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Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums · 1905-11-03 · 44 (3.11.1905) · p. Seite 615

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Journal
Israelitische Wochenschrift für die religiösen und socialen Interessen des Judenthums
Volume
Israelitische Wochenschrift
Issue
44 (3.11.1905)
Date
1905-11-03
Page
Seite 615 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 44. Israelitische Wochenschrift. Gelte 615. hervorzubringen. Allein ein wohl nicht minder ehrenvolles Gedenken unserer eigenen Vergangenheit, nämlich des altrheinischen Judentums, ist mit der dankbaren Erinnerung, die wir heut Raschi weihen, verknüpft. Deshalb nämlich, weil Raschi den größten Teil der jüdischen Wissensschätze, die er aufgespeichert, dem rheinischen Boden zu verdanken hatte. Obwohl offenbar seine heimatlichen Umgebungen von talmudischer Gelehrsamkeit gleichsam durchtränkt waren, diese schon vor seiner Geburt in seiner Familie heinnsch gewesen war und er jedenfalls von Kindesbeinen an auch den Unterricht seines talmudkundigen Vaters genossen hatte, trieb es ihn unwiderstehlich in die Ferne, um das daheim erworbene Wissen zu vervollkommnen und zu vertiefen, was er, um seine eigenen Worte anzuführen, „bei Mangel an Brot, entblößt von Kleidern und das Joch der Ehe tragend" getan hat. Als es mir vergönnt war, zu Worms den altersgrauen Boden der im Jahre 1034 vollendeten Synagoge, der ältesten noch bestehenden Deutschlands, zu betreten, fühlte ich von den O heiligen Schauern einer geistesgroßen Vergangenheit um so mächtiger mich angeweht, als mir die daneben befindliche Raschikapelle, ein mittelalterliches Bethammidrasch, mit ihrem hochragenden Steinsessel, dem sogenannten Raschistuhl, gezeigt wurde. Was dort sich bot, ist allerdings bloß legendenhafte Ueberlieferung, ruht aber auf dem Felsengrund geschichtlich beglaubigter Tatsachen insofern, als Raschi wirklich über jene altgeweihten Stätten als Talmudjünger hingewandelt ist. Dorthin war er gezogen, um an den Quellen talmudischer Weisheit seinen Wissensdurst zu stillen. Hatte doch damals die Talmudforschung am Rhein eine bedeutende Stufe der Entwicklung erreicht! Hervorragende Gelehrte waren ihre Pfleger gewesen, aus deren Mitte ganz besonders der glänzende Name des Rabbenu Gerschom hervorleuchtet, dem große Verdienste um die Wissenschaft und Religion des Judentums den Ehrennamen einer Leuchte der Diaspora (Meor haggola) eingetragen haben. Er hatte zu Mainz, wo er lebte, eine Talmudschule begründet, deren hohes Ansehen auf den jugendlichen Raschi nicht ohne Wirkung bleiben konnte. Als er sie bezog, stand an ihrer Spitze Jakob bar Jakar, den Raschi als seinen Lehrer namhaft macht. In Worms waren die Meister des Talmuds, deren Schüler er wurde, Isaak hallevi und Isaak bar Jehuda. Daß in diesen Gegenden einst der Geist des Judentums sich so herrlich entfaltete, daß diese Lande einmal berufen - waren, die geistige Entwicklung des Gesamtjudentums tiefgehend zu beinflussen — sollte das für uns nicht ein unvergleichlich erhebender Gedanke sein? Wenn nur nicht mit dem Gefühl der Erhebung das der Beschämung in trauriger Weise sich mischte, so wir der glorreichen Vergangenheit den fürchterlichen Tiefstand jüdischen Wissens und jüdischer Religiösität in der Gegenwart gegenüberstellen! O, daß wir doch alle Kräfte zusammenfassen wollten, um für die Zukunft wenigstens einen einigermaßen beruhigenden Ausgleich zwischen dem Einst und dem Jetzt herbeizusühren! Im Vollbesitz der reichen Geistesschätze, mit denen die ruhmumkränzten rheinischen Hochschulen ihn ausgerüstet hatten, kehrte Raschi im Alter von fünfundzwanzig Jahren, für die Dauer, wie es scheint, nach Troyes zurück. Als er am