Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 45 (10.11.1905)
- Date
- 1905-11-10
- Page
- Seite 630 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 630. Israelitische Wochenschrift. Nr. 45. griffe gegen das Judentum wirken. Unter dem Begriff der Ehre spricht Cohen zuerst von diesen Dingen, und dieser mächtige Affekt zittert in seinen Worten fühlbar nach. Für ihn handelt es sich bei diesen Angriffen nicht um die Ehre einer atavistischen Gemeinschaft, sondern um eine lebendige Volksgenossenschaft, welche sich als echte Vertreterin eines sittlichen Ideals von hoher Bedeutung fühlt. Einem engeren Kreise 'in Wien ist der geistvolle Vortrag noch in Erinnerung, in welchem Cohen vor einigen Jahren seine Auffaffung des jüdischen Prophetentums dargelegt hat. An diese Gedanken knüpft auch die vorliegende Arbeit mehrfach an. Die Propheten sind es ihm, welche den Gedanken von der einstigen Einigung der Menschenwelt zuerst aussprechen. Das ist ihm der wahre Sinn der messianischen Idee, und darauf beruht der Fortbestand des Judentums, sagen wir genauer, das ethische Recht seines historischen Fortbestehens, daß es den Staatenbund der Menschheit vorbereitet, daß es in der messianischen Idee die Menschheit vereinigt, daß eine Art von wahrhafter Allheit durch diese geschichtliche Idee vertreten wird. Gewiß, das sind nicht allgemeine Auffassungen des Judentums von heute, sondern nur Gedanken eines auserlesenen Kreises. Aber ist denn der Abstand dessen, was als Christentum im Munde und Herzen der Massen ist, von den vornehmsten Geistern der christlichen Welt so viel geringer? Und wenn man, nach einer heute beliebten Methode, das Judentum beurteilt und richtet durch Anführung von Sätzen oder Lehren, die im Mittelaller, in einer Zeit allgemeiner Ver-rohung und drückendster Verfolgung niedergeschrieben wurden — was könnte nach dieser Verfahrungsweise nicht alles den christlichen Bekenntnissen imputiert werden. Es wäre wohl nicht schwer, den Beweis zu erbringen, daß ein Katholik, der sich streng an all das halten wollte, was zum Beispiel von den Kasuisten des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts gelehrt worden ist, in keinem modernen Staate geduldet, geschweige denn zu Aemtern zugelaffen werden dürfte. Cohen rechnet auf den Staat, um für die gegenseitige sittliche Würdigung der Bekenner des Judentums die Einsicht, die Unparteilichkeit, die Sympathie heranzubilden, welche die Glieder des Staates in Eintracht verbinden muß. Ich glaube, er überschätzt an diesem Punkt die mögliche Wirksamkeit des Staates und unterschätzt die Wirksamkeit von Männern wie er selbst. Die Schädigung an Ehre kann der Staat abwehren, äußere Rechtsgleichheit aufrechterhalten oder schaffen. Unparteilichkeit und Sympathie kann nur kommen, wenn die besten Männer und Frauen auf beiden Seiten sich in ihren ethischen Idealen zusammensinden, wenn diese Ideale nicht bloß in Büchern stehen, sondern auch ins Bewußtsein der Massen eindringen, und wenn sich unbeschadet der Vergangenheit und ihrer Differenzen, das Gefühl gemeinsamer sittlicher Ueberzeugungen, der Gedanke einer über die konfessionellen und nationalen Unterschiede hinausreichenden Humanität auf beiden Seiten befestigt. Rur mit diesem geistigen Erbe Lessings kann der unheilvolle Spalt überbrückt werden, und als ein Hüter und Mehrer dieses Erbes sei Cohen herzlich willkommen geheißen!" Lngliscde Briefe, Sollten Sie es glauben, daß ich noch nie solche Festtage durchlebt habe, wie in der Riesenstadt an der Themse? Ein Simchat Thora ist hier ein großes Ereignis. Lange vorher werden die Chosen Thora und Chosen