Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 44 (3.11.1905)
- Date
- 1905-11-03
- Page
- Seite 617 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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7-„V Nr. 44. Israelitische Wochenschrift. Seite 617. Periode seines Lebens - war von außerordentlicher Wichtigkeit für ihn,denn während dieser Zeit hatte er Gelegenheit, das Material zu einem epochalen, man darf sagen, für alle Zeiten unvergänglichen Werke, nämlich zu seiner Gallia Judaica, zu sammeln. Was dieses Werk der jüdischen Wissenschaft bedeutet, welchen immensen Fleiß und Gelehrsamkeit es in sich birgt, wissen wenige nur — aber es sind die Auserwählten. Die Gallia Judaica involviert eine Geschichte der Juden in Frankreich. Was je in irgend einer einzelnen französischen Stadt, in der Juden wohnten, passierte, wer von hervorragenden Männern des Judentums sich dort aufgehalten)" hat Groß genau registriert, und von manchem Urteilsbefähigten ist das Buch, als es im Jahre 1897 erschien, als das bedeutendste jüdische Buch dieses Jahrzehnts bezeichnet worden. Die Schicksale des Buches sind interessant genug, um auch mit einigen Worten gestreift zu werden. Groß schrieb es ursprünglich in deutscher Sprache, aber er fand keine Möglichkeit, das Buch unterzubringen. Nach mannigfachen Irrfahrten wurde das Manuskript von der Alliance Jsraolite Universelle erworben, die es durch Mo'ise Bloch ins Französische übertragen ließ und die Drucklegung gar bald bewerkstelligte. Eine ähnliche Literaturgeschichte der Juden in Deutschland, wie sie Groß für Frankreich geschrieben hat, liegt noch in weiter Ferne. Das erst in neuester Zeit geplante, groß angelegte Werk Monumenta germaniae judaica dürfte dem Groß'schen Werke entsprechen. Das Werk „Gallia juvaica" wird unumstritten als grundlegend bezeichnet und sichert seinem Verfasser einen ehrenvollen Namen für alle kommenden Jahrhunderte. Bald nach seiner Pariser Periode, im Jahre 1869 nahm Groß Aufenthalt in Berlin, wo er mit den damaligen führenden Geistern in regen Konnex trat. Aus dieser Zeit datieren auch die bereits eingangs erwähnten Beziehungen zu Leopold Zunz. 1870 folgte er einem Rufe nach dem oberschlesischen Städtchen Gr. Strelitz, wo er den verwaisten Rabbinatssitz, der vor ihm von bedeutenden Männern besetzt war, einnahm. Von dieser Zeit ab datieren seine zahlreichen Einzelarbeiten, die in den verschiedensten Zeitschriften erschienen und deren literarisch-wissenschaftlicher Wert auch heute noch feststeht. Nach Augsburg wurde Groß im Jahre 1875 berufen. In dieser Stadt hatten sich allmählich wieder eine große Anzahl Judenfamilien niedergelassen, nachdem die alten beschränkenden Maßregeln, die gerade Augsburg inbezug auf die Juden lange Zeit aufrecht erhielt, gefallen waren. Noch im Jahre 1803*) durfte kein Jude in Augsburg wohnen, und der hohe Rat dieser Stadt zerbrach sich den Kopf darüber, weil ein jüdischer Restaurateur, der sich in Augsburg niedergelassen hatte, aber abends die Stadt verließ, um morgens wiederzukehren, den später gebilligten Vorschlag gemacht hatte, daß wenigstens seiner Frau, die doch kein Jude, sondern eine Jüdin sei, das Recht, in Augsburg über Nacht bleiben zu dürfen, gewährt werden möge. — Auch in vielen anderen bayrischen Städten — Nürnberg, Rothenburg 0. d. T., Nördlingen usw. — waren den mittelalterlichen Judengemeinden, die durch Vertreibung der Juden ein Ende gefunden hatten, neue blühende Gemeinden durch den Zuzug der Juden aus den benachbarten Landgemeinden gefolgt, und speziell Augsburg nahm in den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts eine Menge Juden, die aus