Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 44 (3.11.1905)
- Date
- 1905-11-03
- Page
- Seite 618 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/5369809-9607691-9606364-9607003--9667-9607013- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 618. Israelitische Wochenschrift. Nr. 44. Sühne durch Christi Erlösungstod, Gnadenwahl, Vergöttlichung Jesu, Auferstehung des Fleisches sind vernunftwidrig und unannehmbar; seine Ethik ist widerspruchvoll und minderwertig. Sein Verdienst besteht in dem Bruch mit dem Judentum und seiner Gesetzesgerechtigkeit und in der Begründung der sittlichen Autonomie. Hier hat die Entwicklung anzuknüpfen. Die Reformatoren haben die Weiterbildung versucht, aber sie ist ihnen nicht gelungen. „Die Aufgabe, ohne Scheu vor über- < lieferten Satzungen und Dogmen das Prinzip der Autonomie auf Grund der Einwohnung des göttlichen Geistes im Menschen durchzuführen, ist heute für uns dringlicher geworden, als sie es zu irgend einer früheren Zeit war". Indem Paulus die Stimmung der vom Geist Gottes erfüllten Seele als Liebe beschreibt, nähert er sich der Johanneslehre. Die fünf Schriften, in denen diese niedergelegt ist, stammen nicht vom Apostel dieses Namens, sind aber Erzeugnisse seiner Schule. Bleiben wir der einfacheren Redeweise wegen bei dem Personennamen Johannes, so können wir sagen: Dieser Johannes ist ein Mystiker, der die alexandrinische Logoslehre ins paulinische Christentum einführt und - aber ganz naiv — einen Jesus erfindet, von dem er diese Logoslehre als Offenbarung empfangen zu haben sich einbildet. Er hat „das Wesen der Religion besser als sein Vorgänger erfaßt, indem er das Leben materiell in das Einssein mit Gott, formell in die Einheit von Erkenntnis und Liebe setzte und der verwahrlosten Ethik des Paulinismus an der Liebe die regulative objektive Idee gab, deren sie bedurfte; aber er hat sich hier so wenig wie in anderen Punkten von den Jrrtümern der Tradition losreißen können; hat zum Beispiel die Liebe auf die Gotteskinder beschränkt und die Ungläubigen dem Teufel übergeben und so zuerst bewiesen, in welchem Grade das Dogma intolerant macht. Aber das johanneische Dogma von der Gotteskindschaft, die nur nicht auf den erdachten Christus und auch nicht auf den engen Kreis der Gläubigen beschränkt werden darf, macht die ganze Ausbeute dessen aus, was wir vom Neuen Testament brauchen können. Sie ist das Positive, während die paulinische Autonomie, die Befreiung vom Gewissenszwang, nur die negative Vorbedingung ist. Aller Fortschritt der Religion hängt daran, „daß das Jmmanenzproblem als das esoterische Zentralproblem der Religion erkannt wird und die Bedingungen seiner Lösbarkeit durchschaut werden". lllkdinil im Talmud. Herr Dr. I. Pagel, Professor an der Berliner Universität, eine Autorität ersten Ranges auf dem Gebiete der Geschichte der Medizin, hat den sensationellen Vortrag „Ueber den Versuch am lebenden Menschen", den er beim Deutschen Naturforschertage zu Breslau am 21. September 1904 (auch zur Abwehr der vehementen Angriffe in parlamentarischen Körperschaften gegen experimentierende Aerzte) gehalten, in Heft 9 und 10 der „Deutschen Aerzte-Zeitung" veröffentlicht und sich veranlaßt gesehen, seiner Publikation nachfolgenden Brief anzufügen: „Als eine für einzelne Kreise vielleicht willkommene Ergänzung sei ein mit dem Inhalt meines Vortrages allerdings nur in sehr entferntem Zusammenhänge stehendes Schreiben hier noch veröffentlicht, das aus