Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 45 (10.11.1905)
- Date
- 1905-11-10
- Page
- Seite 631 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 45 Israelitische Wochenschrift. Sette 631. Ausfluß gegenjüdischer Gesinnungen. Nach wie vor wirken Juden in allen staatlichen und bürgerlichen Würden. So gingen vor einiger Zeit die Bilder eines stattlichen Ehepaars durch die jüdischen Zeitungen, die des Aldermann Isidor Frankenberg und seiner Frau aus Salford. Seit 1887 wirkt Frankenberg in den städtischen Acmtern; augenblicklich hat er das Amt eines Friedensrichters inne. 1901 wurde er Alderman, und er ist nun zum Mayor in Salford gewählt worden. Dabei ist er als eifriger Förderer unseres Judentums bekannt. Er ist Vorsitzender des Jewish Board of Guardians, und kein untätiger Vorsitzender; er vertritt in London den Manchester Branch der Anglo Jewish Association, ist zweiter Vorsitzender des jüdischen Erziehungsverbandes, und so ist er auch ein teilnehmendes Mitglied der jüdischen Gemeinde zu Manchester. Dabei gehört er fünf großen städtischen Behörden und Verbänden an, auch denen des Museums und der öffentlichen Bibliothek. Seine Gattin ist Mitvorsteherin des allgemeinen Frauenkrankenvereins, Mitbegründerin der Kinderbewahranstalt; war früher Schatzmeisterin der jüdischen Kinderschule und unterstützt ihren Gatten sehr wirksam in seinen menschenfreundlichen Bestrebungen. Man hat Rev. Wolfs allgemein zugestimmt, als er in der Manchester Kongregation in einer Sabbatpredigt die Ernennung Frankenbergs zum Mayor in Salford als eine Ehre für die Gesamtjudenheit und als einen Trost für die Gebeugten in den Ländern der Finsternis feierte — und ich merke, ich werde auch Ihre schrankenlose Zustimmung erlangen und Sie werden es als Trost für die lesende Menschheit begrüßen, wenn ich in weiser Selbstbeschränkung den Brief zu enden mich anschicke als Ihr stets getreuer German. Anmikamschtt Aries. Mit Ausnahme der Juden in Rußland selbst sieht wohl niemand der eventuellen Lösung der Judenfrage in Rußland mit solcher Spannung entgegen, wie die Juden in Amerika. Einmal sind sie materiell in hohem Maße an dieser Lösung interessiert, weil ja hauptsächlich die Last der Unterhaltung, der Unterbringung und der Verteilung der noch immer in großen Scharen einwandernden russischen Juden auf ihre Schultern fällt. Sodann haben sie auch ein geschäftliches sowie ein gesellschaftliches Interesse daran, daß dieser gewaltige und vielfach als lästig empfundene Zustrom von russischen Juden aufhöre. Endlich ist auch ein so zu sagen persönliches Interesse vorhanden, denn amerikanische Juden waren es ja, die Witte anläßlich der Portsmouther Friedenskonferenz gewissermaßen gestellt haben. Von dem menschlichen, konfessionellen und verwandschaftlichen Interesse sei hier ganz geschwiegen, denn dieses ist schließlich in dem Maße wohl auch in allen Ländern zu finden. Es waren keineswegs alle Juden in Amerika damit einverstanden, daß die tonangebenden jüdischen Notabeln überhaupt mit Witte verhandeln. Und gerade die erst vor kurzem eingewanderten Juden waren am meisten dagegen, weil sie teils unter dem Eindruck der persönlich erlittenen Drangsale, j teils auf Grund ihrer Kenntnis der Personen, Strömungen und sonstigen Verhältnisse in Rußland der Ansicht sind, daß ' doch nichts mehr helfen könne als die Revolution. Etliche gaben dieser ihrer Ueberzeugung sogar durch Demonstrationen und Ruhestörungen drastischen Ausdruck. Auch