Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 44 (3.11.1905)
- Date
- 1905-11-03
- Page
- Seite 620 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 620. Israelitische Wochenschrift. Nr. 44. der Liebeskraft derer, die ausgestoßen und verhöhnt sich nicht verbittern ließen. — Offenheimer sprach mit großer Schärfe über einen zur Prunksucht verleitenden Trieb nach Anerkennung, der viele Juden unbürgerlich und anmaßlich erscheinen läßt. Er erklärte dieses freilich aus der Nötigung, dem Vorurteile gegenüber immerdar seine Bildungsstufe zu erweisen.- Mir war es neu, einen Mann von den heiligen Lehren durchaus nur als von Weisheitslehren reden zu hören, und ich habe von da an noch mehrfach erfahren: die gebildeten Juden sind nicht sowohl Juden als vielmehr Nichtchristen. — B. Auerbach: Waldfried. * * Den Priester rufst du wieder zur Jüngerschaft Des großen Stifters, machest zum Untertan Den Jochbeladnen Landmann, machst du Juden zum Menschen. — — — Wen faßt des Mitleids Schauer nicht, wenn er sieht, Wie unser Pöbel Kanaans Volk entmenscht! Und tut der's nicht, weil unsere Fürsten Sie in zu eiserne Fesseln schmieden? Du lösest ihnen, Retter, die rostige. Engangelegte Fessel vom wunden Arm; Sie fühlen's, glauben's kaum. So lange Hat's um die Elenden her geklirret.- F G Mopstock: An den Kaiser (Joseph II.) 1781. * -ft B. Auerbach besaß die höhere Kunst, auch ganz gewöhnliche Menschen anzuregen, eine Fähigkeit, in der es Goethe zur höchsten Meisterschaft gebracht hat. Es ist klar, daß dies Talent und seine hingebende Uebung die Grundbedingungen sind, damit ein Mensch es lerne, den andern gegenständlich, greifbar und farbig darzustellen. Es ist ein Vorzug der Juden, daß sie, auch ohne auf Auerbach's Höhe zu stehen, jenes Talent im allgemeinen pflegen. Wo sie nicht rechtlich verfolgt sind, wo nicht Neid und Rohheit oder christliche Unduldsamkeit sie, dem Gesetze entgegen, belästigt, da sind sie doch noch häufig genug durch Vorurteil und Engherzigkeit auf einander angewiesen. Die Folge davon ist, daß sie enge zusammenhängen, und die Edelsten unter ihnen, ein Gabriel Rießer, ein Johann van Deen, ein Berthold Auerbach, zeichneten sich dadurch aus, daß sie die Pflicht, ihre minder begabten Stammesgenossen zu beschützen, in der gewissenhaftesten und frommsten Weise betrieben, daß sie, ungläubig wie sie waren, Religion übten. Natürliche Folge davon ist, daß gebildete Juden häufig die allerungebildetsten und bisweilen auch sehr wenig begabten Verwandten in ihren Kreis ziehen, denen sie hochherzig das Gefühl, Schützlinge oder gar Hülfsbedürftige zu sein, zu nehmen trachten. Wer nun als Freund in ihre Kreise tritt, der muß oft auch untergeordnete Naturen in Kauf nehmen, zu denen er keine Fühlung hat, aus denen aber ihre besser gestellten Verwandten das Beste hervorzulocken sich bemühen, indem sie ihnen das tägliche Brot in himmlische Manna verwandeln. Jacob Moleschott: Hermann Hettner's Morgenrot. * * So lange die Welt steht, haben Menschen der Raserei ihrer Brüder nicht mit größerem Heroismus einen passiven Widerstand entgegengesetzt, als die Juden in der großen Verfolgung des 14. Jahrhunderts. Johannes Scherr. Die Politik. Wetersöurg. Der Tod des Jürsten Kruvehkoi hat auch in jüdischen Kreisen große Trauer hervorgerusen. Ein Schüler und nachmaliger Freund des bekannten russischen Philosophen Solowiew war er wie dieser ein Menschenfreund voll Edelmut und Nächstenliebe. Als Mann, der mitten im praktischen Leben stand, suchte er stets und überall wo er nur konnte, diese seine edlen Gesinnungen ins Praktische zu