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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-11-10 · 45 (10.11.1905) · p. Seite 629

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
45 (10.11.1905)
Date
1905-11-10
Page
Seite 629 (sequence 5)
Language
German
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Israelitische Wochenschrift. Seite 629. Nr. 46. * Das hat man oft gefragt, lebhaft bestritten und mit Eifer behauptet. Indessen die ganze Frage ist ungehörig und beruht auf vollem Mißverstand. Die Bibel ist eine Urkunde und Quelle der Religion und kein Kompendium der Naturwissenschaft, wissenschaftliche Lehrsätze einzeln zu demonstrieren. Es fällt uns daher nicht ein, an eine Naturwissenschaft der Bibel zu glauben. Der religiöse Inhalt ist wohl zu unterscheiden von der natürlichen Anschauung, z. B. der Glaube, daß Gott Himmel und Erde — eigentlich das Hohe und das Niedere — geschaffen hat, von der Anschauung, daß die Erde astronomisch einen Gegensatz zum Himmel bilde, daß die Erde das Niedrige und der Himmel das Hohe sei. Ueber die Richtigkeit der letzteren Anschauung sitzt allein die Naturwissenschaft zu Gericht, über jenen religiösen Inhalt hat sie keine Gewalt. Wenn also, wie es unzweifelhaft ist, die Bibel keine Naturwissenschaft lehren will, sondern Religion, dann möchte es sehr leicht erscheinen, den Konflikt zwischen der Glaubens¬ und der Naturwissenschaft zu lösen. Es sind zwei verschiedene Gebiete, daher suum cuique! Die Theologie, die einst die Naturwissenschaft als ihre unterworfene Domäne behandelte und rebellische Naturkundige sogar verfolgte, gebe diesen unberechtigten Anspruch auf! Und die Naturwissenschaft, die in der natürlichen Schwenkung zum Extrem ihrerseits Gleiches mit Gleichem vergolten, die Theologie für ein ihr zur Vernichtung anheimgefallenes Gebiet erklärt und die Glaubensanschauungen mit dem Bann und Interdikt der Wissenschaft und der öffentlichen Meinung belegt hat, sie ziehe sich auf ihr Gebiet zurück. Sollten aber die alten Ansprüche der Theologie auf das Gebiet der Naturwissenschaft und die neuen Ansprüche der letzteren auf das Gebiet der Theologie nur auf Verkennung ihrer Eigentümlichkeiten ohne irgend einen Rechtsgrund beruhen? Eine nähere Erwägung macht allerdings die Grenz- und Gebietsstreitigkeiten zwischen Theologie und Naturwissenschaft sehr erklärlich, denn die Theologie ist nicht bloß, was ihr Name besagt: Gottesgelehrsamkeit — will sie zu ihrem Gegenstände nicht eine inhaltleere Obstruktion haben, so kann sie sich nicht mit einem Gott begnügen, der die Welt und den die Welt nichts anginge; sie bedarf eines Gottes, der in realem Verhältnis zum Menschen, zur Welt steht. Sie muß vor allen Dingen deshalb auch Anthropologie sein; auch der Mensch ist Gegenstand ihrer Wissenschaft, freilich nur in seiner Beziehung zu Gott. Ehe aber über diese irgend eine Aussage geschehen kann, muß gezeigt werden, was der Mensch ist. Mit der Frage, was ist der Mensch? beschäftigt sich nun die Naturwissenschaft auch und beansprucht deren Beantwortung als ,hre Aufgabe. Aber auch nach dieser Seite scheint eine Grenzlinie sich ohne Schwierigkeit ziehen zu lassen. Die Theologie, so scheidet man, hat die geistige Seite, die Naturwissenschaft die leibliche Seite des Menschen zu erfassen. Jndeß die Naturforscher erheben einen neuen Anspruch, nämlich den, für die Theologie erst festzustellen, ob von einem „Geiste" des Menschen in dem bisherigen theologischen und philosophischen Sinne überhaupt noch die Rede sein könne, oder ob dieser angebliche Geist nur das Produkt leiblicher Funktionen sei. Ist nun letzteres der Fall, so verlieren Theologie und Glaube den Boden unter