Ende des dritten Jahrzehnts seines Lebens stand, erblich mit den großen Vertretern der rheinischen Talmudschulen allmählich auch deren Anziehungskraft und vor allem: von da an erhielt Raschi Gelegenheit, zu beweisen, daß Gott ihm eine unvergleichliche Zunge der Belehrung und. Geistesmüde zu stärken, eine köstliche Gabe des Wortes verliehen hatte. Was bis dahin Worms und Mainz gewesen, das wurde nunmehr Troyes. Dorthin, zu den Füßen des hochberühmten, ob auch an Jahren noch jungen Meisters, strömte jetzt Alles, was durstig nach jüdischem Wissen war, aus Frankreich und Deutschland zusammen, und von hier hat die in unserer Zeit noch lange nicht überwundene Bedeutung Raschis für die Folgeentwicklung der Erkenntnis des Judentums ihren Ausgang genommen. Hatte Gott ihm doch eine beneidenswerte Zunge der Belehrung für den unmittelbaren, mündlichen Unterrricht nicht minder wie für die über Länder und Zeiten hinwirkende, schriftstellerische Unterweisung gegeben! Die Hauptarbeit, die Raschi in seinem an Geistesschaffen so reichen Leben geleistet hat, ist, abgesehen von der Ausbildung einer großen Zahl vortrefflicher Schüler, die Abfassung seines einzigartigen Talmudkommentars gewesen. In diesen, fast den ganzen, so überaus umfangreichen babylonischen Talmud umspannenden Erklärungen hat Raschi ein von keinem Gleichstrebenden erreichtes Vorbild eines Talmudkommentars geschaffen das wie mit einem Schlage alle bis auf seine Zeit vorhandenen, ähnlichen Werke aus dem Gebrauch verdrängte und für die Folgezeiten das schwierige Studium des Talmuds unendlich erleichterte, ja weiteren Kreisen überhaupt erst ermöglichte, so, daß es für die Arbeit auf diesem Gebiet bis heute ein unentbehrliches Hülfsmittel blieb und der Talmud ohne den Kommentar Raschis nie gedruckt worden ist. Wie sind die gewaltigen Lehrerfolge Raschis, wie ist die ohne Vergleich dastehende Anerkennung, die ihm zuteil ward, zu erklären? Nun, abgesehen von dem staunenswerten Wissen, der hohen Einsicht und der durchdringenden Geistesschärfe, die er sein eigen nannte, waren es vor allem Charaktervorzüge, die ihm den Weg zu den Höhen gebahnt haben. Seine edle Selbstlosigkeit, seine grenzenlose Bescheidenheit, seine Erhabenheit über jedweden Gelehrtendünkel setzten ihn in den Stand, ohne alle Nebenabsichten ausschließlich die Bedürfnisse der Lernenden zu berücksichtigen. Was wir am Talmudkommentar Raschis gar nicht genug preisen können, ist die wunderbare Eigenschaft, daß seine Erläuterungen in ihrer unerreichten Volkstümlichkeit, Durchsichtigkeit und Deutlichkeit der schwachen Fassungskraft des unsicher tappenden Anfängers ebensowohl wie den hohen Ansprüchen des erkenntnistüchtigen Fachgelehrten angepaßt sind. Das heutige Judentum der Westländer unseres Erdteils, über das, zum mindesten soweit die Religion in Frage kommt, eine traurige Geistes- und Herzensöde hereingebrochen ist — welch unermeßliches Glück wäre sein, wenn die Vorsehung ihm einen großen Lehrer gerade von der Artung Raschis spenden wollte! Denn fehlt es dem Judentum unserer Tage etwa an tüchtigen Gelehrten, an tiefdringenden Erforschern seiner Wissenschaft? Das ist keineswegs der Fall. Was wir dagegen bitter beklagen und wodurch die Unkenntnis und Mißachtung unserer höchsten Güter so schaudererregend überhand genommen hat, das ist der fast gänzliche Mangel an gemeinverständlichen und trotzdem gehaltreichen Darlegungen der ewigen Erkenntnisse des Judentums. O, daß unter uns ein Raschi erstünde! Ein solcher allein wäre imstande, unser mehr noch im Innern als von außen schwerbedrohtes Judentum zu retten. Durch Raschi und die von ihm gegründete Schule ist das f nördliche Frankreich Sonne und Quellgrund der Talmud-

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