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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-11-10 · 45 (10.11.1905) · p. Seite 632

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
45 (10.11.1905)
Date
1905-11-10
Page
Seite 632 (sequence 13)
Language
German
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Seite 632. Israelitische Wochenschrift. Nr. 45. geschmücktes und Törichtes halte, für die Weltentwicklung nicht wichtiger als etwa die Kartoffelkrankheit, und vorübergehend wie diese. Darmstadt, 16. September 1891. Ltto Roquette. * * * Wie ich fürchte, strebt der Geist unserer Zeiten vorzüglich zur Auflösung hin. Dem einen Teil der Welt sollen alle Bande aushören; alles soll leicht und lustig werden, weil wir des Alten satt, träge und erschlafft sind. Der andere Teil der Menschen, der sich im Besitz, leider auch oft mit Härte und Uebermut fühlet, verachtet die Beschwerden der andern, und scheint die Drommeten von Jericho zu erwarten. Ein nicht erfreulicher Zustand. Ich kenne keine schlimmere Jahreszeit als die, in welcher alle Elemente gegen einander zu sein scheinen, wenn Kälte, Regen und Sturmwinde toben. — Die Staaten Europas sind auf ein System kriegerischer und religiöser Eroberung gegründet; die Pfeiler dieses Systems wanken; die Zeit nagt an ihnen; stürzen sie, so fürchte ich, geht unter den Trümmern des Schlechteren auch das Beste mit unter. Herder: Briefe zur Beförderung der Humanität. * * * Das Wesen der menschlichen Freiheit besteht in Selbstbeherrschung, und deren Vorbedingung ist Selbstprüfung und Selbsterkenntnis. Der Maßstab für die Unkultur der Nationen ist daher heutigen Tages der Grad des Chauvinismus, mit welchem sie die rein animalischen vermeintlichen Vorzüge ihrer Rasse zur Grundlage ihrer Ansprüche machen. Eine gütige Vorsehung hat uns Deutschen eine späte, aber glückliche Entwicklung unseres Staatswesens gewährt; möge sie uns auch die gewohnte Selbstprüfung und Erkenntnis unserer nationalen Schwächen und Fehler bewahren. Rudolf von Gneist. -i- * Viel zu lange hat die falsche, abscheuliche Lehre, daß die Menschen berufen seien, Sünden und Verirrungen der Vorfahren an den schuldlosen Nachkommen fort und fort zu rächen, die Welt beherrscht und die Länder Europas mit Gräueln und Schandtaten befleckt, von denen wir schaudernd uns abwenden. Eines aber ist, was die heutige, antisemitisch sich nennende Agitation nicht vergessen sollte: Haß und Verachtung sind Gefühle, traurig und unerquicklich für den, der sie hegt, peinigend und erbitternd für den davon Betroffenen. Schlimm, wenn, um biblisch zu reden, ein Abgrund den anderen anruft! Unser Wahlspruch sei und bleibe das Wort der Sophokleischen Antigone: „Nicht mitzuhassen, mitzulieben bin ich da." I. v. Döllinger. * * * „— Niemand versteht es besser als gerade Dein Volk, sich der Zeit zu fügen und günstigen Wind abzuwarten, um die Barke sicher zu steuern." „,,D Jammer über die Stunde, welche das Haus Israel solche Kunst gelehrt hat! Aber das Unglück beugt das Herz, wie Feuer das starre Eisen beugt, und diejenigen, welche weder Land noch Fürsten mehr besitzen, müssen vor Fremden kriechen. Das ist unser Fluch — —; Ihr aber, die Ihr Eure Freiheit als Geburtsrecht beansprucht, um wie viel tiefer ist Eure Schmach, wenn Ihr Euch beugt, um den Vorurteilen anderer zu schmeicheln und zwar gegen Eure Ueberzeugung! — — Walter Scott: Jvanhoe, 