Anlaß meines in Breslau gehaltenen Vortrages mir von dem auch als Naturwissenschafter und besonders als Vogelkundiger wohl berufenen Herrn Dr. Placzek-Brünn (Mähren) zugegangen ist. Es lautet: Brünn, den 25. September 1904. Verehrtester Herr Professor! Den Referaten über die Vorträge im Naturforscher- Kongreß gestatten Sie mir freundlichst, einige vielleicht verwendbare Randglossen anzufügen: Galenus aus Pergamus, der im zweiten Jahrhundert nach Chr. lebte und ein System der Medizin stiftete, das sich beinahe 14 Jahrhunderte herrschend erhielt, hat den Bau des menschlichen Körpers nur an Affenleichen studiert, welche er zugleich als die menschenähnlichste Form unter allen Tieren erkannt hatte. Nach Celsus sollen schon Herophilos aus Chalcedon und Erasistratos aus Keos (300 v. Chr.) sogar lebende Verbrecher seziert haben. Es wird auch angenommen, daß altägyptische Priester bereits Anthropotomie betrieben. Eine Vivisektion bei Menschen findet nach der Auffassung Raschis Erwähnung in Niddah 39b. Es sind da 2 Versionen. Nach der ersteren wird als Einwand gegen eine Ansicht R. Jsmaels angeführt: „Sklavinnen der Königin Kleopatra, die zum Tode verurteilt waren, untersuchte man durch Vivisektion und fand am 41. Tage nach der Empfängnis den Unterschied der Geschlechter bei den Embryonen entwickelt." Nach der zweiten Version der Tosifta 4 erhob R. Jsmael den Einwand wider seine Gegner in einer halachistischen Anschauung. Da heißt es jedoch, daß man das männliche Geschlecht am 41. Tage, das weibliche erst am 81. Tage erkenne. Allerdings wird dem Berichte keine Beweiskraft zuerkannt: man kann keinen Beweis bringen von Toren". Damit soll entweder die Unzuverlässigkeit ägyptischer Angaben dargetan oder die Vornahme einer Vivisektion verurteilt werden. Immerhin ist die Stelle für Aegyptologen bedeutsam schon des Nachweises wegen, daß die Aegypter Anthropotomie betrieben. Mehrere halachistische Diskussionen über die Leibesfehler, welche einen Ahroniden zum Priesterdienste untauglich machen, ferner über Teile menschlicher Kadaver, die nach verschiedenen Kategorien verunreinigen — bei welcher Gelegenheit jener Sektionsbefund als Beweismaterial zum Behuf einer ritualgesetzlichen Dezision angeführt wird — oder inbezug auf Verstümmelungen, durch die ein Sklave seine Freiheit erhält, weisen ebenfalls mit Bestimmtheit auf mehrfache eingehende, pathologisch-anatomische Untersuchungen des "reichlichen Körpers hin (Bechoroth 45a, Ohalot 1, 8; 2, 1, Mvdah 49b, Kiduschin 25a, 55a, Negaim 6, 7). Embryologische Forschungen, die Entwicklungsphasen des menschlichen Fötus betreffend und mit denen der Tiere verglichen, finden sich Niddah 25 a, 31a, Sotah 45 b. Chirurgische Operationen werden erwähnt, welche man an Menschen und Tieren vorgenommen, die sogar etwas Organoplastisches an sich haben: bei Menschen das Zunähen einer aufgeschlitzten Bauchhaut, die künstliche Ersetzung eines verletzten Schädelteiles durch eine trockene Kürbisschale; ferner eine Art Tracheotomie bei einem Schafe — der Riß in der Luftröhre desselben verbunden und ausgefüllt mit einem Rohrplättchen; die Luxation des Hüftknochens einer Henne geheilt durch einen angelegten Röhrenverband; ein lebend abgerupfter Hahn wird in die Schürze eines Schmiedes gehüllt, der Ofenwärme ausgesetzt und erhält ein neues stärkeres Gefieder. Die letzteren Versuche werden ausgeführt von Simon b. Chalafta, der den Beinamen „Experi- > mentator" führte und den Wahlspruch „ich will sehen und