Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Journal
- Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
- Volume
- Israelitische Wochenschrift
- Issue
- 44 (3.11.1905)
- Date
- 1905-11-03
- Page
- Seite 616 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 616. Israelitische Wochenschrift. Nr. 44. forschung für das damalige Judentum fast aller Länder geworden Was aber mehr besagen will als all das Bedeutende, was Raschi für seine und die Folgezeiten geschaffen: sein großartiges Wirken dauert noch in unfern Tagen fort, läßt nach jahrhundertelanger Bewährung die ihm dargebrachten Huldigungen um so tiefer begründet erscheinen. „Gott der Herr gab mir eine Zunge der Belehrung, daß ich wisse, den Geistesmüden mit dem Wort zu kräftigen": das durfte Raschi nicht bloß als Erklärer des Talmuds, sondern auch auf einem andern, nach bedeutsameren Gebiete vollberechtigt von sich sagen: In der Tat: so herrlich er als Meister des Talmuds vor uns steht, sein Verdienst um das Judentum wäre unvollkommen, hätte er seine ausgezeichnete Begabung als Lehrer und Erklärer nicht auch auf dem eigentlichen Urboden des Judentums betätigt. Denn für alle Zeiten bleibt die Bibel und innerhalb dieser besonders die Thora die Grundlage des Judentums. War nicht die Vorlesung aus der Thora von vornherein bestimmt, Mittelpunkt und Seele des Synagogengottesdienstes zu bilden? Kann es geleugnet werden, daß mit dem unter unseren Verhältnissen hereingebrochenen, fast völligen Verfall dieser Lebensinstitution des Judentums unser gesamter Synagogengottesdienst dahinwelkt und verfällt? Für die in Raschis Zeit erwachte, lebendige Teilnahme an der Religion ist es bezeichnend, daß über der Beschäftigung mit dem Talmud die Bibel nicht vernachlässigt wurde. Hätten wir keinen anderen Beweis hierfür, so wäre es der, daß Raschi außer seinen Erklärungen zum Talmud solche auch zu fast allen vierundzwanzig Büchern der Heilgen Schrift abgesaßt hat. Ueberaus lehrreich ist es, daß hier sein Wert weit weniger auf der Seite strenger Wissenschaftlichkeit liegt, als vielmehr, noch ausgeprägter als beim Talmudkommentar, auf seiten seiner wunderbar volkstümlichen Richtung und leichten Zugänglichkeit.' Er verleugnet hier ebensowenig wie beim Talmudkommentar den geborenen Lehrer einerseits und den Sohn des französischen Bodens andererseits, jenes durch die überraschende Faßlichkeit, Klarheit und Durchsichtigkeit, dieses durch die anziehende Leichtigkeit und fesselnde Gewandtheit. Solche Eigenschaften haben den Kommentaren Raschis zu den biblischen Büchern einen Einfluß gesichert, mit dem kein anderer selbst der wissenschaftlich am höchsten stehende Kommentar aus dem jüdischen Mittelalter sich zu messen vermag, sie haben sie zu den im Judentum volkstümlichsten Kommentaren, zu den verbreitetsten und bekanntesten Erzeugnissen der jüdischen Literatur nächst dem Bibeltexte selber, und Raschis Kommentar zur Thora insbesondere zu einem in israelitischen Kreisen einst fast nirgends vermißten Familienbuch, zum Zwillingsbruder des Thoratextes gestempelt. Doch darf nimmer außer Acht gelassen werden, daß Raschi trotz des äußerlich so einfachen Gewandes, in dem seine Bibelerklärung auftritt, eine hohe Begabung auch für diese an den Tag legt. Denn, geleitet gewissermaßen von einem natürlichen wissenschaftlichen Ahnungsvermögen, sehen wir ihn fast überall den wahren Sinn und rechten Zusammenhang herauöstnden. Dieser erhabene Vorzug verdient um so nachdrücklichere Erwähnung, als die Auslegung der gleichzeitigen nichtjüdischen Bibelerklärer noch in schweren Ketten geistiger Gebundenheit