solche, die nicht so weit gingen, sind doch der Ansicht, daß die jüdischen Notabeln, die mit Witte in Angelegenheit der russischen Judenfrage verhandelt haben, diesem Staatsmann gegenüber zu vertrauensselig sind. Sie trauen Herrn Witte ganz und gar nicht und begründen dies damit, daß dieser zu Beginn seiner Laufbahn mit dem stark antisemitischen „Neuen Russischen Telegraph" in Verbindung gestanden hat. Später soll er besonders von der russischen Kirchenpartei patronisiert worden sein. Als er 1894 bereits zu den hervorragenden Räten des Zaren gehörte, tat er nichts, als der Zar auf die bescheidene Bitte, daß den Juden in dem übervölkerten Rayon gestattet werde, sich in den brachliegenden, unbewohnten Gegenden im Innern des Landes niederzulaffen, durchaus nicht eingehen wollte. Als Witte ferner im Jahre 1903 der leitende Mann in Rußland war, ereignete sich das Judengemetzel in Kischinew, Wenn auch dafür Plehwe als der eigentliche Arrangeur verantwortlich zu machen ist, so hat Witte es doch nicht verhindert, und jedenfalls hat er nicht für die Bestrafung der Schuldigen Sorge getragen. Er gehörte zur Regierung, als diese der bekannten durch die amerikanische Regierung übermittelten Petition der amerikanischen Juden die Beförderung an den Zaren verweigerte. Daß ein Staatsmann mit solcher Vergangenheit mit ganzem Herzen für die Emanzipation der Juden eintreten werde, kann man nicht glauben. Höchstens dürfte er aus politischer Klugheit und weil er auf diese Weise allein die leeren russischen Staatskassen füllen zu können glaubt, sich der Juden annehmen, ob aber mit Erfolg, und namentlich mit Erfolg für die Dauer, wird stark bezweifelt. Nach einer amtlichen Mitteilung steht es nicht nur noch nicht fest, ob die Paßfrage in dem von dem Juden gewünschten Sinne erledigt werden wird, sondern es werden jedenfalls die in Rußland geborenen oder ausgewanderten Juden, auch wenn sie naturalisiert sein sollten, nicht als ausländische Juden betrachtet, sondern als inländische und dementsprechend behandelt werden. Mit anderen Worten, der ausländische Paß wird ihnen nicht ermöglichen, nach Belieben in Rußland überall Aufenthalt zu nehmen. Wie schlimm es den Juden in Rußland gehen mag, bezeugt indirekt ein Artikel in dem „Kriegsruf", dem bekannten Organ der Heilsarmee. Der Redakteur hatte eine Studienreise durch das düsterste Judenquartier Newyorks gemacht und war erstaunt einerseits über die außerordentlichen Arbeitsleistungen und über die Geduld, mit welcher die ärmsten ihre Sklaverei ertrugen. Es sei schwer für einen Amerikaner einzusehen, inwiefern die Juden, deren Arbeitskraft so entsetzlich ausgebeutet werde, cs in Amerika besser haben, als in der russischen Sklaverei. Daraus aber kann man am besten sehen, wie furchtbar der Druck in Rußland sein muß, wenn die armen Juden, um ihm zu entgehen, die weite Reise über den Ozean nicht scheuen, obgleich sie wohl wissen, daß sie in Newyork für die geringste Entlohnung das Maximum an Arbeit liefern, für wenig Brot viel Blut und Schweiß werden opfern müssen. (•kbinilu’ii »lid Aussprüche brriiljintrr IHiiitnrr »der Indrn und Judentum. Mir ist es unbegreiflich, wie Judentum und Antisemitismus noch offene „Fragen" sein sollen. Wie sehr ich das Ehrenwerte und Tüchtige im Judentum zu schätzen weiß, habe ich an anderer Stelle — durch die Gestalt des Jsaschar in dem Schauspiel Lanzelot — bereits dargelegi. Und so wiederhole ich auch, daß ich den Antisemitismus für etwas nur Ab-