Jchenhausen, Hürben, Fellheim, Buttenwiesen usw. zugezogen waren, auf. Der weit *) S. Geschichte der Juden in der Reichsstadt Augsburg. Augsburg 1803 (anonym erschienen, Verfasser ist von Stetten). ausgedehnte Rabbinatsbezirk erforderte eine energische Kraft, und Dr. Groß fand ein Gebiet vor, das Schaffensfreudigkeit verlangte. In der Stadt selbst wußte sich Groß bald eine angesehene Stellung zu erringen, und auch bei den nichtjüdischen Bürgern ist er hochangesehen. Seine Vorträge im Historischen Verein für Schwaben und Neuburg zählten stets zu den bestbesuchten, und in ihnen kam ein Teil der literarischen Leistungen Groß's auf nichtjüdischem Gebiete zur Geltung. Vor einigen Jahren erst erhielt Groß den Beweis des Vertrauens seiner bayrischen Kollegen, indem er mit der Abfassung eines heute in den höheren Schulen offiziell eingeführten Lehrbuchs der jüdischen Religion betraut wurde. Noch mannigfache Pläne beschäftigen den Jubilar. Wünschen wir ihm, daß er alle glücküch zu Ende führe, und daß er noch weiter Ersprießliches leiste — zu seiner Genugtuung und zur Vertiefung unserer Literatur. Das Christeatam des Ueueil Teltameats. Im Jahre 1870 hat Eduard von Hartmann unter dem Pseudonym F. A. Müller Briefe über die christliche Religion herausgegeben. Sie sind jetzt (bei Hermann Haacke, Sachsa im Harz) in zweiter, umgearbeiteter Auflage unter dem Titel „Das Christentum des Neuen Testaments" erschienen. Eine vollständige Inhaltsangabe hat hier nicht Raum; nur die Hauptgedanken (nach einem Artikel von Karl Jentsch in der „Zukunft"): Der wirkliche Jesus war ein nationaljüdischer Thronprätendent und steht uns in religiöser Hinsicht völlig fern. Er „geht uns, religiös betrachtet, gar nicht mehr an, weil die Voraussetzungen, auf denen sein Leben und Wirken beruhte, im Strom der Zeit spurlos dahingeschwunden sind". Er war ein menschenfreundlicher Mann, ist aber in der Humanität hinter dem Talmud zurückgeblieben. In der Erwartung, daß ein Wunder das messianische Reich bringen werde, die Regelung irdischer Verhältnisse sich darum nicht lohne, lehrt er eine Moral, die ganz unbrauchbar und eigentlich das Gegenteil von Moral ist: Negation des Eigentums, der Arbeit, der Familie, des Staats, aller sozialen Institutionen. „Kein Genie, sondern ein Talent, das aber bei völligem Mangel gediegener Kultur im Durchschnitt nur Mittelmäßiges produziert und nicht vor zahlreichen Schwächen und bedenklichen Verirrungen zu schützen vermag; ein stiller Fanatiker und transszendenter Schwärmer, der trotz angeborener Menschenfreundlichkeit die Welt und das Irdische haßt und verachtet und jedes Interesse dafür als dem einzig wahren transszendenten Interesse schädlich erachtet; ein liebenswürdig bescheidener Jüngling, der durch merkwürdige Verkettung von Umständen zu der damals epidemischen Idee kommt, der erwartete Messias zu sein, und an deren Folgen untergeht". Im ganzen eine nicht sehr bedeutende Persönlichkeit, deren Name der Welt unbekannt geblieben wäre, wenn ihn nicht Paulus, der Gründer des Christentums, für sein Lehrgebäude verwendet hätte. Für Gott hat Jesus sich nicht gegehalten. Taufe und Abendmahl hat er nicht eingesetzt; auch am Kreuz kein Blut vergossen, denn er ist nicht angenagelt, sondern nur angebunden worden. Alle solche Dinge sind von den Synoptikern, denenJesus nicht der historische ist, in seine Lebensgeschichte und in seine Lehre hineingetragen worden, weil der inzwischen entstandene Paulinismus sie forderte. Jesus selbst war ursprünglich nur ein Johannesjünger, und was man sein Evangelium nennt, die Verkündung des nahen Gottesreichs, ist eigentlich das Evangelium des Täufers. Pauli Dogmen: Erbsünde, stellvertretende M