Bereschith bestimmt. Scheu,ini Azereth nachmittag hörte ich von einem Telegramm sprechen, das soeben angekommen sein sollte. Ich glaubte, es sei etwas, was die Weltereignisse beträfe, etwa Delcasse und seine Enthüllungen im „Malin". Es war aber an die North London Synagogue gekommen. Vielleicht etwas über die zionistische Bewegung, über eine neue Rede Zangwills oder etwas ähnliches! Nein! Der Chosen Thora war krank geworden, konnte am nächsten Tage nicht in der Synagoge sein — und dies merkwürdige Ereignis wurde durch den Draht dem Vorstande gemeldet, der sofort daran ging, Ersatz zu schaffen. Man verläßt sich also nicht darauf, daß sich ein Nachfolger für diese Würde schon in der Synagoge treffen würde, sondern sorgt dann mit echt englischer Ordnungsliebe dafür, solche Personenfragen im vora,s zu ordnen. Solch ein Würdenträger hat denn auch seine Pflichten. Er hat am Simchas Thora seinen großen Empfangstag. Oder er veranstaltet eine Festlichkeit für die Kinder; und von den verschiedensten Seiten kommen dann noch Gaben, die zu diesem Zweck gern entgegengenommen werden,, um den kleinen Albionssöhnen den Wert der Thora von der süßen Seite zu zeigen. Oft gehen diese Festlichkeiten in der Gemeindesukkah vor sich, und diese wird dazu noch besonders mit reichem Blumenschmuck versehen. Es gilt für eine Ehre, diesen Schmuck zu liefern. Bei diesen gemütlichen Zusammenkünften werden die Gottesdienste und Predigten, wie nur in einer kleinen Gemeinde des Festlandes, besprochen. So ist ganz besonders eine Predigt Rev. W. Lewins ausgefallen, der am Schemini Azereth über den hohen Wert des Pflichtgedankens als Probstein für das Leben und als höchste Quelle des Glücks gesprochen hat. Sie sehen, unsere Londoner Glaubensgenossen sind nicht die schlechtesten Schüler Kants, wenn sie solche Gedanken so sehr schätzen. Mit dem Gottesdienst der Feiertage war auch die Nelsonseier in den Synagogen verbunden. Eine Anzahl Juden hatte unter Nelson gedient und war bei Trafalgar, wie die englischen Juden mit Stolz hervorheben, zugegen gewesen. Sind wir Juden, sagte Rev. Tribich in der Bredford Hebrew Kongregation am Simchath Thora, nicht die besten Mitkämpfer- Nelsons, der bei Trafalgar für die Freiheit Europas gekämpft hat und gefallen ist? Sind unsere Passah und Chanuka nicht Freiheitsfeste? In der Borough-Synagoge forderte Rev. Rosenbaum die Kinder auf, schon in ihrem Schulleben sich eine Person wie Nelson zum Muster zu nehmen. Sollen die Kinder sich nicht gern solchen Ermahnungen fügen, wenn ihnen die Zeitungen erzählen, daß Mr. H. Libermnnn, Mayor von Kapstadt, 150 Seeleuten ein Fest gab und am Abend eine Feierlichkeit in der City Hall veranstaltete? Zu den diesmaligen Festen ist außerdem ein neu übersetztes Machsor erschienen. Die Piutim sind in wohlgesetzten Versen übertragen, wozu bedeutende dichterische Kräfte herangezogen worden sind. Wissen Sie, von wem ebenfalls einige Piutim in schönen englischen Versen gespendet worden sind? Von keinem geringeren, als von Zangwill — und die von ihm gegebenen Stücke gehören nicht zu den schlechtgelungenen. Und nun macht sich schon der Einfluß des Chanukafestes geltend. Ein feierlicher Militärgottesdienst wird alljährlich an diesem Fest in der Great Synagogue abgehalten. Die Vorbereitungen zu demselben werden schon jetzt getroffen. Rev. Michael Adler hat die Festpredigt übernommen, 1 und an ihn sind alle Briefe über diesen Gegenstand zu richten. Das Einwanderungsgesetz, dessen Härten und Ecken in Zukunft durch das Zusammengehen hervorragender jüdischer Kreise wohl werden abgeschliffen werden, ist tatsächlich nicht ein