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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-11-17 · 46 (17.11.1905) · p. Seite 640

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
46 (17.11.1905)
Date
1905-11-17
Page
Seite 640 (sequence 4)
Language
German
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Seile 640. Israelitische Wochenschrift. Nr. 46. Blicke man auf die Arbeitsart der christlichen Theologie, ob da eins der einschlägigen Gebiete vernachlässigt wird. Und bei alledem ist die Bibel der Mittelpunkt, und wir wissen ja, wie sie gerade von der Seite ihres Gedankens stets von Neuem untersucht und erforscht wird. Wir teilen die dort entwickelten Gedanken nicht, wir halten sie für gewagt und nicht bewiesen. Aber es sind neue Gedanken, sie sind das Ergebnis fleißiger Arbeit, sie zeugen von tiefer Wertschätzung desselben heiligen Gegenstandes, den man mit so vieler Anhaltsamkeit zersetzt und zerfasert. Was haben wir dem entgegenzusetzen? Gebt uns Gedanken! Gebt uns überkühne, gewagte Gedanken, aber gebt uns etwas, was wir mit Euch durchdenken, mit Euch durchempsinden, was wir bestreiten können! Liebt nicht auf diesen heiligen Gebieten den Frieden, sondern suchet den Kampf, die Erörterung, die allein beleben kann! Seien wir dem dankbar, der uns etwas recht Wahnwitziges zu bestreiten gibt! Es wird so wahnwitzig nicht sein! Wie sagt Peabody? „Industrien werden durch Zölle geschützt, durch Grenzen verteidigt, aber es gibt keine nationale Grenze für Wissenschaft oder Philosophie und keinen Schutzzoll auf Gedanken. Politische Gegenseitigkeit mag durch Jnteressenfragen und Klugheit gehemmt werden, aber akademische Gegenseitigkeit eilt von Kontinent zu Kontinent, wie ein Vogel ungehindert durch die freie Luft fliegt". Wie kam der Amerikaner auf solche Bilder? Es muß doch auch in der Wiffenschaft eine zurückhaltende Klugheit geben, die die Grenzen sperrt und den freien Gedanken nicht durchläßt. Ein mächtiger Ring kann sich bilden, der für die Wissenschaft ein Hemmschuh sein kann und dem jeder neue Gedanke ein Gräuel ist. Gründe, ihn zu töten oder totzuschweigen, gibt es genug. Da wird er ohne jeden Versuch einer Widerlegung von vorn herein für unmöglich erklärt; da wird ihm, falls er wahr sein sollte der Wert abgesprochen; da wird die Erörterung gescheut, indem man sie ganz offen für unangenehm erklärt, „auch komme nicht viel dabei heraus". Lese man nur, was ein Lessing über solche Gründe gegen die Erörterung Bitteres gesagt hat. Wie soll da ein Fortschritt der Wissenschaft und bei einem sich verlierenden Fach, wie der Talmud, auch nur die Erhaltung möglich sein? „In der Welt der Gelehrsamkeit", sagt Peabody, „heißt es: Wer sein Leben verliert, der wird es wiedergewinnen, und wer seine Gaben verbirgt, dem wird auch genommen, was er hat". Diese neutestamentlichen Wendungen haben ihr Spiegelbild im Midrasch, der da sagt: „Gebt dem Weisen, daß er weise werde. Wer hat, dem wird gegeben, wie dem Bezalel". So sagt Resch Latisch: „In wem wirken die Thoraworte dauernd? In dem, der sein eigenes Selbst ihretwegen tötete". Das heißt doch wohl, wer imstande ist, seine eigene Würde, seinen eigenen Gelehrtenrus vor einem Fortschritt in der Wissenschaft zurücktreten zu lassen. Wer also im Schillerschen Smn Forscher und nicht Brotgelehrter ist. Wer weder die eigenen Gaben verbirgt, noch andere dazu zwingen will, ihre Gaben zu verbergen. Wer in dem wissenschaftlichen Fehler des Anderen den richtigen Kern zum Besten des Ganzen herauszugreifen versteht und wer nicht zürnt, wenn man ihm das Falsche und Halbe nachweist. Ein Judentum ohne Bibel und Talmud, ohne Erörterung, ohne gedankliches Arbeiten hat nie bestanden, und auch wir werden erst dann wieder zu kräftigem Leben erwachen, wenn alle Zweifel, alle