einherkeuchte, sodaß bei der Vergleichung ihrer Leistungen mit denen Raschis ein Unterschied wie zwischen Finsternis und Licht uns entgegentritt. Wenn wir hinzufügen, daß Raschi vermöge des von ihm eingeschlagenen Weges vernunftgemäßer Auslegung den mächtigen Anstoß zu einem in der Folgezeit sich entfaltenden wissenschaftlich gerichteten Aufschwung der Brbelerklärung sowohl innerhalb der eigenen Schule, wie in dem sie umgebenden Lager der Tochterreligion des Judentums abgegeben hat, so wissen wir wohl, daß gewisse Brüder und Schwestern selbst diese unbestreitbaren Verdienste nicht für ausreichend Hallen werden, um eine Gedenkfeier für Raschi noch nach achthundert Jahren darauf zu begründen. Ob den Genannten wohl die Tatsache mehr beachtenswert erscheinen wird, daß sogar die neuzeitliche Entwicklung der Tochterreligion des Judentums von Raschis Geist beeinflußt worden ist, indem in der bahnbrechenden Bibelübertragung, welche die Grundlage jener religiösen Neubildung und unserer neuhochdeutschen Sprache zugleich bildet,- die Spuren der Raschischen Bibelauslegung auf Tritt und Schritt zu erkennen sind? Wir, denen das Judentum noch eine Lebensmacht ist, wollen diese Unparteiischen ihrer eigenen Verantwortung überlassen. Uns bleibt Raschi der leuchtende Edelstein, den die unendliche Güte in die finstere Sturmflut hineingeworfen hatte, die zu seiner Zeit mit wilder Gewalt wider unsere Vorfahren heranbrauste. Nicht nur die um ihn herum entstandene Finsternis hat er erhellt — das ebenso milde wie starke Licht seines tiefeindringenden und dennoch volkstümlichen Geistes, seines fleckenlosen Charakters, seiner innigen Frömmigkeit, seiner tiefen Bescheidenheit, Sanftmut und unverfälschten Vorurteilslosigkeit ist uns heute, nach achthundert Jahren, keineswegs erloschen, wie blendend auch der Tagesglanz ob unfern Häupten strahlte. G Dt*. Heinrich Gros!. Ein Lebensbild von Louis Lamm-Berlin. Am 6. November d. I. begeht einer der bescheidensten Gelehrten seinen 70. Geburtstag. Seine.Bescheidenheit ist es, die zur Folge hat, daß dieser Mann, der der Wissenschaft des Judentums schon so viel geleistet, dessen unermüdlicher Gelehrtenfleiß so manches bedeutsame Werk geschaffen, viel weniger bekannt geworden ist, als er es verdient. Es ist Herr Dr. Heinrich Groß, der Rabbiner der alten schwäbischen Haupt- . stadt Augsburg. Dr. Groß feiert in diesem Jahre außer seinem 70. Geburtstage auch noch zwei andere Jubiläen: er ' gehört 35 Jahre dem Rabbinerstande an und wirkt seit 30 Jahren in seinem gegenwärtigen Domizil; Veranlassung genug, dem verdienten Manne einige Worte zu widmen. Dr. Groß ist am 6. November 1835 in Szenicz in Ungarn geboren. Er erhielt einen Teil seines rabbinischen Wissens in der Schule des R. Juda Aszod. Er war einer der ersten Besucher des in den fünfziger Jahren gegründeten Breslauer Seminars (1859—66) und hatte später Gelegenheit, sich sehr viel in der Nähe des Altmeisters Zunz aufzuhalten. Bei der großen Verehrung, die Groß für Zunzens wissenschaftliche Tätigkeit auf dem Gebiete der jüdischen Literatur hegte, darf es nicht Wunder nehmen, daß letzterer nicht ohne Einfluß auf sein eigenes Schaffen blieb. In mannigfachen Aufsätzen hat er die wissenschaftlichen Methoden des Altmeisters zur Anwendung gebracht. Als Groß an der Universität Halle seine Doktordissertation, die ein Thema über Leibniz behandelte, einreichte, wurde er dafür mit einem Preise ausgezeichnet. In jungen Jahren begab er sich dann nach Paris, wo er ein Engagement im Hause des bekannten Philanthropen und Literaturmäcens Baron Horace Günzburg fand. Diese