ihren Füßen. Umgekehrt nimmt die Theologie und der Glaube auch die leibliche Seite des Menschen in Anspruch und tut Aussagen über das Verhältnis dieses Leibes zum Geiste; darum sträubt sich die Theologie gegen die Vormundschaft auch auf diesem Gebiete. Ferner muß die Theologie auch Kosmologie werden und Sätze aus ihr entlehnen; denn der Mensch, ihr nächster Gegenstand, ist unlösbar physisch und psychisch mit dem Weltall verknüpft. Ueber das grundlegende Verhältnis des Menschen zu Gott läßt sich nichts aussagen, ohne zugleich über das Grundvcrhältnis der gesamten Welt zu diesem Gotte zu reflektieren. Ueber dieses Verhältnis spricht sich deshalb die Bibel in ihrem ersten Abschnitt, in dem Schöpfungsbericht aus. Sofort aber fällt ihn die Naturwissenschaft in die Arme und ringt mit ihr um dieses Gebiet; sie bestreitet der jüdischen Urkunde Fähigkeit und Recht, über diese Tinge aussagen zu können. Der Glaube hat eine Basis in der Natur; und eine Naturwissenschaft, die nicht in der nacktesten Empirie verharrt, sondern den Namen einer Wissenschaft verdient, wird notwendig zu Anschauungen leiten, die das Gebiet des Glaubens berühren. Heutzutage sind die äußersten Konsequenzen bloßgelegt. Das ist ein Vorzug. Die volle Freiheit wissenschaftlicher Forschung ist auf beiden Seiten gewahrt. Die Theologie hat sich in Sachen der Natur rein auf den Unterbau des religiösen Inhalts der Bibel zu beschränken, während die Naturwissenschaft sich bewußt bleiben muß, daß ihre wirklich „exakten" Resultate an die höheren Fragen menschlichen Lebens nicht heranreichen. Wir werden erkennen, daß solchergestalt die heutige Naturwissenschaft mit der Bibel nicht streitet. Bekannt ist der Einwand, den man aus der Planetenstellung der Erde gegenüber der Sonne als Fixstern entnommen hat. Man sagt: „die Astronomie hat die Anmaßung der Erdbewohner zerstört, ihren Planeten und sich selbst nicht bloß als Mittelpunkt des Sonnensystems, sondern der ganzen großen Fixsternenwelt zu betrachten; denn sie bildet gegen diese nur einen verschwindend kleinen Teil, einen Tropfen im Weltmeer; und man müßte z. B. anderhalb Millionen Erden zusammenballen, um nur eine einzige Sonne zu bekommen." Wir erwidern dagegen: „Welche Anmaßung ist es, den Maßstab des Großen und des Kleinen, der für die Astronomie seinen Wert hat, auch auf die geistigen Verhältnisse ausdehnen zu wollen! Diese Anmaßung ist nur erklärlich, wenn man nur Materie kennt und keinen Geist. Wie winzig ist der Mensch, wenn wir die Gewichtsmenge aller menschlichen Körper auf Erden zusammenrechneten, im Vergleich zur Tierwelt, oder gar gegen den großen Erdball; und doch ist der Mensch faktisch ihr Herr. Und wieder, wie groß ist der Mensch, welchen Raum nehmen Arme und Beine ein, und siehe da, ein wenig Nervensubstanz im Gehirn ist der Herr dieses großen Leibes, der mit seinen Gedanken über die Erde und in die Sternenwelt schweift! Mag immerhin die Sonne der Mittelpunkt jener ungeheuren Dunstmassen gewesen sein, dessen Rollen um sich selbst die Planeten aus sich entlassen hat. — Die Mathematik ist nur Dienerin, aber nicht Richterin der Naturbetrachtung. prol. Kir-rich Zodl. der Ordinarius für Philosophie an der Wiener Universität, schließt eine Besprechung des Werkes von Prof. Hermann Cohen: „Die Ethik des reinen Willens" in der „bleuen Freien Presse", in welcher er dem Werke seine volle uneingeschränkte Anerkennung zuteil werden läßt, mit folgenden beherzigenswerten Bemerkungen: „Man kann sich leicht denken, wie auf einen so hochgestimmten Geist, der zugleich überzeugter Vertreter des Judentums ist, die in der Gegenwart so beliebten gehässigen An-

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