39. Kap. (1820). * * * Der Antisemitismus ist ein Armutszeugnis des christlichen Geistes unserer Zeit, zugleich ein Mangel an christlicher Nächstenliebe und an Bewußtsein christlicher Kraft. Bonn a. Rh., 26. August 1891. Geheimrat Professor Dr. I. Bona Meyer. Das Leben und das Eigentum Englands wird von den Gesetzen des Sinai beschützt. Dem rastlos arbeitenden Volke Englands wird in je sieben Tagen durch die Gesetze des Sinai ein Ruhetag gesichert. Und doch verfolgt es die Juden und beschimpft das Volk, dem es die erhabene Gesetzgebung verdankt, welche das unvermeidliche Los der arbeitenden Menge erleichtert. Und wenn diese arbeitende Menge eine zeitlang die Arbeit ruhen läßt, welche fast der ägyptischen Knechtschaft gleich kommt, und seinen Darleger der Geheimnisse des Herzens, seinen Tröster des betrübten Geistes verlangt, den die Poesie allein gewähren kann — zu wessen Harfe flieht das Volk von England, um Mitgefühl und Tröstung zu finden? Wer ist der volkstümlichste Dichter in diesem Lande?-Der volkstümlichste Dichter in diesem Lande ist der sanfte Sänger Israels. Seit den Tagen des Erbes gab es niemals ein Volk, welches so oft die Oden Davids sang, als das Volk von Großbritannien.-Abgesehen von seinen bewunderungswürdigen Gesetzen, welche unfern Zustand erheben, und der herrlichen Poesie, die ihn verschönert, abgesehen von seiner heroischen Geschichte, welche uns zum Streben nach politischer Freiheit angefeuert hat, verdanken wir dem hebräischen Volke unsere Erkenntnis des wahren Gottes und der Erlösung von unseren Sünden. Lord Beaconsfield: „Political Biography of Lord George Bentinck." London 1852 und „Tancred". SprecbsclclL'. Eingesandt. Wir erhalten folgende Zuschrift: Sehr geehrte Redaktion! In der Wochenchronik Ihrer Zeitschrift Seite 605 finde ich eine Notiz, daß der D.-J. G.-B. — wie ich in meinem Artikel. anläßlich des 10. Bundestages in Frankfurt a M. angeregt —H statistisches Material über den Umfang des Bedürfnisses von Anstalten für jüdische schwachsinnige Kinder zu sammeln beabsichtigt. Es ist wahrhaft erfreulich, daß endlich auf diesem Gebiet etwas getan wird! Wenn aber die Herren schreiben, daß gerade jüdische Eltern die größte Scheu tragen, ihre Kinder derartigen Anstalten zuzuführen, weil sie befürchten, „daß in den vorhandenen Anstalten die jüdische Religion nicht genügend berücksichtigt wird", so möchte ich alle diejenigen, die dies befürchten, auf mein Institut für geistig zurückgebliebene Kinder, in dem nur jüdische Kinder ausgenommen werden, aufmerksam machen. Mein Institut ist in echt jüdischem Sinn geleitet, wie es die Herren Dr. Hirsch Hildesheimer-Berlin und Albert Katz- Pankow bezeugen können. Wird doch in meinem Institut nicht nur das jüdische Rituell streng befolgt, sondern es werden auch die Kinder zu wahrhaften Juden herangezogen, die in der Befolgung echtjüdischer Tugenden ihr Lebensziel erblicken. Es ist jederzeit und jedermann gern gestattet, sich davon durch Besichtigung meines Instituts zu überzeugen, daß in ihm die jüdische Religion genügend berücksichtigt wird. Ich will hoffen, daß die Herren, die das Zirkular hinaussenden, von Ihrer Behauptung, soweit sie mein Institut betrifft, geheilt sind, und daß ihr Gerechtigkeitsgefühl sie veranlaßt, den diesbezüglichen Satz einzuschränken. Nieder-Schönhausen, Hochachtend Lindenstr. 13. S. Rosenbanm, Direktor.

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