falsche Klugheit und die durch Rücksichten aufgerichteten Grenzsperren schwinden. R. Die 2 ‘ ~ ‘ in Rußland. Ueber alle Maßen grauenhaft sind die Meldungen über die mörderischen Verfolgungen, denen in zahlreichen Städten Rußlands, namentlich im Südwesten des Reiches, die Juden ausgesetzt sind. Wenn auch nur der zehnte Teil dessen, was berichtet wird, der Wirklichkeit entspricht, so ist der Welt ein Schauspiel geboten, wie sie ein solches in ähnlicher Schrecklichkeit schon seit Hunderten von Jahren nicht schaudernd erlebt hat. Es gibt keine Grausamkeit, die in den letzten Tagen nicht von einem tierisch verwilderten Pöbel unter der Duldung der Polizei und des Militärs in Odessa, Kiew und vielen anderen Städten an den Juden verübt wurde. Greise, Männer, Frauen und Kinder werden hingeschlachtet, Hab und Gut wird vernichtet, Synagogen, in denen Hunderte von Geflüchteten angstvoll zusammengepfercht sind, werden in Brand gesteckt. Und das Entsetzliche ist, daß hinter diesen grausigen Schlächtereien die Gegenrevolution sich verbirgt, welche seit dem Verfassungsmanifest des Zaren vom 30. Oktober mit fürchterlicher Wildheit eingesetzt hat. Um das Werk der inneren Befreium^». Rußlands, zu welchem die ersten Schritte getan sind, zu hinter-^W treiben, sind die „schwarzen Banden", die „Hundertrotten" entfesselt. Sie sind die Werkzeuge der Bureaukratie, die um ihre Selbsterhaltung zittert, und wie immer kehrt sich die mörderische Arbeit, deren eigentliches Ziel die liberale Intelligenz ist, gegen die Juden. So sehr aber sind, während in Petersburg an der politischen und sozialen Befreiung des russischen Volkes gearbeitet wird, alle Bande der Ordnung in dem weiten Reiche gelockert, daß bei keinem Generalgouverneur Hilfe und Schutz gefunden wird, daß die Polizei sich an Mord und Raub und Plünderung beteiligt, daß das Militär überall, wohin es gerufen wird, sich zu spät einstellt, wenn die Leichen der Ermordeten bereits berghoch aufgeschichtet, die Läden geplündert, die Häuser eingeäschert sind. Fürwahr, es sind schreckliche Zeichen, unter denen in Rußland um die Neuordnung gerungen wird. Und es ist begreiflich, daß dieser namenlose Jammer weit über die Grenzen Rußlands hinaus seine ergreifende Wirkung übt. In Paris, in Wien beschränkt man sich nicht bloß auf rasche Hilfsaktion, man fordert, daß ein Druck von außen geübt werde, um diesem d'e ganze Menschheit schändenden Grauer^ Einhalt zu tun, und in Washington ist zu diesem Zwecke fogo^J eine Demonstration vor dem Weißen Hause geplant. Freilich, man weiß, wie wenig damit geholfen ist. Gegen diese periodisch wiederkehrenden Judenhetzen in Rußland, die seit der Regierungszeit Alexanders III. die Welt immer wieder mit Grauen erfüllen und denen die Behörden immer Duldung, wenn nicht offene Erinunterung zuteil werden ließen, war äußere Intervention niemals wirksam und sie ist jetzt noch weniger aussichtsreich, da die Gegenrevolution offenbar mit planvoller Organisation an die Arbeit geht und bis in die höchsten leitenden Kreise ihren Rückhalt besitzt. Die Judenmassakres sind ein Element der Gegenrevolution, deren Zweck es ist, die Leidenschaften zu erhitzen, die liberale Intelligenz zu verwirren, das Werk der Neuordnung, das kaum noch in Angriff genommen ist, zu stören und zu diskreditieren. Noch ist die Tradition aus der Reaktionszeit Alexanders III. nicht erloschen, noch wirkt der Geist Plehwes in seinen Anhängern und Schülern, deren Einfluß bis in den Zarenpalast reicht und "den schwachen, unentschlossenen Nikolaus II. noch nicht frei gibt. Pobjedonoszew ist gestürzt, Trepow ist geblieben. Dieser Zwiespalt bedeutet eine verhängnisvolle Schwäche in dem Plane des Neubaues, an dessen Verwirklichung Graf 23051411

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