übertragen. Am 19. Juni stand er an der Spitze einer Deputation vor dem Zaren. In seiner bei diesem Anlaß gehaltenen Rede vergas; Trubetzkoi nicht, den Selbstherrscher auf die nichtrussischen Nationalitäten aufmerksam zu machen und ihn daran zu erinnern, sämtliche Einwohner Rußlands, gleichviel ob sie die gleiche Religion mit der herrschenden Rasse haben oder nicht, so zu stellen, daß sie in Rußland ihr Vaterland sehen könnten. Kurz vor seinem Hinscheiden war es ihm noch vergönnt gewesen, auf einem kleinen Gebiet des öffentlichen Lebens eine selbstständige Rolle zu spielen. Als Rektor der Moskauer Universität war sein erster Schritt, die schmachvolle prozenutale Form wenigstens für diese Universität aufzuheben. Seinem Beispiel folgte ein großer Teil der übrigen Universitäten, sodaß mehr als 1000 jüdische Jünglinge, die sonst vergebens an den Pforten der Universität gepocht hätten, ihre Aufnahme in einer öffentlichen Lehranstalt der Initiative des verstorbenen Trubetzkoi zu verdanken haben. Daher haben zahlreiche jüdische Gemeinden zu Ehren des Andenkens des verstorbenen Fürsten Trubetzkoi Gottesdienste abgehalten. Mehrere Gesellschaften und Institutionen haben in Moskau und Petersburg auf das Grab des Verstorbenen Kränze gelegt. Andere Gemeinden haben der Witwe des Verstorbenen Kondulationsdepeschen geschickt, in welchen sie ihr tiefes Bedauern über den schweren Verlust ausdrücken, den die Menschheit und der russische Staat durch den Tod des Fürsten erlitten haben. Für die russischen Juden zu arbeiten, hat sich der Schriftsteller Müller-Czerny, der Herausgeber der Zeitschrift „Für Wahrheit und Recht" in Frankfurt a. M. zur Aufgabe gestellt. Er schreibt in seiner Zeitung an leitender Stelle: „Nachdem es mir vergönnt war, einen Einblick zu tun in das Jammerleben der armen sowie der reichen Juden Rußlands, bin ich zu der Ueberzeugung gekommen, daß nur rasche Hilfe schweres Unheil verhindert aber auch, daß alle bis dahin gemachten Verbesserungsversuche in falscher Form ausgeführt oder gewagt wurden. Es kann nicht meine Aufgabe sein, an dieser Stelle kundzugeben, wie ich es anfangen werde, etwas zu erreichen. Es darf genügen, daß ich fest entschlossen bin, ohne Rücksicht auf Gefahren oder Hindernisse viel zu wagen. Ich bin zwar kein Jude, aber ich fühle mich als Mensch, Journalist und Schriftsteller dazu berufen, mit allen meinen Kräften, mit der Riesenwillenskraft, die ich in mir fühle, zu versuchen meine Pläne auszuführen. Sollte es mir gelingen, hervorragende Erfolge zu erzielen, so dürfte mein Vorgehen vielleicht auch noch andere Nichtjuden veranlassen, meine Bestrebungen zu unterstützen und nachzuahmen zu versuchen. Ich glaube bestimmt, „daß ich, da ich mich als Deutscher vor nichts auf Erden und als ehrlicher Christ noch nicht einmal vor meinem Heiligsten, „meinem Gott" fürchte, das erreichen werde, was ich zunächst will". Das Bewußtsein des Dankes Hunderttausender unglücklicher unschuldiger Menschen wird mir selbst, wenn ich bei meiner Mission zugrunde gehen sollte, bis über das Leben hinaus die herrlichste Genugtuung sein. Nach Erreichung des ersten Teils meines Programms in Petersburg werde ich, begleitet von nur einigen Getreuen, ganz Rußland, selbst die unwirtlichsten Teile besuchen und der zivilisierten Welt in einem Werke ehrlichen Bericht erstatten über das, was ich gesehen, gehört und erlebt habe. Und gerade jetzt zu einer Zeit, wo man Gelegenheit hat, oft Augenzeuge der gemeinsten Greuel zu sein, dürfte eine Rundreise durch Rußland für die erwähnte Sache von ganz hervorragendem Nutzen sein.