauptet hat. Aus dieser Voraussetzung würde nämlich die ketzerische These von der Urewigkeit der Welt folgen. So nimmt unser Dichter Partei in einem Geistesstreit, der die christlichen Scholastiker in zwei Lager gespalten hatte. Sonst muß man Sifroni das Zeugnis ausstellen, daß seine Hölleninsassen ihren Aufenthalt im Gehinnom durchaus verdienen. Da ist der in Bauluxus schwelgende Bedrücker und Ausbeuter der Armen, da ist der Heuchler, der nach Synagogenehren lechzt und Geld auf Wucher leiht, da ist der Quacksalber, der auf die Dummheit seiner Mitmenschen spekuliert, da ist der Richter, der der Bestechung zugänglich ist, kurz eine Gesellschaft, die des Ortes und einander wert ist. Daß Sifroni alle biblischen Autoren in den Himmel versetzte, ist bei seiner Denkart selbstverständlich. Als Jmanuel auf seiner Reise ins Himmelreich diesen Frommen naht, wissen sie sogleich seinen Besuch zu schätzen, jetzt gäbe es Scherz und Frohsinn; die Verfasser der heiligen Schriften wetteifern, ihn